Condé-Nast-Chef Newhouse: "Es gibt eine Zeit zu kämpfen und eine Zeit sich zurückzuziehen"

Mittwoch, 18. Februar 2009
Jonathan Newhouse: Die Wirtschaftskrise ist schuld
Jonathan Newhouse: Die Wirtschaftskrise ist schuld

Der morgige Donnerstag steht für das Ende eines ambitionierten Projekts. Dann liegt die letzte Ausgabe der deutschen "Vanity Fair" an den Kiosken. Jonathan Newhouse, Chairman Condé Nast International, überbrachte zusammen mit General Manager Markus Schönmann heute morgen in Berlin der Redaktion die schlechte Nachricht. Im HORIZONT.NET-Interview erklärt Newhouse, dass die Wirtschaftskrise der Grund für die Einstellung des Magazins ist. Das Konzept der Zeitschrift sei gut gewesen. Gleichzeitig schließt er nicht aus, den Titel wieder nach Deutschland zu holen, wenn sich die wirtschaftliche Lage erholt hat.
Sie haben heute den Mitarbeitern das Aus von "Vanity Fair" verkündet. Wann erscheint die letzte Ausgabe? 
Jonathan Newhouse:
Am morgigen Donnerstag.

Noch vor wenigen Monaten haben Sie beteuert, dass „Vanity Fair" in Deutschland eine Zukunft hat. Warum stellen sie das Magazin nun ein?
In diesem Markt sind die wirtschaftlichen Perspektiven nicht nur in Deutschland, sondern weltweit sehr schlecht. Die Krise ist vergleichbar mit der großen Depression in den 1930er Jahren. Es ist extrem schwierig, uns unseren gesetzten Zielen zu nähern. Condé Nast Deutschland ist Teil einer größeren Organisation, die denselben ökonomischen Druck verspürt, wie andere große Medienhäuser.

War wirklich die aktuelle Konjunkturkrise ausschlaggebend für die Entscheidung? Oder nicht doch eher die Tatsache, dass "Vanity Fair" ohnehin hohe Verluste geschrieben hat?
Es ist in jedem Markt schwierig, ein neues wöchentliches Magazin zu launchen. Aber im aktuellen Marktumfeld, wenn selbst die etablieren Wochentitel - wie zum Beispiel „Focus" - an Boden verlieren, ist es fast unmöglich, für ein neues Magazin Fuß zu fassen.

War das Konzept falsch?
Nein, das glaube ich nicht. Mit dem Konzept ist "Vanity Fair" weltweit erfolgreich. Die italienische wöchentliche "Vanity Fair" zum Beispiel hat mehr Anzeigenseiten als jedes andere Magazin in Europa oder den Vereinigten Staaten.

Ihr Bekenntnis vom Dezember klingt rückblickend sehr unglaubwürdig. 
Ich kann nicht leugnen, dass dies nicht gerade meine Sternstunde ist. Als ich das damals gesagt habe, habe ich es auch so gemeint. Ich war ehrlich. Ich wollte "Vanity Fair" so lange herausbringen, bis wir unser Ziel erreichen. In einem normalen wirtschaftlichen Klima, hätten wir weitergemacht, aber das ist in dem aktuellen Umfeld nicht möglich. Heißt das „Vanity Fair" kommt zurück, wenn sich die Wirtschaft erholt hat?
Das könnte schon sein. Es ist jedoch zu früh, das ernsthaft zu diskutieren. Es gibt eine Zeit zu kämpfen und eine Zeit sich zurückzuziehen. „Vanity Fair" ist eines unserer großartigen Konzepte und es wird sicher ein Ziel sein, es langfristig in Deutschland zu etablieren.

Es gibt eine Zeit zu kämpfen, sagen Sie.  Was haben Sie denn getan, um "Vanity Fair" am Leben zu erhalten?
Wir haben alles getan, was wir konnten. Wir haben talentierte Leute eingekauft,  in den redaktionellen Inhalt und Werbung investiert und eine beachtliche Menge Geld, Zeit und Energie aufgewendet. Am Ende waren wir damit nicht erfolgreich, obwohl sich die Auflage von „Vanity Fair" gut entwickelt hat. Dass man Fehler macht, bleibt nicht aus, wenn man etwas Neues macht.

