Deutscher Radiopreis: Übertragung mit Startschwierigkeiten

Dienstag, 21. September 2010
Feierte vergangenen Freitag Premiere: Der Deutsche Radiopreis
Feierte vergangenen Freitag Premiere: Der Deutsche Radiopreis

Es ist vollbracht. Vergangenen Freitag hat die deutsche Radiobranche das erste Mal herausragende redaktionelle Beiträge und Leistungen ausgezeichnet. Lange genug hat es gedauert, bis sich die öffentlich-rechtlichen und privaten Sender zusammengerauft und eine derartige Kooperation auf die Beine gestellt haben. Die Gala im Hamburger Hafen hat jedoch deutlich gemacht, dass das Radio beim Sich-selbst-feiern gegenüber anderen Medien noch einigen Nachholbedarf hat. Die Ausstrahlung der Preisverleihung im Fernsehen war für Mitternacht angesetzt, die Veranstaltung begann aber bereits um kurz nach 20 Uhr. Sollte die Radiogala tatsächlich auch nur für den Hörfunk gedacht sein? Die Live-Übertragung auf über 20 deutschen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern hat zumindest den Eindruck erweckt. Um die Hörer am Geschehen teilhaben zu lassen, haben zwei zusätzliche Radiokommentatoren das Geschehen auf der Gala kommentiert. Doch eine Preisverleihung ist nun mal kein Fußballspiel: Wenn Susanka Bersin von BigFM und Thomas Mohr vom NDR erzählen, wie Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein über ihr Kleid stolpert, und zwar während Müller-Hohenstein weiter redet, verwirrt das den Zuschauer eher als ihn zu erhellen.

Trotz detaillierter Beschreibungen der Veranstaltung konnten es die Kommentatoren nicht lassen, den Hörer mehrmals darauf hinzuweisen, was er denn nun im Fernsehen alles sehen könnte. Wer nach mehreren Wiederholungen darin eine Aufforderung verstanden hat, der Gala ab sofort in einem Live-Stream auf der Website des Deutschen Radiopreises zu folgen, hatte wohl auch die Hoffnung, dann die Radiokommentatoren los zu sein. Doch auch dort konnte der Zuschauer nur angestrengt versuchen, einer der beiden Tonspuren zu folgen. Anscheinend haben die Radiokollegen es nicht für angebracht gehalten, während der Moderation von Müller-Hohenstein die eigenen Kommentare einzustellen.

Besser hat das bei den Reden der hochkarätigen Laudatoren funktioniert, und davon hatte die Veranstaltung neben Lena Mayer-Landrut, Hans-Dietrich Genscher und Reiner Calmund genug. Zwar haben sich die prominenten Gäste stets Mühe gegeben, einen persönlichen Bezug zum Radio herzustellen, doch manchen von ihnen ist das besser gelungen als anderen. Hans-Dietrich Genscher zum Beispiel hat angemerkt, dass er ja nun schon seit Jahren "freier Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen und privaten Radiosender" sei, und Lenas großer Radiomoment war, überraschenderweise, als sie ihr Lied das erste Mal im Auto hörte.

Den bisweilen unprofessionellen Eindruck haben die Preisträger wett machen können: Den Preis für die beste Reportage hat mit „Letzte Fahrt ins Spielzeugland" eine Koproduktion des Nordwestradios mit Radio Bremen und dem NDR gewonnen. Der Beitrag berichtet über das herzzerreisende Schicksal eines alten Mannes, der seinen traditionsbehafteten Spielzeugladen in Bremen schließen muss. Die Hörer bekommen im Rahmen der Preisverleihung davon nur einen kleinen Ausschnitt präsentiert, doch schlagartig wird klar, was das Medium Radio auch heute noch so Besonders macht. Eine Nähe zu den Menschen, sachlich und doch emotional und eine Natürlichkeit, wie sie kein anderes Medium hat.

Der Preis für die beste Innovation zeigt gleichzeitig, dass sich das Radio nicht vor dem Internet fürchten muss. „Die Frage on3-radio" des Bayrischen Rundfunks diskutiert und recherchiert im Netz mit seinen Hörern Fragestellungen und füllt damit dann eine Sendung. Da war selbst Laudatorin Christine Neubauer überrascht. „Ich hätte ja nie gedacht, dass der BR mal einen Preis für Innovation bekommt", merkte die bayrische Schauspielerin an.

Nur drei der elf Preise sind an dem Abend an private Sender vergeben worden. Antenne Bayern und John Ment vom Radio Hamburg haben zwar noch zwei Sonderpreise erhalten, doch die Dominanz der Öffentlich-rechtlichen ist deutlich zu sehen. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung hatte es sowohl seitens der öffentlich-rechtlichen als auch der privaten Sender Vorbehalte gegenüber der Neutralität der Jury gegeben. Bleibt zu hoffen, dass die Verteilung der Preise keinen Keil zwischen die neuen Freunde treibt. Denn der größte Gewinner soll laut Joachim Knuth, NDR Programmdirektor Hörfunk und Vorsitzender des Beirats Deutscher Radiopreis, das Medium Radio sein. Der Radiopreis könnte dem Hörfunk tatsächlich neuen Schwung verleihen - auch ohne Live-Kommentatoren. Hanna Klein
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