Deutscher Presserat: Loveparade und "Titanic" sorgen für Beschwerdezuwachs

Freitag, 29. Oktober 2010
Bernd Hilder sieht verändertes Kommunikationsverhalten als Grund für mehr Beschwerden
Bernd Hilder sieht verändertes Kommunikationsverhalten als Grund für mehr Beschwerden

In diesem Jahr sind beim Deutschen Presserat mehr Beschwerden als jemals zuvor eingegangen. Bereits Mitte Oktober hat der Presserat über 1500 eingegangene Beschwerden zu verzeichnen. Bis Ende des Jahres sollen es 1600 sein, das sind rund ein Viertel mehr als im Vorjahr. Neben deutlich umfangreicheren Sammelbeschwerden hat auch die Ausweitung auf den Online-Bereich zur der Steigerung beigetragen  Der Presserat hat 2010 seinen Zuständigkeitsbereich auch auf redaktionelle Online-Publikationen ausgeweitet. Zudem können Leser seit diesem Jahr ihre Beschwerde über ein Online-Formular einreichen. Das hat der Presserat gestern auf seiner Jahrespressekonferenz bekannt gegeben. 

Weitaus mehr Beschwerden beziehen sich bereits heute auf Online-Medien anstatt auf Print-Publikationen. Allerdings haben die Beschwerdeführer 70 Prozent ihrer Anliegen in diesem Jahr per E-Mail oder über das Beschwerdeportal eingereicht. Hierbei sind oft Verlinkungen oder Screenshots verwendet worden, die deutlich einfacher und schneller anzufertigen sind als Scans oder Kopien von Print-Berichten.

Auch die Anzahl der Beschwerden zu einem Ereignis hat sich in diesem Jahr deutlich erhöht. Waren es 2009 zum Amoklauf in Winnenden noch 81 Beschwerden, hat der Presserat in diesem Jahr bei der Berichterstattung zum Unglück der Loveparade mit mittlerweile 245 Eingängen einen Beschwerderekord zu verzeichnen. 198 weitere Beschwerden haben die Leser zum April-Titelbild des Satire-Magazins "Titanic" eingereicht, auf dem ein gekreuzigter Jesus zu sehen ist vor dessen Genitalbereichs ein Pfarrer kniet.

Während der Presserat für die Berichterstattung zur Loveparade eine öffentliche Rüge ausgesprochen hat, urteilte er im Titanic-Fall, dass die Karikatur von der Pressefreiheit geschützt sei. Diese Fälle zeigen, dass auch das Social Web zur Steigerung der Beschwerdeanzahl beigetragen hat. Viele Leser haben über soziale Netzwerke oder andere Online-Portale von der Beschwerdemöglichkeit erfahren und im Anschluss genutzt.

Im Vergleich zum Vorjahr hat der Presserat bereits 2009 eine deutliche Steigerung der Beschwerdeanzahl registriert. Die Veränderungen im Online-Bereich haben da bereits für einen Zuwachs von 74 Prozent gesorgt. Bernd Hilder, Sprecher des Presserats sieht Veränderungen in den Kommunikationsansprüchen der Leser. "Die Nutzer von journalistischen Produkten möchten offensichtlich mit den Redaktionen in Kontakt treten und über die Inhalte diskutieren." Dieses neue Nutzungsverhalten führe dazu, dass sich die Menschen in ethischen Grenzfällen verstärkt an den Presserat wenden. hor
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