Der gläserne Freund: Wie die Timeline von Facebook funktioniert

Freitag, 16. Dezember 2011
Die Timeline: Das ganze Leben bei Facebook
Die Timeline: Das ganze Leben bei Facebook
Themenseiten zu diesem Artikel:

Facebook Timeline Deutschland Anfüttern USA Google+


Auch in Deutschland ist es nun so weit: Facebook führt seine viel kritisierte Timeline, zu deutsch Chronik, ein. Mit ihr kann jeder Nutzer sein Leben von der Geburt bis heute abbilden – angefüttert mit Informationen aus dem sozialen Netzwerk. HORIZONT.NET erklärt das neue Profil und warum der Konzern diesen Schritt gegangen ist.

Das neue Profil

Im Gegensatz zum früheren Profil wird nicht mehr in Pinnwand, Infos, Fotos, Freunde und weitere Reiter unterschieden. Stattdessen kann jeder Nutzer „seine Geschichte erzählen“, wie Facebook es nennt: Das Titelbild, das einer Visitenkarte ähneln soll, kann individuell ausgewählt werden. Darunter erscheinen dann links Informationen zur Person, wie Name, Beruf, Wohnort, Beziehungsstatus und Geburtsdatum. Rechts davon sind in Kästen die vorherigen Reiter zu finden: Freunde, Fotos, Orte, bei welchen Seiten der Nutzer auf „Gefällt mir“ geklickt hat. Darunter findet sich – beinahe wie gewohnt – die Pinnwand, allerdings zweispaltig.

Neu ist, dass alle Informationen chronologisch angeordnet sind. Damit möchte Facebook das Leben des Nutzers online abbilden – im Idealfall von der Geburt bis zum heutigen Tag. Und so navigiert ein Besucher auch durch das Profil: Über die rechtsbündige Leiste kann jeder beliebige Zeitpunkt ausgewählt werden, seit der Nutzer Facebook beigetreten ist oder sogar der Zeit davor: Nutzer können, wenn sie möchten, weitere Ereignisse und Fotos hochladen, die aus der Vor-Facebook-Zeit stammen und so ihr gesamtes Leben auf Facebook teilen. Außerdem können einzelne, wichtige Ereignisse besonders markiert und vergrößert werden.

Apps ermöglichen außerdem, künftig noch mehr Informationen über das tägliche Leben auf Facebook zu teilen: Welche Musik man gerade hört, welche Filme man sieht, all das kann nun ebenfalls in die digitale Chronik einfließen und so das Profil des Nutzers erweitern. Damit stärkt Facebook die soziale Komponente, indem der Nutzer die Dinge, die er mag, nun noch leichter mit seinen Freunden teilen kann.

Die Privatsphäre

Auch wenn Facebook die Nutzer dazu anhält, möglichst alles über das eigene Leben im sozialen Netzwerk preiszugeben, soll die Kontrolle über die Daten weiterhin beim Nutzer bleiben. Die Privatsphäre-Einstellungen, die für bereits bestehende Beiträge eingestellt wurden, bleiben bestehen.

Außerdem kann der Nutzer über das sogenannte Aktivitätenprotokoll für jeden einzelnen Beitrag entscheiden, ob er bestehen bleiben oder gelöscht werden soll, ob er in der Timeline erscheinen oder versteckt werden soll und welche Personen den Beitrag sehen dürfen. Dies gilt nicht nur für Statusmeldungen, sondern auch für Fotos oder Kommentare. Laut Facebook soll das neue Profil sogar „übersichtlicher und transparenter“ sein.

Damit jeder Nutzer ausreichend Zeit hat, sich mit all den Änderungen zu beschäftigen, bleiben nach dem Freischalten der Timeline sieben Tage Zeit, bis das neue Profil für alle Freunde sichtbar wird. Ein verfrühtes Freischalten ist jedoch jederzeit möglich.

-
-

Mehr Daten für Facebook

Natürlich hat Facebook das neue Profil nicht aus Selbstlosigkeit eingeführt: Je mehr Daten das Netzwerk über den einzelnen Nutzer sammelt, desto genauer können auch Werbeanzeigen ausgeliefert werden – und je mehr Daten es gibt, desto teurer können diese Anzeigen auch verkauft werden. Die Targetingmöglichkeiten werden durch die neue Timeline also noch verstärkt – was die Werbeerlöse von Facebook noch weiter in die Höhe treiben dürfte: Für 2011 prognostiziert Emarketer allein für die USA Werbeerlöse in Höhe von 2,19 Milliarden Dollar (1,68 Milliarden Euro), 2012 werden die Zahlen vermutlich deutlich höher liegen.

Außerdem sichert sich Facebook mit der Timeline gegenüber anderen sozialen Netzwerken wie Google+ ab, denn wer löscht noch sein Profil, wenn das gesamte Leben bei Facebook gesammelt ist? Schließlich wirft man ja auch nicht einfach alle Fotoalben und alten Briefe in den Mülleimer. Der Nutzer wird also stärker an das Netzwerk gebunden – und gibt im Umkehrschluss noch mehr Informationen über sich preis – schließlich soll das eigene Profil und damit auch das eigene Leben im Netz möglichst bunt und aufregend aussehen. sw
Meist gelesen
stats