"Circus Halligalli" im HORIZONT-Check: Passt, wackelt, und hat Luft nach oben

Dienstag, 26. Februar 2013
Klaas und Joko hatten Helge Schneider zu Gast (Bild: Pro Sieben/Claudius Pflug)
Klaas und Joko hatten Helge Schneider zu Gast (Bild: Pro Sieben/Claudius Pflug)


Ihrem Namen macht die Sendung schonmal alle Ehre: "Circus Halligalli" bietet Anarcho-Humor vom Feinsten. Mit dem neuen Pro Sieben-Format beweist das Moderatorenduo Joko & Klaas einmal mehr: Am besten sind sie, wenn man sie einfach machen lässt. Aber "Circus Halligalli" hat noch deutlich Luft nach oben. Das Motto, unter dem Joko und Klaas auf ihrem neuen Sendeplatz am Montagabend auf Pro Sieben antreten, ist nicht so leicht zu erfüllen, wie es scheint. "Halligalli", da denkt man an Chaos, Albernheiten, Hempels unterm Sofa. Insofern lautet die gute Nachricht: Mission erfüllt. Denn wer Ordnung, Struktur und einen roten Faden braucht, wird an der Show keine Freude haben.

Das Intro

Das beginnt schon mit dem Intro, in dem die beiden Entertainer in Zwangsjacken gepackt und mit fixierten Augen dazu genötigt werden, sich das Programm von Pro Sieben anzuschauen. Läuterung per Zwang - so lautete schon das Prinzip in Anthony Burgess' Zukunftsroman "Clockwork Orange", dem die Zwangsjacken-Szene entliehen ist. In Stanley Kubricks Verfilmung des Romans geht die Therapie beim Protagonisten natürlich grandios schief. Und auch das anschließend von einem völlig erledigten Klaas ausgehauchte "We love to entertain you" sollte wohl andeuten, dass den Zuschauer nun alles andere als die gewohnte Pro-Sieben-Unterhaltung erwartet.

Die Einspieler

Zunächst jedoch folgte mit "Die Ja-Sager" allerdings ein relativ erwartbares Format: Als Harry Potter und "Schwachkopf" verkleidet machten Joko und Klaas den Kölner Karneval unsicher und mussten dabei jede Frage, die ihnen gestellt wurde, mit Ja beantworten. Nun ja, auf Pro Sieben kennt man Ähnliches bereits etwa von Elton und Simon. Und auch Joko & Klaas haben Derartiges schon mit großem Erfolg bis zum Exzess durchexerziert, nämlich in der Rubrik "Wenn ich du wäre" bei MTV Home. Deswegen passten die "Ja-Sager" aber auch in die neue Sendung: Nicht gerade anarchisch, nicht neu, aber bewährt.

Andersherum dagegen die "Reportage" des Pseudo-Hemingway Olli Schulz alias "Charles Schulzkowski" von der Berlinale. Als besoffener Schreiberling durch eine festlich geschmückte Dining Hall zu torkeln, dabei die Gäste anzupöbeln, Besteck durch die Gegend zu werfen und die Küche zu entern ist in der Tat erstmal gegen jede Regel. Aber auch nichts anderes als die vielen dutzend Guerilla-Reporter, die es längst nicht mehr nur in US-Shows gibt, man denke nur an die "Heute Show". An dieser Stelle wäre mehr drin gewesen.

Die Gäste

Helge Schneider, Sido, Cro: Die im Vorfeld veröffentlichte Gästeliste war wohl eine Mischung aus Promi-Faktor und Zugeständnis an die Zielgruppe. Was die Auftritte der Deutsch-Rapper Sido und Cro anging, so wirkten sie in der Sendung in der Tat reichlich deplatziert. Allerdings versuchte man, die grundsätzlich regellose Struktur der Sendung beizubehalten, indem Cro gleich drei Auszüge aus seinem aktuellen Album performen durfte und ihm von einem Komparsen permanent Konfetti über den mit einer Pandamaske geschmückten Kopf geworfen wurde.

Und Helge Schneider? Der tat das, was er am besten kann: Helge Schneider sein. So antwortete er auf Fragen a la "Wie gehts, wie steht, wie hängt der Sack?" in seiner unübertroffen einsilbigen und doch vielsagenden Art oder kündigte ein Klavierspiel an, nur um dann hinter dem Tasteninstrument auf dem Absatz kehrt zu machen und zu seinem Platz zurückzukehren. Joko & Klaas giggelten sich derweil dermaßen einen ab, dass man den Eindruck bekommen konnte, sie fühlten sich in der Gegenwart der Comedy-Legende etwas unsicher.

Die Gastauftritte

Mit ihre stärksten Momente hatte die Sendung bei den nicht angekündigten Gästen. Wer um alles in der Welt konnte denn zum Beispiel erwarten, dass plötzlich das Licht im Studio gedämpft wurde, unheilsschwangere Musik erklang und Joko "vor dem Studio" Oliver Pocher erblickte, der stoisch dastand und so offenbar um Einlass bat. Sein Einsatz war natürlich vergebens, die Gastgeber herrschten ihn abwechselnd an, er komme niemals in die Show. Aber wer weiß: Auch im Kultklassiker "Fight Club", aus dem diese Szene fast bis aufs Wort geklaut war, zahlt sich Hartnäckigkeit am Ende aus. Vielleicht taucht Pocher in den kommenden Ausgaben ja als Running Gag wieder auf.

Grotesk wurde es dann zehn Minuten vor Ende der Show: Dann war nämlich der Countdown des mysteriösen Timers abgelaufen, der mitten in der Sendung auf einmal oben links eingeblendet worden war. Das so angekündigte "Ereignis", von dem Joko & Klaas angeblich nichts wussten: Ein Kleinwüchsiger fuhr auf einem Mini-Auto den Youtube-Star Fritz durchs Studio, der dabei seine "Thüringer Klöße" zum Besten gab. Und weg war er. Zurück bleiben einmal mehr zwei giggelnde Moderatoren und ein perplexer Zuschauer. Und wieder muss man mit Blick auf das Motto der Sendung anerkennend sagen: Mission erfüllt.

Ganz am Ende der Sendung, als das Publikum im Hintergrund schon das Studio verließ und Joko & Klaas noch über ihr Sendungsdebut berieten, dann die Krönung: Wolfgang Lippert, "Wetten dass"-Urgestein und einem Gutteil der Zielgruppe von "Circus Halligalli" wohl gänzlich unbekannt, tritt an die Moderatoren heran und sagt: "Hey Jungs, ich hab da ein suuuper-Gefühl!" Ironischer kann man wohl kaum mit dem Erwartungsdruck umgehen, der auf dem Format lastet.

Fazit

"Circus Halligalli" tut Pro Sieben definitiv gut. Dass die Show sich neben Überraschungen auch auf viel Altbewährtes stützt, muss keine Schwäche sein. Soll sich der Zuschauer doch an "MTV Home" oder "Neo Paradise" erinnert fühlen - die Sendungen kamen gut an hatten ihre feste Zuschauerschaft, auch wenn weder bei MTV noch bei ZDFneo der Quotendruck herrschte, der nun bei Pro Sieben auf Joko und Klaas lastet. Wenn "Circus Halligalli" es mit ausgeflippten Außenreporten flachen Musik-Acts nicht übertreibt, hat die Sendung großes Potenzial. ire
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