„Das perfekte Model" im HORIZONT-Check: Nahbar-Normal statt Deus Ex Machina

Mittwoch, 01. Februar 2012
Die Kandidatinnen beim "Todsünden"-Shooting
Die Kandidatinnen beim "Todsünden"-Shooting

Es hat lange gedauert, bis die Mediengruppe RTL Deutschland sich entschlossen hat, „Germany's next Topmodel" auf Pro Sieben etwas aus dem eigenen Haus entgegenzusetzen. Im Rückblick verwundert das Zögern - macht Pro Sieben doch schon seit 2006 vor, wie sich  Zuschauer und vor allem Werbekunden an das zumeist positive Format binden lassen. Gestern Abend flimmerte mit „Das perfekte Model" auf Vox nun endlich ein Angreiferformat über den Bildschirm. Der Auftakt zeigt eine im Ablauf wenig überraschende, aber gut durchdachte Show, die genug Ähnlichkeit mit dem Heidi-Klum-Format hat, um die „GnTM"-Zuschauer zu erreichen, sich aber auch wohltuend von der Pro-Sieben-Sendung unterscheidet. Es sind drei wesentliche Unterschiede, die den Charme von „Das perfekte Model" ausmachen:


Die Jurorinnen

Supermodels Eva Padberg (l.), Karolina Kurková
Supermodels Eva Padberg (l.), Karolina Kurková
Vox hat sich die Suche nach der Jury - zurecht -  nicht leicht gemacht. Heidi Klum wird für ihren beruflichen - und bis vor kurzem auch privaten - Erfolg wenn auch nicht geliebt, so doch geachtet. Sie ist schon seit zwei Jahrzehnten im Business und weiß wie wenige andere, wie sich mit diesem Job, nicht zuletzt mit Werbung, auch Geld verdienen lässt. Ihre Rolle bei „Topmodel" versteht sie seit jeher mehr als kritische Model-Domina, denn als die beherzte Model-Mama, als die sie mitunter tituliert wurde. Der Respekt und die Treue ihrer Kandidatinnen und hunderttausender Zuschauer vor den Bildschirmen ist ihr trotzdem gewiss. Allen Kritikern zum Trotz, die Heidi Klums mangelnde Präsenz auf Haute-Couture-Laufstegen und High-Class-Magazinen ankreiden.
Heidi Klum jemanden entgegenzusetzen, ist damit wahrlich nicht einfach.

Die Kandidatinnen im Überblick
Die Kandidatinnen im Überblick
Frei nach der Devise „Viel hilft viel" hat Vox das Problem mit dem Duo Eva Padberg und Karolina Kurkova gut gelöst. Eva Padberg, geerdete Thüringerin, und Kurkova, gebürtige Tschechin und jüngstes Model, das je auf dem Cover der amerikanischen „Vogue" zu sehen war, sind  über Anfeindungen, wie sie Klum regelmäßig ertragen muss, erhaben. Sie beherrschen Laufsteg, Editorial-Shootings und große Werbekampagnen gleichermaßen gut. Wenn Heidi Klum immer ein wenig wirkt wie das All-American-Girl aus Texas, sind Kurkova und Padberg mehr in Metropolen wie Paris und Mailand zuhause.

Eine ordentliche Portion internationalen Flair bekommt die Show dadurch, dass Kurkova simultan von Englisch in Deutsch übersetzt wird. Auch Padberg und Kurkova sprechen Englisch miteinander - zumindest bis der Sprachkurs Früchte trägt, den Padberg Kurkova gibt und der Lektionen enthält wie den Satz „Wir arbeiten uns den Arsch ab".

Die beiden Models haben Humor. Sie lachen weniger über die Kandidatinnen, als vielmehr über sich selbst. „I'm a shorty" sagt Kurkvova zu Padberg, als sie neben einem besonders großen Mädchen steht. Eva sucht dagegen nach dem „Chicowawah" und freut sich ehrlich, wenn sie diesen Wow-Effekt bei einer Kandidatin findet.

