Daumen runter für Facebook: Ein Konzern entzaubert sich selbst

Montag, 11. Juni 2012
Immer optimistisch bleiben: Mark Zuckerberg
Immer optimistisch bleiben: Mark Zuckerberg

Ein Unternehmen, das zur Kapitalvernichtungsmaschine mutiert. Ein CEO, der ein brillanter Technikfreak ist, aber keinen Geldautomaten bedienen kann. Eine als „Demokratisierung" verkaufte Nutzerbefragung, die eine Farce war. Facebook und Mark Zuckerberg sind dabei, sich selbst zu entzaubern. Und im Mobile-Bereich fehlen dem Unternehmen bislang die zündenden Ideen.  Vier große Unternehmen beherrschen das globale Internet: die Big Four Amazon, Apple, Facebook und Google. Amazon, Apple und Google haben klare Geschäftsmodelle und ein Management, das in der Lage ist, Visionen zu formulieren und innovative Geschäftsfelder zu besetzen. Facebook dagegen vermittelt derzeit ein desaströses Bild. Vor dem Börsengang wurde das soziale Netzwerk von Analysten, Beratern, Philosophen und den 901 Millionen Mitgliedern über alle Maßen bewundert. Doch seit dem 18. Mai dämmert es nicht nur den Anlegern: Der Börsengang erwies sich nicht als der Größte Anzunehmende Reibach, sondern als der Größte Anzunehmende Unfall für viele Anleger. Innerhalb kurzer Zeit droht das soziale Netzwerk vom Business-Zukunftsmodell zur  Kapitalvernichtungsmaschine allererster Güte zu mutieren - die Klagewelle von Anlegern, die sich betrogen fühlen, rollt an.


Auch der demokratisch-alternative Habitus, mit dem die Facebook-Offiziellen unterwegs sind, bekommt immer mehr Risse. Am 8. Juni beendete Abstimmung über neue Nutzungsbedingungen.   Gerade mal 342.632 Nutzer weltweit beteiligten sich an der Abstimmung - immerhin mit einer beeindruckenden Mehrheit von über 297.000 Stimmen gegen die neuen Nutzungsbedingungen. Facebook kann's egal sein - das Ergebnis wäre nur bindend gewesen, wenn sich fast ein Drittel der 900 Millionen Mitglieder beteiligt hätten. Die als Beispiel für Demokratie, Offenheit und Authentizität verkaufte Abstimmung war eine Farce, ein weiteres Beispiel für das merkwürdige Demokratieverständnis der Zuckerberg-Truppe. Wie heißt es immer so schön: Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Regeln brechen. Wenn der Regelbruch so interpretiert wird, wie dies Zuckerbergs Mannschaft in vielen Bereichen vorexerziert, kann man nur sagen: Nein Danke!!

Damit nicht genug: Dem Facebook-Management fehlt eine Vision, womit man eigentlich dauerhaft an das ganz große Geld - und um nichts anderes geht es - kommen will. Werbung? Wer sich mit anderen Menschen unterhält, will nicht von Werbung abgelenkt werden. Das gilt im richtigen Leben wie im digitalen Fan-Dasein. Klar - Facebook ist auch jetzt schon eine der großen Werbeplattformen. Doch kein Mensch weiß derzeit, ob und welche Werbeformen - Social Ads, Display, Empfehlungsmarketing - langfristig ein standardisiertes und von den Nutzern akzeptiertes Modell sein könnten.


Es zeigt sich zudem, dass die vermeintlich so außergewöhnlichen Strategen ein für das Unternehmen künftig absolut relevant Geschäftsfeld bislang sträflich vernachlässigt haben - den Mobile-Bereich. Knapp über 900 Millionen Mitglieder hat das soziale Netzwerk weltweit. Mehr als die Hälfte, nämlich 488 Millionen, greifen über Smartphones auf die Plattform zu. Ausgerechnet hier existiert bislang kein überzeugendes Werbeformat. Das soll sich zwar rasch ändern - doch für Schlagzeilen sorgen derzeit halt eher der desaströs missratene Börsengang oder ein  CEO, den  ein italienischer Geldautomat vor unlösbare Probleme stellt.

Umso fataler aus Facebook-Perspektive, dass der Erzrivale Google das Mobile-Terrain frühzeitig besetzt hat. Die Parole „Mobile First" hatte der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt schon 2010 für sein Unternehmen ausgegeben. Seitdem hat sich der Konzern konsequent dieses Bereichs angenommen - mit einem eigenen Betriebssystem für Handys, mit Google Suche, Google Maps und Google E-Mail für Mobiltelefone. Google-CEO Larry Page ist sicher, dass die Mobile-Umsätze mittelfristig die Desktop-Erlöse übertreffen werden. 2011 machte Google schätzungsweise 750 Millionen Dollar Umsatz mit Mobile Advertising - eine Größe, von der Mark Zuckerberg nur träumen kann.

Man muss nicht so weit gehen wie US-Finanzexperte Eric Jackson, Gründer von Ironfire Capital, der prognostiziert, dass Facebook im Jahr 2020 verschwunden sein wird. Aber: Facebook ist dabei, sich selbst zu entzaubern. Und wenn es so weiter agiert, werden Aktienkurs, Image und Respekt vor der Leistung des Unternehmens weiterhin so dramatisch zurückgehen wie in den vergangenen Wochen.vs
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