Christian Ulmen im HORIZONT-Interview: "Tele 5 ist Punk"

Donnerstag, 11. Oktober 2012
Christian Ulmen ist zurück im Fernsehen. Bild: Rene Staud Photography
Christian Ulmen ist zurück im Fernsehen. Bild: Rene Staud Photography


Beim Musiksender MTV war er der beste Moderator seiner Generation, im Kino preisgekrönter „Herr Lehmann", im Fernsehen Sozial-Alptraum Uwe Wöllner: Christian Ulmen ist ein Meister der Verwandlung, der im deutschen Fernsehen trotz seines brachialen Humors den Weg aus der Nische gefunden hat. Heute Abend startet er mit seiner Show „Ulmen.TV.1.0" beim Privatsender Tele 5, der nach eigenen Angaben mit einer "Intelligenz-Offensive" in den Herbst geht.
Tele-5-Programmdirektor Thomas Friedl sprach bei der Ankündigung von „Ulmen.TV.1.0" von einer Rückkehr des „Jungshumors". Was zeichnet den aus?
Ich persönlich kann mir den Begriff nur schwer erklären. Ich kenne wahnsinnig viele Frauen, die die Stinkwitze von Knut Hansen, einer meiner Figuren, gut finden, und ich kenne Männer, denen das zu eklig ist. Aber tatsächlich zeigt der Blick auf unsere Zuschauerstruktur, dass es doch eher Männer sind,  die es derb oder brachial mögen, Frauen schreckt das ab. Dabei arbeiten in meiner Firma 80 Prozent Frauen und wir stellen Shows unter Mitwirkung vieler Frauen her, trotzdem sind die Zuschauer weitestgehend Männer.

Sie haben immer wieder die Freiheiten betont, die das Internet Formaten wie „Ulmen TV" bietet. Keine Angst vor einer Einschränkung im TV?
Wir produzieren ja nicht im Auftrag des Senders. Zum einen stellen wir auf eigene Faust Formate her, setzen die ins Internet und versuchen, über die Werbeeinnahmen im Netz wieder Geld einzuspielen. Zum anderen bereiten wir das Material, das wir fürs Internet gedreht haben, fürs Fernsehen auf. Wir  produzieren also frei fürs Netz und verkaufen die Zweitverwertungs-Free-TV-Lizenzen. Insofern ist diese Freiheit bewahrt. Unsere Heimat ist das Internet, aber wir haben Partnersender, die das Material in einer anderen Schnittfassung ausstrahlen. Das Businessmodell ist großartig, es konserviert unsere Freiheit.

Befürchten Sie keine Kannibalisierung?
Wir produzieren im Internet fünfminütige Clips, im Fernsehen laufen die eine halbe Stunde am Stück. Das sind zwei unterschiedliche Arten des Guckens. Zudem schauen die Clips am Laptop und setzen sich am Abend trotzdem noch einmal vor den Fernseher - das  funktioniert beides nebenher.

Tele 5 gilt aber eher als Geheimtipp.
Stimmt, Tele 5 ist Punk. Und Kai Blasberg ist der Radikalinski unter den Fernsehmachern.

Zur Person

Christian Ulmen, 37, ist nicht nur in seiner Show ein Verwandlungskünstler, auch real schlüpft er in viele verschiedene Rollen. Bekannt wurde der gebürtige Rheinland-Pfälzer Ende der 90er Jahre als Moderator beim Musiksender MTV, als Produzent von „Unter Ulmen" und als Hauptdarsteller in Leander Haußmanns Kinofilm „Herr Lehmann". Brachialhumor in Reinform legte Ulmen 2005 in „Mein neuer Freund" an den Tag. In dem für Pro Sieben produzierten Format, das zwar weniger durch hohe Einschaltquoten als durch positive Kritiken im Feuilleton auf sich aufmerksam machte, traten allerdings erstmals die Charaktere auf die Bildfläche, die auch im jetzigen „Ulmen.TV.1.0" eine Rolle spielen: Uwe Wöllner, Alexander von Eich und Knut Hansen. 2008 gründete Ulmen das Unternehmen Ulmen Television, das sich um die Produktion von Fernsehserien, viraler Werbung und Internet-TV kümmert. 2009 kam Ulmen Film dazu. Im Kino begeisterte der Wahl-Berliner unter anderem in „Maria, ihm schmeckts nicht" und „Männerherzen". Tele 5 zeigt ab sofort jeden Donnerstag um 22.40 Uhr die besten Clips von Uwe Wöllner und Co in "Ulmen.TV.1.0".


Der Marktanteil von Tele 5 liegt bei den 14- bis 49-Jährigen relativ konstant bei 1,3 Prozent - wie wollen Sie hier punkten?

Ich denke kaum über Marktanteile und Quoten nach, sondern spreche die Zuschauer am liebsten so an, wie ich das schon seit meiner MTV-Zeit tue: Ich mache Fernsehen, das ich selber gerne gucken würde, in der Hoffnung oder auch in dem Wissen, dass es Leute gibt, die genauso fernsehen wie ich. Für die ist das dann. Und das hat bis jetzt auch immer ganz gut funktioniert.