Das Konzept

Fotograf Carsten Sanders, Kandidatininnen beim Fotoshooting
Fotograf Carsten Sanders, Kandidatininnen beim Fotoshooting
Das Konzept ist viel Me-too, unterscheidet sich in einigen Punkten jedoch deutlich von „Germany's next Topmodel". In der ersten Runde haben Kurkova und Padberg auf rund 40 Mädchen heruntergesiebt. In der nächsten Folge geht es auf 20. Diese werden dann wie bei „X-Factor" oder „The Voice" auf die Jurorinnen aufgeteilt. Fortan pitchen Kurkova und Padberg auch gegeneinander, mit dem Ziel, „Das perfekte Model" aus ihrem Team zu stellen „KK versus Eva", nennt Kurkova den Wettbewerb. Welches Mädchen darf zum Casting? Welches zum Shooting? Wer aus jedem Team kommt weiter? Das werden die Fragen der nächsten Woche sein.  

Bei Heidi Klum ist die Frontstellung dagegen: Jury gegen Kandidatinnen, wobei die Jury aus Klum und zwei Beisitzern besteht, die über wenig Bekanntheit verfügen. Aktuell sind es Thomas & Thomas - ein Designer und ein Ex-Werber.

Weiterer Unterschied: Das „Topmodel" wird von der Jury gekürt, „Das perfekte Model" am Ende aber von den Zuschauern. Das Wahlverfahren dürfte Diskussionen darüber ersticken, ob bei der Siegerwahl eigentlich alles mit rechten Dingen zugeht.

Die Umsetzung

Supermodels Eva Padberg (l.), Karolina Kurková, Carsten Sanders
Supermodels Eva Padberg (l.), Karolina Kurková, Carsten Sanders
Vorstellungen von Mädchen und Jury, die Castings und die anschließenden Shootings - das alles kommt weit weniger aufgesetzt daher als die Klum-Show. Es wirkt nahbarer und authentischer. Padberg und Kurkova erzählen viel - auch von sich und ihren eigenen Unzulänglichkeiten („Wir haben lange Nasen", sagt Kurkova). Der Kamera, vor allem aber den Mädels. Man sieht Karolina Kurkovas Tränen kullern, weil auch sie Sehnsucht nach ihrem zweijährigen Kind hat und von einem Mädchen daran erinnert wird, das Heimweh und Unsicherheit plagen. Eva Padberg erzählt, wie schwer ihre ersten Jahre waren. Die beiden Frauen sind nahbar-normal und nicht der Klumsche Deus ex Machina, der nur dann vom Olymp herabsteigt, wenn es mal wieder ganz schlimm bei einem der Mädels aussieht.

Die Kandidatinnen erfahren schnell, ob sie weiterkommen
Die Kandidatinnen erfahren schnell, ob sie weiterkommen
Die Show wirkt zudem wesentlich lockerer als das stringent durchkomponierte „GnTM". Schon im offenen Casting wird eine Kandidatin komplett umgestylt. Kurkova sucht zudem in einer Modelagentur nach Teilnehmerinnen, Padberg in einem Krankenhaus. Immer wieder sind die Jurorinnen in anderen Situationen und an anderen Orten zu sehen, in denen sie über sich erzählen. Es ist weit weniger statisch, als die sonst üblichen Castings, die in der Aufarbeitung nur von traurigen Einspielern, über die bewegenden Schicksale der Bewerber unterbrochen werden. Wobei - auch diese dürfen bei „Das perfekte Model" natürlich nicht fehlen.

Besonders wohltuend ist in der Vox-Show aber der Verzicht auf die Theatralik, von der die Klum-Show mittlerweile stark lebt. Die Sekunden, während derer Heidi Klum die Mädchen, zappeln lässt, ob sie weiter sind oder nicht, dehnen sich mittlerweile zu Minuten. Bei Kurkova geht das kurz und knapp: „Are you in or out? - You're in!". Für die Ausgeschiedenen heißt es dagegen freundlich und höflich: „Deine Reise endet hier" statt „Ich habe heute kein Foto für Dich".

Fazit:

Die Quoten der ersten Show waren mit 0,8 Millionen Zuschauern bei den 14- bis 49-Jährigen und 1,29 Millionen im Gesamtpublikum ordentlich, angesichts der großen Werbekampagne zum Start dürfte sich der Sender jedoch mehr erhofft haben. Auch die Marktanteile blieben mit 7,8 Prozent bei den Jüngeren beziehungsweise 5 Prozent deutlich unter dem, was die zuvor laufende „Daniela Katzenberger" anlieferte. Doch wer „Germany's next Topmodel" gut findet, kann auch „Das perfekte Model" nicht schlecht finden. Deshalb bekommt „Das perfekte Model" von uns ein Foto. Aber nächste Woche, KK und Eva,  da müsst ihr noch mal richtig zeigen, was ihr drauf habt. pap
Meist gelesen
stats