Die Macher von "Köln 50667" im Interview: "Geschichten müssen online weitererzählt werden"

Donnerstag, 21. Februar 2013
"Köln 50667" beschert RTL 2 Rekordwerte im Jubiläumsjahr
"Köln 50667" beschert RTL 2 Rekordwerte im Jubiläumsjahr

Die Erotiksendung "Peep", die Realityshow "Big Brother" oder die Doku "Frauentausch": Für Gesprächsstoff sorgte RTL 2 mit seinen Formaten meist, doch selten so sehr wie im Jahr seines 20-jährigen Bestehens. Marktanteile bis zu 16 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, über 2,5 Millionen Facebook-Fans: Die gescriptete Soap "Berlin Tag & Nacht" ist mittlerweile einer der größten Erfolge von RTL 2, der im Januar gestartete Ableger "Köln 50667" verzeichnet nach rund sechs Wochen ebenfalls Spitzenwerte. Im Interview mit HORIZONT sprechen Christian Rudnitzki, bei RTL 2 Leiter der Redaktion Unterhaltung Scripted Program, Andreas Berg, Leiter Sonderwerbeformen beim Vermarkter El Cartel und RTL-2-Unternehmenssprecher Carlos Zamorano über die neue Form der Daily-Soap, die Unterschiede zwischen den Formaten und die Auswirkungen auf die Vermarktung.

Christian Rudnitzki
Christian Rudnitzki
"Berlin Tag & Nacht" ist mittlerweile eine der größten Erfolgsgeschichten im deutschen Fernsehen und gilt als crossmediales Phänomen. Wo sehen Sie die Ursachen für diesen Erfolg?
Christian Rudnitziki:
Entscheidend ist, dass die normale Serienwelt für den Zuschauer erweitert wird. Er kann sich, wenn er will, auf der Facebook-Seite 24 Stunden am Tag mit den Charakteren, der Handlung und den Settings auseinandersetzen und bekommt regelmäßig Informationen aus erster Hand. Das erhöht die emotionale Bindung an das Format ganz enorm.

Carlos Zamorano
Carlos Zamorano
Wie stark ist der Erfolg von „Berlin Tag & Nacht" abhängig vom sozialen Netzwerk? Musste die Zeit erst reif werden für ein derartiges Format?
Carlos Zamorano: Durchaus, ja. Gerade die junge Zielgruppe hat eine unglaubliche Affinität zu den sozialen Netzwerken. "Berlin - Tag & Nacht" ist so jung wie keine andere Soap. So entsteht eine Erwartungshaltung, dass die Geschichte online weitererzählt wird. Doch nicht nur auf Facebook, die Fans können sich auf allen Kanälen mit ‚Berlin Tag & Nacht‘ auseinandersetzen: Im linearen TV, der Mediathek im Internet, über Smartphone-Apps, auf Facebook und Print. Das Jugendmagazin Bravo begleitet "Berlin - Tag & Nacht" redaktionell in beinahe jeder Ausgabe und hat bereits mehrere Titelgeschichten publiziert.

Und inwiefern befruchtet „Berlin Tag & Nacht" den Ableger „Köln 50667"?
Zamorano:
"Köln 50667"  und "Berlin - Tag & Nacht" sind jeweils eigenständige, unabhängige Soaps. Doch gerade am Anfang hat Köln von Berlin profitiert. Wir haben es geschafft, ein TV-Format im Internet zu starten - das gab es vorher nicht im deutschen Fernsehen. Bevor die Sendung am 7. Januar ausgestrahlt wurde, begann Meike Ende November - wie in „Berlin Tag & Nacht" erzählt - sich Gedanken über ihre Beziehung zu Marcel zu machen, um dann eben nach Köln zu gehen. Die Vorgeschichte wurde fast eineinhalb Monate ausschließlich online erzählt. So hatten wir VOR dem TV-Start schon über 300.000 Facebook-Fans. Es war unglaublich. Wir hatten damit vor Serienstart eine extrem starke Fanbase, die an dem, was da kommen würde, unglaublich interessiert war.

Aber wo liegen die wesentlichen Unterschiede - abgesehen von der Stadt? Lässt sich das Erfolgsrezept so einfach übertragen?
Rudnitzki:
Es gibt zahlreiche Unterschiede auf der inhaltlichen Ebene, bei der Entwicklung der Handlungsstränge, den Charakteren und in der Dramaturgie. So gibt es beispielsweise bei "Berlin - Tag & Nacht" gesetzte O-Töne: Die Darsteller selbst kommentieren das Geschehen in die Kamera. Das haben wir in Köln ganz weggelassen, dort lässt sich alles über die Handlung erschließen. In Berlin steht eher das Partyleben im Mittelpunkt, in Köln nimmt der berufliche Kontext mehr Raum ein. Gleich ist lediglich, dass es sich bei beiden Formaten um Soaps für eine junge Generation handelt: Sie werden schneller erzählt als vergleichbare Konkurrenzformate und sind interaktiver und authentischer.