Jonathan Newhouse: Es gibt diverse Alternativen, aber die Entscheidung, das Heft einzustellen, ist jetzt die richtige.“
War es ein Fehler "Vanity Fair" wöchentlich zu publizieren?
Ich weiß nicht, ob es ein Fehler war. Fest steht, dass eine wöchentliche Ausgabe definitiv teurer ist als eine monatliche. Das war ein sehr ambitioniertes Projekt, was aber zum Start durchaus vernünftig war, es zu versuchen.  Auch die Rahmenbedingungen waren damals deutlich anders als heute.

Hätten Sie es nicht erst mal mit einer Umstellung auf monatlich probieren können, bevor Sie das Magazin beerdigen?
Es gibt diverse Alternativen, aber die Entscheidung, das Heft einzustellen, ist jetzt die richtige.

Deutschland-Chef Bernd Runge hat Condé Nast aus privaten Gründen verlassen. Einmal rückblickend - musste er gehen, weil "Vanity Fair" schlecht lief?
Er hat dem "SZ"-Magazin ein Interview gegeben, Sie sollten ihn selbst fragen.
Die letzte deutsche "Vanity Fair"
Die letzte deutsche "Vanity Fair"
Darin kritisiert er Condé Nast indirekt. Strukturell sei der Verlag nicht auf ein Projekt dieser Größenordnung vorbereitet gewesen.
Die Mitarbeiter bei Condé Nast arbeiten auf einem sehr hohem, professionellen Level und waren sehr gut auf das Projekt Vanity Fair vorbereitet. Ich weiß wirklich nicht, worüber er da spricht.

Das heißt, die Performance von "Vanity Fair" war nicht der Grund, warum er gehen musste?
Nochmal, das ist Sache von Bernd Runge. Sie müssen das ihn fragen.

Chefredakteur Nikolaus Albrecht wollte nach New York. Da Sie noch nach einem Chefredakteur gesucht haben, muss die Entscheidung, den Schlussstrich für das Heft zu ziehen, später gefallen sein.
Sie können davon ausgehen, dass das Ende des Magazins erst vor kurzem beschlossen wurde. Die Bekanntgabe einer solchen Entscheidung würden wir nicht lange hinauszögern.

Haben Sie schon über einen Nachfolger von Herausgeber Bernd Runge entschieden? Nein.

Wann werden Sie das tun? Bald.

Wäre die Gelegenheit heute nicht günstig gewesen? Dann hätten Sie nicht nur eine schlechte, sondern auch eine positive Nachricht überbringen können.
Das wäre möglicherweise gute PR gewesen, aber wir führen unseren Verlag nicht mit dem Zweck, für gute PR zu sorgen.
Jonathan Newhouse zieht die Notbremse
Jonathan Newhouse zieht die Notbremse
Auch für die Beschäftigen wäre es ein Signal gewesen.
Wir sind noch dabei, einen Nachfolger zu finden. Ich hoffe, die  Entscheidung bald bekannt geben zu können.

Wie viele Mitarbeiter werden sie entlassen?
Wir prüfen derzeit, wie viele der Kollegen wir an anderer Stelle im Unternehmen weiter beschäftigen können. 

Wird die Internet-Seite weitergeführt?
Ja, das haben wir vor.

Wieviel Geld haben Sie mit dem Projekt verloren? Von 18 - 20 Millionen Euro jährlich ist Insidern zufolge die Rede.
Dazu kann ich keine Angaben machen. Wir sind ein Privatunternehmen.

Werden noch andere Condé Nast-Titel schmerzlich von der Wirtschaftskrise betroffen sein?
Von den aktuellen Entwicklungen in Deutschland sowie international ist die gesamte Branche betroffen. Die meisten Printmedien haben Verluste in den Anzeigenumsätzen zu verzeichnen. Unser Zeitschriften-Portfolio in Deutschland ist nach der jetzigen Entscheidung sehr gut und auch langfristig tragfähig aufgestellt.

Welche Entwicklung prognostizieren Sie für 2009 für den Gesamtmarkt?
Schwer zu sagen. Es sieht aus, als ob der Anzeigenumsatz bei den meisten Zeitschriften um ein Fünftel zurückgehen wird.

Und wie sieht es in Ihrem Portfolio aus?
Auch wir müssen nach zwei sehr guten Jahren Rückgänge im Anzeigenumsatz hinnehmen. Das trifft uns natürlich, denn Werbung ist die Hauptumsatzquelle für all unsere Magazine.  Interview: Silja Elfers
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