Das Medienecho auf den Spiegel-Titel zur "Bild"-Zeitung

Montag, 28. Februar 2011
Die Titelstory des "Spiegel" kommt nicht überall gut an
Die Titelstory des "Spiegel" kommt nicht überall gut an

Der "Spiegel"-Aufmacher zur "Bild-Zeitung" stößt bei Medienjournalisten und Blogs auf ein geteiltes Echo. Inhaltlich bietet die Aufmachergeschichte "Die Brandstifter" kaum neues, darin sind sich die meisten Kommentatoren einig. "Man liest Dinge, die jeden Tag bei "Bildblog" hinreichend dokumentiert sind und man wundert sich, wo eigentlich die eigene Rechercheleistung einer Truppe von Titel-Autoren bleibt", stichelt zum Beispiel der ehemalige Bild-Blog-Autor Christian Jakubetz in seinem JakBlog. Die linksalternative "taz" zumindest freut sich, dass sie endlich wieder Unterstützung beim publizistischen Kampf gegen einen ihrer Lieblingsgegner bekommt: "Unter seinen neuen Chefredakteuren Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron wird der Spiegel wieder spürbar linker. Welcome back!" HORIZONT.NET dokumentiert das Medienecho auf den Spiegel-Titel "Die Brandstifter". 

Steffen Grimberg in der Taz:

Nach Jahren der höchst einvernehmlichen Koexistenz begibt sich der Spiegel mit einer scharfen Kritik an Deutschlands meinungsmachendster Zeitung endlich wieder auf Feindfahrt. (...) Unter seinen neuen Chefredakteuren Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron wird der Spiegel wieder spürbar linker. Welcome back! (...)

Spektakulär Neues erfährt man allerdings nicht im Spiegel-Titel. Claudia Roth (Grüne) und Ottfried Fischer (Bulle von Tölz) schildern nochmal, wie das Blatt jeweils mit ihnen Schlitten fuhr. Politisch motiviert war es bei der einen (Roth), schlicht spermatittengeil bei dem anderen (Fischer). Die Auffahrt des Karl Theodor zu Guttenberg in den Polit-Olymp und die Treue Abwehrschlacht seiner "Leibgarde" in der Bild-Redaktion wird zwar gewürdigt, doch die ist dem Springer-Blatt kaum allein vorzuwerfen: Auch die Welt steht im Zweifel in Treue fest zum jetzt doktortitellosen Freiherrn. (...)

Doch die insgesamt 12-seitige Strecke, in der die Spiegel-Autorencrew erstaunlicherweise staunt, was da alles selbst nach den rauen Kriterien des Boulevards bei Bild noch viel schmutziger ausfällt, lohnt sich schon wegen dieser sehr klugen Beobachtung: "Für die CDU" - und man kann hinzufügen: für das politische System insgesamt - habe Bild "die Funktion eines rechtspopulistischen Flügels übernommen", so der Spiegel. Formuliert werde, "was sich anschließend in der öffentlichen Debatte Instrumentalisieren lässt". Und erst durch Bild verdichteten „sich einzelne Meldungen und Kommentare zu einem fremdenfeindlichen Ganzen".

Christopher Keil in der Süddeutsche Zeitung:

(...) Die Titelgeschichte jetzt, die nichts Großes enthüllt, arbeitet sich stellenweise sehr an dem Bild-Trick ab, sich als Leitmedium zu gerieren - aber ein Leitmedium ist Bild nicht. Lesenswert ist die Cover-Geschichte dennoch, wenngleich Gerhard Henschel 2006 in seinem Buch "Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung" am eindrucksvollsten in der jüngeren Zeit die Folgen der Bild-Berichterstattung darstellt.

Ob Bild "nicht viel gelungener ist, als ein Gebildeter unter seinen Verächtern es je porträtieren oder karikieren könnte" hatte Rudolf Augstein angesichts des Böll-Abdrucks gefragt. Und hinzugefügt: Ob Bild nur Bild sei oder ob nicht auch in piekfeinen Blättern "ein mordlüsternes Stück Bild steckt (vom Spiegel gar nicht zu reden)": darüber könne "nun gehakt und gerangelt werden".

Die Spiegel-Aufmachung mit Bild zeigt jedenfalls, dass Medien, die Multiplikatoren für Themen und Stimmungen in einer Gesellschaft, nicht dort ihren blinden Fleck haben dürfen, wo sie mit sich selbst konfrontiert sind.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die Blogs Carta.info und JakBlog zu der Spiegel-Geschichte schreiben

Robin Meyer-Lucht bei Carta.info:

Der Artikel besteht leider aus einer enttäuschenden Spiegel-Melange aus Geschichtchen, Befindlichkeiten, Analyse-Fragmenten und irgendwelchem Füllstoff: Wie genau passt die zu Guttenberg-Protektion durch Bild mit dem Rechtspopulismus-Vorwurf zusammen? Wie genau lief die diskursive Inszenierung der zu Guttenberg-Verteidigung in Bild? Wie lautet die rechtspopulistische Agenda von Bild? Wie hat sich die Medienlandschaft um Bild verändert, so dass Bild derart hervorsticht?

All diese Fragen bleiben in der Spiegel-Geschichte im Ungefähren. Der Text wirkt wie eine hastig mit Bordmitteln zusammengeklaubte Ansammlung von längst Bekanntem. Auch ein Interview mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann vermag wenig Bemerkenswertes zu produzieren.

Christian Jakubetz bei JakBlog:

Man liest Dinge, die jeden Tag bei "Bildblog" hinreichend dokumentiert sind und man wundert sich, wo eigentlich die eigene Rechercheleistung einer Truppe von Titel-Autoren bleibt. Der gesamte Titel liest sich wie eine Zusammenfassung der besten Bildblog-Geschichten der letzten zwei Jahre, garniert mit ein paar eigenen Einschätzungen und ein paar Hintergrundgesprächen, beispielsweise mit Ottfried Fischer, den man dann mit Sätzen zitiert, die schon etliche Male auch anderswo zu lesen waren. (...)

Was mich wundert: Man will also publizistisch einen Nachweis über die Gefährlichkeit der "Bild" liefern und deren Chefredakteur, einen bekanntermaßen brillianten Rhetoriker, ins Kreuzverhör nehmen. Und dann bringt man nicht mehr zusammen, als eine bessere Bildblog-Zusammenfassung (ohne den Namen Bildblog auch nur ein einziges Mal zu erwähnen). Zudem ein Interview, bei dem man den Eindruck nicht los wird, dass Diekmann es absolviert, ohne sich auch nur ein einziges Mal anstrengen zu müssen. In der Hausmitteilung nölt der "Spiegel" zwar, Diekmann habe lediglich routinierte Antworten gegeben, die man in leicht abgewandelter Form auch schon in anderen Interviews von ihm gelesen habe. Mag sein, umgekehrt trifft diese Aussage aber auch die Interviewer: Man hat leider auch nur Fragen gelesen, die Diekmann schon in etlichen anderen Interviews gestellt wurden. Dass Diekmann so nicht zu packen sein würde, hätte man eigentlich schon vorher wissen können.

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