Zamorano: Wir haben auch viel gelernt, das wir jetzt für „Köln 50667" nutzen können. Bei ‚Berlin - Tag & Nacht‘ haben wir zum Beispiel ein dreiviertel Jahr für die Smartphone-App gebraucht - bei "Köln 50667" nur drei Wochen. Und die Apps sind sehr erfolgreich: Die "Berlin"-App wurde bisher über 650.000 Mal abgerufen, bei "Köln" sind es bereits über 150.000 Downloads.

"Berlin Tag & Nacht" punktet auf allen Plattformen
"Berlin Tag & Nacht" punktet auf allen Plattformen

Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Social Media und TV? Werden aus Facebook-Fans letztlich auch TV-Zuschauer?
Rudnitziki:
Ob und inwieweit aus den Facebook-Fans TV-Zuschauer werden oder umgekehrt, lässt sich nicht eindeutig beantworten und ist letztlich auch nicht so entscheidend. Wir wollen vor allem eine gute TV-Serie machen, das ist ganz klar. Und bei „Köln 50667" haben uns die vielen Facebook-Fans von "Berlin - Tag & Nacht" geholfen, auf das neue Format aufmerksam zu machen. 2,5 Millionen Fans - das können wir manchmal selbst nicht fassen. Fast 410.000 davon sprechen darüber - ein Hammerwert! ‚Köln 50667‘ hat vier Wochen nach TV-Start mehr als eine halbe Million Fans, fast 200.000 tauschen sich aus. Die Menschen haben Lust, sich während oder außerhalb der Sendung darüber zu unterhalten. Und die TV-Marktanteile können sich auch sehen lassen.

Inwiefern sind die Kommentare auf Facebook relevant für das künftige Drehbuch?
Rudnitziki:
Wir registrieren Stimmungen und beobachten, was da geschrieben wird. Die Fans geben die Kommentare auch mit unterschiedlicher Motivation ab. Manche möchten direkt die Macher hinter der Serie adressieren und wissen, dass ihr Post bei uns ankommt.

Andreas von Berg
Andreas von Berg
Zur Vermarktung: Welche Auswirkungen hat der Erfolg von "Berlin Tag & Nacht" und "Köln 50667" auf die Vermarktung? Welche Rollen spielen die Formate in Gesprächen mit Kunden und Agenturen?
Andreas von Berg: Sie sind für jeden Werbungtreibenden sehr attraktiv. Die Kunden fragen ständig nach neuen Konzepten für ihre Marketingkommunikation, die über den klassischen 30-Sekünder hinausgehen. Genau das können wir ihnen mit "Berlin Tag & Nacht" und "Köln 50667" bieten: Die Soaps erzielen nicht nur enorm hohe Marktanteile insbesondere bei jungen Zielgruppen, die über lineares Fernsehen immer schwieriger zu erreichen sind. Beide Formate ermöglichen darüber hinaus auch die Ansprache über Internet, Social Media und Mobile. Alle Kanäle sind hier vorbildlich verbunden, und das strahlt positiv auf RTL 2 und El Cartel insgesamt ab. Es wird anerkannt, dass wir da etwas Neues und Einzigartiges geschaffen haben.

Welchen Stellenwert wird Product Placement künftig in den Formaten haben?
von Berg:
Beide Formate sind selbstverständlich sehr attraktive Umfelder für Produktplatzierungen, jedoch stellt die Authentizität der Charaktere und Plots besonders hohe Anforderungen an die Auswahl der Partner und Umsetzung der Placements. Die Glaubwürdigkeit der Formate bei den Fans hat Priorität.

Seit Ende Januar läuft auf Sat 1 „Patchwork Family", ebenfalls von der Produktionsfirma Filmpool, die auch „Berlin Tag & Nacht" und „Köln 50667" produziert, ebenfalls um 18 Uhr. Was sagen Sie zum Nachahmerformat der Konkurrenz?
Rudnitzki:
„Patchwork Family" ist ein gutes Produkt. Ich glaube aber, es werden eine andere Zielgruppe und andere Themen angesprochen.

Wie geht es in Berlin und in Köln weiter?
Zamorano:
Musik spielt eine zentrale Rolle. In den letzten Wochen sind bereits national und international bekannte Acts in der Kölner Kunstbar aufgetreten. Dies möchten wir auch in Zukunft fortsetzen. Von "Berlin Tag & Nacht" gibt es jetzt auch die zweite Musik-CD, die verkaufen sich richtig gut. Interessanterweise auch die DVDs, trotz der Möglichkeit, die Folgen über RTL2 Now zu sehen. Die erste und zweite Staffel der „Berlin -Tag & Nacht"-DVDs haben bereits Gold-Status erreicht.

In beiden Formaten zentral ist die Verwechselbarkeit von Rolle und Ich seitens der Darsteller. Sie geben Interviews als Rollencharakter, auch die Facebook-Kommentare leben davon. Ein neuer Trend?
Rudnitzki:
Schwer zu sagen. Die „Bravo" hatte zum Beispiel auch Barney Stinson aus "How I met your mother" auf dem Titel, nicht den Schauspieler Neil Patrick Harris. Andererseits gab es solche Figuren schon immer, wie zum Beispiel Cindy aus Marzahn, Atze Schröder oder Mickie Krause. Das ist eine künstlerische Entscheidung und vielen Fällen auch der Wunsch der Zuschauer. kl
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