David Bosshart auf dem ADC: Frauen und Alte sind die Entscheider der Zukunft

Freitag, 11. Mai 2012
David Bosshart bei seinem Vortrag auf dem ADC
David Bosshart bei seinem Vortrag auf dem ADC


Nach zwei geschlossenen Jurytagen öffnet der Art Directors Club für Deutschland (ADC) die Halle 5 in der Messe Frankfurt heute auch für das Publikum. Zwei Tage Kongressprogramm unter dem Motto „Ideen sind das Geld von morgen. Kreative als Vorboten einer neuen Ökonomie" erwarten die Besucher, den Auftakt machte heute Vormittag der Gesellschaftswissenschaftler Dr. David Bosshart  aus Zürich. "Sinn statt Geld" lautet die herausfordernde These des  Schweizers, der sich als CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts schwerpunktmäßig mit der Zukunft des Konsums auseinandersetzt. „Wir befinden uns am Ende des Zahlenwachstums", so Bosshart. Für den Autor des Buches „Age of Less" ist das Zeitalter der großen Massenmärkte vorbei. Als Beispiel nennt Bosshart etwa den amerikanischen Wahlkampf. „Nicht mehr das Geld an der Wall Street entscheidet, wer der nächste Präsident in den USA wird, sondern der Umgang mit der Schwulenheirat."

In einer neuen Ökonomie gehe es darum, den Märkten zuerst emotional, dann sozial und schließlich rational zu begegnen. Während „sozial" vor einigen Jahren noch das Unwort schlechthin - ein Wort für Looser - gewesen sei, stehe soziale Kreativität heute höher im Kurs denn je. Im Verhältnis trage Intellekt nur 15 Prozent zum Erfolg bei, Fleiß sogar nur 5 Prozent. Der Kreativität misst Bosshart 25 Prozent und der Leidenschaft 35 Prozent bei.

Kreativ ist nach Bosshart, wer nicht der Masse folgt, meist eher eigenbrödlerisch andere Perspektiven einnimmt und sich trotzdem durch Strenge und Disziplin auszeichnet. Die optimale Organisationsform für eine neue Ökonomie dürfe nicht mehr den Mustern von Silos oder Kathedralen folgen, sondern müsse sich an einem orientalischen Bazar orientieren. „Kreativität geht über Grenzen hinaus und ist dort am fruchtbarsten, wo viele Sprachen zusammen kommen", so Bosshart. Seine Vorschläge für Jobbezeichnungen innerhalb dieser Wirtschaft sind etwa „Vice President of cool", „Digital Identity Planner", „Chief Imagination Officer" und „Wantologist" - eine Person, die einem erklärt, was man wollen soll.

Als Treiber des Konsums der Zukunft sieht Bosshart - das betont er mehrfach - die Frauen. „Männer überleben zwar, aber eher als Luxusaccessoire", so der Wissenschaftler. Darüber hinaus werden die Jungen, denen in der Vergangenheit der größte Einfluss auf Konsum und Gesellschaft zugeschrieben wurde, nach Bosshart von den Alten abgelöst. Politisch korrekt heiße es heute nicht mehr „Schatz, du wirst älter", sondern „Schatz, du wirst komplexer". Es sei nur konsequent, so Bosshart, Menschen, die nicht körperlich arbeiten, erst mit 75 in Rente zu schicken. Gerade Kreative, die in diesem Alter noch eine zweite Karriere anfangen, seien oftmals noch erfolgreicher als in ihrem bisherigen Job, da sie nicht  mehr nur umsatzgetrieben handelten. Das antwortet Bosshart übrigens auch dem ADC-Mitglied und Axel-Springer-Artdirektor Lo Breier, der ihm auf dem Panel gegenübersitzt und ihn fragt, ob er nicht noch einmal ganz neu anfangen sollte. Das Format, jedem Key-Note-Speaker einen Kreativen gegenüberzusetzen, soll sich durch das komplette Programm ziehen. Vom Auftakt hätte man sich allerdings eine etwas regere Diskussion erhofft. jf
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