Was haben Sie selbst als Heranwachsender geschaut?
Mit Sicherheit völlig andere Sachen als heute. Mich hat ja schon die Programmtafel von Sat 1 fasziniert. Meine Eltern hatten keinen Fernseher - also im Prinzip schon, aber nur einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher, der im Bücherregal stand. Meine Eltern haben sich immer gegen Kabel gewehrt, dann gab es irgendwann zwei Programme per Antenne zu empfangen, RTLplus und Sat 1, wobei sich RTLplus den Kanal mit Tele 5 teilte. Ich fand das spannend, weil ich ja nur ARD und ZDF kannte. Privatfernsehen - das hat mich so fasziniert, dass ich eigentlich alles geguckt habe. Ich fand Ulrich Meyer genauso toll wie Ulrike von der Gröben, ich war völlig unkritisch. Aber eben auch 15 Jahre alt.

Ihre Show heißt „Ulmen.TV.1.0". Was bedeutet das 1.0?
1.0 bedeutet, dass es sich bei den Shows mit Knut Hansen und Co um Material handelt, das schon älter ist. Sozusagen die erste Generation, als wir noch als Channel in andere Portale wie MySpass.de integriert waren. Ab Oktober ist Ulmen TV ein eigenständiges Portal.

1.0 steht auch für ein wenig interaktives, statisches Verhalten. In den sozialen Medien spielen Ulmen TV oder Ihre einzelnen Figuren auch eher eine kleine Rolle. Wieso eigentlich?
Wir haben das lange Zeit vernachlässigt, weil es zunächst automatisch passiert ist. Das heißt, wir waren präsent auf Facebook ohne unser Zutun. Fans haben ihre eigenen Uwe-Wöllner-Seiten gestartet, die wurden dann wieder gesperrt und so weiter. In Zukunft wird es für Ulmen TV eine Partnerseite bei Youtube geben und eine Fanseite auf Facebook - von uns initiiert.

In Ihren Clips schlüpfen sie in verschiedene Rollen. Uwe Wöllner, Knut Hansen oder Alexander von Eich - welche davon ist Ihnen am nächsten?
Keine natürlich. Das sind doch alles unfassbar schwer zu ertragende Typen. Wahrscheinlich bin ich deshalb nicht wie die, weil ich noch schlimmer bin als alle zusammen. Aber eine Schnittmenge zwischen Christian Ulmen und Uwe Wöllner und Co ist zu vernachlässigen.

Sind Sie auf der Straße schon einmal von einem „richtigen" Uwe Wöllner oder einem „richtigen" Alexander von Eich, also von Personen, deren Eigenschaften Sie persiflieren, angesprochen worden?
Nein, aber jemand der so ist, erkennt sich nicht wieder. Wer in Wirklichkeit so ist wie Alexander von Eich, schätzt sich ja gar nicht so ein, hält sich für einen Sympathen, genau wie sich auch Knut Hansen für einen unwiderstehlichen Entertainer hält, der gnadenlos erfolgreich ist. Solche Charaktere würden sich nie eingestehen, dass sie so sind wie diese Vögel.

Wird es auch neue Figuren geben?
Wir bauen Ulmen TV gerade so weit aus, dass wir  möglichst nicht auf meine Figuren allein angewiesen sind, sondern auch mit befreundeten Künstlern zusammenarbeiten. Wir sind gerade mit Oliver Polak im Gespräch und drehen eine Serie mit Deichkind. Geplant ist so etwas wie eine Reality-Doku, die nächstes Jahr auf Ulmen TV und auf einem Fernsehsender laufen soll. Der steht allerdings noch nicht hunderprozentig  fest. kl

Zur Person

Christian Ulmen, 37, ist nicht nur in seiner Show ein Verwandlungskünstler, auch real schlüpft er in viele verschiedene Rollen. Bekannt wurde der gebürtige Rheinland-Pfälzer Ende der 90er Jahre als Moderator beim Musiksender MTV, als Produzent von „Unter Ulmen" und als Hauptdarsteller in Leander Haußmanns Kinofilm „Herr Lehmann". Brachialhumor in Reinform legte Ulmen 2005 in „Mein neuer Freund" an den Tag. In dem für Pro Sieben produzierten Format, das zwar weniger durch hohe Einschaltquoten als durch positive Kritiken im Feuilleton auf sich aufmerksam machte, traten allerdings erstmals die Charaktere auf die Bildfläche, die auch im jetzigen „Ulmen.TV.1.0" eine Rolle spielen: Uwe Wöllner, Alexander von Eich und Knut Hansen. 2008 gründete Ulmen das Unternehmen Ulmen Television, das sich um die Produktion von Fernsehserien, viraler Werbung und Internet-TV kümmert. 2009 kam Ulmen Film dazu. Im Kino begeisterte der Wahl-Berliner unter anderem in „Maria, ihm schmeckts nicht" und „Männerherzen". Tele 5 zeigt ab sofort jeden Donnerstag um 22.40 Uhr die besten Clips von Uwe Wöllner und Co in "Ulmen.TV.1.0".



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