Bye bye 9Live: Ein Nachruf

Dienstag, 09. August 2011
9Live ist ab morgen Geschichte
9Live ist ab morgen Geschichte

Heimlich still und leise geht eine Ära zu Ende: Bei 9Live gehen heute endgültig die Lichter aus. Es ist das Ende einer kurzen, aber schillernden Episode der deutschen Fernsehgeschichte. Bei seinem Start vor fast genau zehn Jahren noch als das "Fernsehen der Zukunft" gepriesen, wurde aus dem einstigen Wunderkind innerhalb von wenigen Jahren das ungeliebte Schmuddelkind von Pro Sieben Sat 1. Am schnellen Niedergang ihres einstigen Hoffnungsträgers haben die Verantwortlichen aber fleißig mitgewirkt. 9Live gucken war ein bisschen wie Alkopops trinken: Eine nur scheinbar billige, klebrigbunte Befriedigung niederer Bedürfnisse, bei dem der böse Kater erst am nächsten Morgen oder mit der nächsten Telefonrechnung folgte. Doch wie zuvor die Getränkeindustrie wurde auch Pro Sieben Sat 1 bitter dafür bestraft, dass sie den Hals nicht voll bekommen konnten. Als sich abzeichnete, dass die Flut der Alkopops eine ganze Generation von Jugendlichen zu Hobbyalkoholikern machen könnte, machte die Politik den bunten Drinks mit einer Sondersteuer den Garaus. Bei 9Live reagierten die Aufsichtsbehörden dagegen wesentlich langsamer.

Jahrelang zog der Sender mit undurchschaubaren Spielen, absurden Fragen und zweifelhaften Gewinnaussichten den Zuschauern erfolgreich das Geld aus der Tasche. Rund 50 Cent kostete ein Anruf bei 9Live – zu seinen besten Zeiten erzielte der Sender damit einen Umsatz von fast 80 Millionen Euro. Ausgeschüttet wurden davon pro Monat eigenen Aussagen zufolge gerade einmal etwa eine Million. Fast schien es, als habe die Gründerin und zeitweilige Geschäftsführerin Christiane zu Salm den Stein der Weisen erfunden: Einige Jahre lang war 9Live eine gut geölte Gelddruckmaschine. Doch die Methoden des Senders waren so undurchsichtig, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis selbst die privatsenderfreundlichen deutschen Medienhüter irgendwann nicht mehr wegschauen konnten.

Nach Betrugsvorwürfen zogen die Medienhüter schließlich die Zügel an und verabschiedeten 2009 eine Gewinnspielsatzung. Eine Zeit lang machte 9Live trotzdem noch munter weiter wie zuvor – doch zur Überraschung der Verantwortlichen konnte der scheinbar zahnlose Papiertiger doch schmerzhaft zubeißen. Die Medienanstalten verhängten mehrfach empfindliche Bußgelder gegen 9Live und etliche andere Sender. Umsatz und Gewinn brachen in der Folge drastisch ein. Statt sich auf die Gegebenheiten einzustellen, brach 9Live zunächst einen juristischen Kleinkrieg gegen die ungeliebte Gewinnspielsatzung vom Zaun. Schließlich einigte man sich mit den Medienhütern auf einen Vergleich – eine inhaltliche Antwort auf die neue Situation fand der Sender indes nicht. Im 1. Quartal 2011 brach der Umsatz um 34 Prozent auf nur noch 9 Millionen Euro ein – zu wenig für den fordernden Pro-Sieben-Sat-1-Chef Thomas Ebeling, der schließlich kurzerhand den Stecker zog.

Für die Zuschauer ist das Ende von 9Live kein Verlust. Die Marktanteile bewegten sich schon lange im kaum noch messbaren Bereich. Auch die meisten TV-Sender haben das Thema Call-In-Erlöse längst abgehakt und experimentieren mit neuen, zukunftsfähigen Geschäftsfeldern im Internet. Allerdings sollte es die Branche durchaus bedenklich stimmen, dass eine lukrative zusätzliche Erlösquelle innerhalb weniger Jahre fast vollständig versiegt ist, weil man die Zuschauer für dumm verkauft und sich auf eine offene Machtprobe mit Medienhütern und Verbraucherschützern eingelassen hat. Das "Fernsehen der Zukunft" lässt sich nicht alle paar Jahre auf’s Neue erfinden. dh
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