Chefredakteure: Von „Raus aus Facebook!" bis „Online wird Leitmedium"

Dienstag, 17. Januar 2012
„Stern"-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges
„Stern"-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges

Respekt, das ist doch mal ein Statement. „Ich vertrete die Parole: Raus aus Facebook!" Und damit meint Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der „Stern"-Chefredaktion, keineswegs nur sich selbst als Anwender des Netzwerkes - denn er ist dort sowieso abstinent. Nein, Jörges bezieht seine Ansage auch auf klassische Medien und ihre Präsenz dort. „Facebook und Co ziehen die Werbegelder aus unseren Blättern und stehlen die Zeit unserer Leser. Und das umso stärker, je mehr wir Verlage unsere Inhaltewelt dort abbilden", schimpft Jörges. Natürlich grinst er dabei - doch ein bisschen ernst meint er es schon. Auch dies war eine Szene der Chefredakteursrunde beim Deutschen Medienkongress, den HORIZONT gemeinsam mit The Conference Group, beide aus dem Deutschen Fachverlag, am Dienstag und Mittwoch dieser Woche in Frankfurt veranstalten.

Und natürlich lässt der Widerspruch seiner Kollegen nicht lange auf sich warten. Roland Tichy, Chefredakteur der „Wirtschaftswoche", weiß bei Twitter und Facebook tausende Follower und Fans hinter sich (ab 5000 möchte er bei Facebook eine Fansite eröffnen) und schätzt, dass er auf diese Weise in Kontakt zu Menschen treten kann, die er und die ihn sonst nie erreichen könnten. So bekomme er neue Anregungen. Und überhaupt könnten Verlage via Facebook und Co Menschen erreichen, die ansonsten gar nicht mehr zum Kiosk gehen.

Jan-Eric Peters, Chefredakteur der „Welt"-Gruppe, weist auf enorme Reichweitenströme hin, die seine Sites via Facebook erhalten, außerdem noch Ideen und Informationen für neue Geschichten. Für die „Welt"-Gruppe gilt: „Online löst Print im Laufe dieses Jahres als Leitmedium ab. Print wird Ausfluss dessen, was wir online tun." Derzeit schaffe man bei den Redaktionssystemen die technischen Voraussetzungen dafür. Und auch in anderen Häusern werde Online „in spätestens zwei bis drei Jahren den Takt vorgeben".

Einspruch von Steffen Klusmann, Chefredakteur „FTD" und „Capital", bezogen auf die semantische Aufteilung dahinter: „Ich finde den Begriff ,Online-Medien‘ schräg." Es gehe darum, eine Medienmarke über unterschiedliche Kanäle zu verteilen. „Online ist nur ein Kanal", so Klusmann. Nicht zuletzt deshalb werde es in der G+J-Wirtschaftsredaktion künftig keine eigene Onlineredaktion mehr geben. Stattdessen werde man stets entscheiden, welche Inhalte der Gesamtmannschaft auf welche Kanäle verteilt werden. Eine andere Abgrenzung ist ihm dagegen viel lieber: Die von Premium-Inhalten, die man verstärkt als Paid Content verkaufen will. rp
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