Claus Strunz zu Abendblatt 3.0: „Wir sind die Animateure der Branche“

Dienstag, 05. Mai 2009
Claus Strunz
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„Abendblatt 3.0" - unter diesem Motto hat sich das „Hamburger Abendblatt" einen neuen Online-Auftritt verpasst. Was die Tageszeitung aus dem Hause Axel Springer im Internet genau vorhat und wie der Auftritt zur Qualitätsoffensive auf allen Kanälen beitragen soll, darüber sprach HORIZONT.NET mit Chefredakteur Claus Strunz. Herr Strunz, wie gefiel Ihnen der bisherige Auftritt von abendblatt.de? Gut, aber eben nicht sehr gut. Es gibt ja immer etwas zu verbessern. Der Auftritt war unruhig und vergleichsweise unaufgeräumt. Und als Nutzer musste man zu viel Scrollen.

Und jetzt ist alles besser? Das werden und sollen die Leserinnen und Leser beurteilen. Wir haben jedenfalls sowohl in der Optik als auch in der Funktionalität viel verändert, zum Beispiel die rechte Spalte auf der Homepage abgeschafft. Diese haben ja fast alle anderen von Spiegel Online kopiert. Wir gehen einen anderen Weg.

Gibt es Vorbilder für Ihren neuen Auftritt? Wir haben uns sehr intensiv erfolgreiche Websites angeschaut, und zwar international. Manches, was etwa in den USA erfolgreich ist, gibt es jetzt auch bei uns.

Wie stark trägt „Abendblatt.de“ jetzt die Handschrift von Claus Strunz? Der Auftritt ist das Ergebnis von Teamarbeit. Aber klar ist: Ich kann nicht offensiv und öffentlich „Abendblatt 3.0“ als Strategie für modernen Qualitätsjournalismus auf allen Kanälen ausrufen und mich dann nicht auch persönlich am Ergebnis messen lassen. Wir sind mit dem „Hamburger Abendblatt“ Platzhirsch im Norden - jetzt auch noch stärker online. Das bringt uns eine erfolgreiche Zukunft.

Wie sieht das inhaltliche Konzept aus? Hamburg, Hamburg, Hamburg, Norden, Norden, Deutschland und die Welt - damit verfolgen wir Online die gleiche Strategie wie in Print. Wir wollen Lokales vertiefen und Regionales ausbauen. In letzter Zeit machen wir darüber hinaus bundesweit verstärkt von uns reden durch Exklusivgeschichten, die von anderen Medien aufgenommen und zitiert werden, aber die eigentliche Botschaft unseres Auftritts lautet: Wer irgendwo auf dieser Welt etwas über Hamburg wissen will, kriegt es bei uns zuerst und am besten. Wenn die Schweinegrippe in Mexiko ausbricht, berichten wir natürlich darüber. Doch die nächste, für uns entscheidende Folgefrage lautet dann gleich: Wie ist Hamburg darauf vorbereitet?

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Claus Strunz
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„Abendblatt.de“ bietet einige neue Features wie einen ausgeweiteten Ratgeber- und Serviceteil oder auch eine besondere Form von Bewegtbild-Präsentation. Wir fragen uns, ob das auch für die Vermarktung etwas bringt. Für Werbeformate bin ich nicht Ihr Ansprechpartner.

Na ja, Sie haben erst jüngst für Schlagzeilen gesorgt mit Ihrer Aussage, den Verlagsmanagern fiele in Sachen Online-Vermarktung viel zu wenig ein. Passiert da jetzt bei „abendblatt.de“ ein bisschen was? Ja, es passiert was. Das Team von Jochen Herrlich hat viel vor.

Welche Zielvorgaben haben Sie sich für „Abendblatt.de“ gesetzt? Wir haben jetzt 34 Millionen PIs im Monat und rund 200.000 Besucher am Tag. Unser Ziel lautet, mittelfristig zwischen 40 und 50 Millionen PIs zu erreichen. Ein Punkt ist mir dabei besonders wichtig: Wir sprechen hier über echten Traffic, keinen dazugekauften. Ich schaue mir manchmal Detailanalysen anderer Sites an und stelle fest, dass da viele Fakes dabei sind. Das ist mit Print vergleichbar, wo auch viele Sonderverkäufe im Umlauf sind. Ich habe das nie gemocht, weder in Print noch online.

Haben Sie den Ehrgeiz, mit „abendblatt.de“ eine Benchmark für die Branche zu setzen? Wir verstehen uns eher als Animateure der Branche. Wir bedienen aus einer Redaktion heraus beide Kanäle, sehr wahrscheinlich kommt mit Mobile bald ein dritter hinzu. Das gesamte Know-How der Redaktion kommt gleichermaßen Print und Online zugute. Bei uns ist es nicht so, dass der kluge, erfahrene Redakteur für die Zeitung schreibt und nur junge Nachwuchsjournalisten sich um die Online-Berichterstattung kümmern. Aber natürlich birgt unsere Strategie auch Konfliktstoff. Die Frage ist immer: Verbaut Online Print nicht die Zukunft? Meine Antwort ist: Online und Print sind nur gemeinsam fit für die Zukunft.

Die Gefahr, dass eine solche „Online First“-Strategie der Printausgabe schadet, ist ja nicht ganz von der Hand zu weisen. Beim Abendblatt heißt es nicht ‚Online first’ sondern ‚Journalismus first’. Durch das Ausrufen von „Abendblatt 3.0“ ist zuweilen der falsche Eindruck entstanden, es gehe nur noch um Online. Es ist richtig, dass unser erster Schritt jetzt ein Online-Schritt ist. Der zweite wird aber sein, dass wir die Printausgabe voraussichtlich noch in diesem Jahr neu gestalten werden. Und dieser Schritt ist genauso wichtig wie unser neuer Online-Auftritt, wirtschaftlich betrachtet ist es sogar der deutlich wichtigere.

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Wenn Sie die bundesweite Bedeutung des „Hamburger Abendblatts“ steigern wollen, täten Ihnen ein paar neue Top-Leute für die Redaktion gut. Wir sind in der Redaktion bereits sehr gut aufgestellt, haben mehrere preisgekrönte Journalistinnen und Journalisten im Team. Unabhängig davon können wir unser journalistisches Potenzial natürlich immer noch steigern. Dafür kann man früher oder später sicherlich auch darüber nachdenken, sich an der einen oder anderen Stelle noch zu verstärken. Einen erstklassigen neuen Kollegen haben wir ja schon geholt: Kai-Hinrich Renner, der in seinem Gebiet der Medienberichterstattung zu den TOP-Leuten der Branche zählt. Er hat viele Geschichten als erster und wird oft zitiert.

Herr Strunz, Sie sind jemand, über den viel berichtet und bisweilen heftig diskutiert wird. Wie wichtig ist es für Sie persönlich, dass der neue Internetauftritt ein Erfolg wird? Jede direkte Antwort auf diese Frage wäre eine Anmaßung. Es geht darum, eine sehr erfolgreiche Zeitung mit großer Tradition fit für die Zukunft zu machen. Das ist eine Aufgabe, die man so nur einmal im Leben bekommt. Daran gemessen sind persönliche Befindlichkeiten belanglos.

Wie angespannt sind Sie?

Sehr, oft sogar nervös – aber nur, weil ich als Club-Fan hoffe, dass der 1.FC Nürnberg den Aufstieg in die Bundesliga schafft. Mit dem Abendblatt ist es da eher wie mit dem HSV: verdammt gute Saison – aber noch Luft nach oben. Interview: Jürgen Scharrer
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