Burda, G+J und WAZ einigen sich mit Grossisten auf neue Handelsverträge

Donnerstag, 14. April 2011
Mehrere große Verlage haben sich mit den Grossisten geeinigt
Mehrere große Verlage haben sich mit den Grossisten geeinigt

Ruhe an einer Front: Gruner + Jahr, Hubert Burda Media und WAZ-Gruppe haben sich mit dem Bundesverband Presse-Grosso auf neue Handelsverträge geeinigt - und damit den Kontrakt, den Axel Springer und Grosso-Verband im Dezember 2010 überraschend abgeschlossen und auch dem Rest der Branche als "Pilotabschluss" anempfehlen wollten, erwartungsgemäß nicht übernommen. Diesem Vertrag war - nicht nur vom Grosso-Großkritiker Bauer - vorgeworfen worden, auf Springers "Bild" zugeschnitten zu sein und Magazine gegenüber dem Grosso zu benachteiligen. Mit dem neuen Vertrag, den MZV, der mit rund 20 Prozent Marktanteil nach Axel Springer (rund 30 Prozent) zweitgrößte Player im Pressevertrieb (Burda und WAZ-Gruppe stehen als Großgesellschafter dahinter), sowie Gruner + Jahrs Vertriebstochter DPV (rund 13 Prozent) nun mit dem Grosso-Verband abgeschlossen haben, können alle ihr Gesicht wahren: Die Grossisten, weil sie zwar finanzielle Zugeständnisse machen müssen, aber dank der langen Laufzeit bis Ende Februar 2018 langfristig planen können. Burda, G+J und WAZ-Gruppe, weil sie die ungeliebten Springer-Konditionen verbessern konnten, ohne wie Bauer in die Ecke angeblicher Systemzerstörer gestellt zu werden. Und sogar Springer: Die Berliner können über die Meistbegünstigungsklausel mit ihren Zeitschriften - nicht mit den Zeitungen wie „Bild" - in die von Burda, G+J und WAZ-Magazinen erreichten Konditionen einsteigen.

Und was steht drin im neuen Vertrag, den MZV und DPV offiziell unabhängig voneinander mit den Grossisten abgeschlossen haben und den bald so oder sehr ähnlich auch die kleineren Magazinverlage abschließen dürften? Die Grossisten senken ihre Margen zugunsten der Verlage stufenweise ab 2012 in jährlich zweistelliger Millionenhöhe, unter anderem durch eine noch stärkere Gewichtung des Jahresumsatzes (statt Absatz) der Zeitschriften, feste Vergütungen statt Umsatz-Bonifikation und die weitgehende Abschaffung der Stichtagsregel. Diese schiebt Verlage bei Auflagenverlusten - auch wegen Copypreis-Erhöhungen - stärker ins Risiko als die Grossisten; die Regel war allerdings einst von den Verlagen, als sie noch von steigenden Auflagen ausgegangen sind (dann hätten die Verlage mehr profitiert), den Grossisten aufgedrückt worden.

Von den neuen Konditionen dürften hochauflagige Publikumstitel ebenso profitieren wie Special-Interest-Magazine mit höheren Copypreisen sowie kleinere Titel durch Boni schon ab einem Jahresvertriebsumsatz von 500.000 Euro (bisher: 1,5 Millionen Euro).

Unklar ist weiterhin, wie der Streit mit der Bauer Media Group, die die Branche seit Monaten durch Aktionen gegen die jahrzehntelangen Vertriebsgebräuche in Atem hält, weitergeht. Bauer hatte im Februar eine Kartellklage gegen den Grosso-Verband eingereicht, wegen eines angeblich unzulässigen Preis- und Konditionenkartells (weil der Verband für alle Grossisten einheitliche Konditionen mit den Verlagen verhandele und damit festsetze) sowie wegen angeblich kartellrechts- und wettbewerbswidriger Behinderung (weil der Verband die Grossisten auffordere, individuelle Verhandlungen mit Bauer zu verweigern). Die erste Verhandlung soll Anfang Juni vor dem Landgericht Köln stattfinden.

Da Bauers bisheriger Handelsvertrag nur noch bis Ende Februar 2012 läuft, muss der Familienverlag in den kommenden zehn Monaten mit fast 70 Grossisten einzeln um Konditionen feilschen. Auch Axel Springers alter Vertrag lief bis 2012 – aber die Berliner haben sich ja, wie erwähnt, bereits Ende vergangenen Jahres bis 2017 gebunden. Bei den anderen Verlagen liefen und laufen die im Frühjahr 2009 nach heftigen Streitereien abgeschlossenen Grosso-Verträge eigentlich noch bis Anfang 2014. Die aktuellen Updates geschehen also vorzeitig – schaffen aber dadurch etwas Ruhe in den erhitzten Diskussionen, die seit längerem auf mehreren Ebenen toben.

Dementsprechend sind die Statements der Akteure zu werten: „Im Interesse unserer Gesellschafter WAZ und Burda sowie der Verlagsmandaten haben wir uns erfolgreich für mehr Planungs- und Investitionssicherheit eingesetzt“, sagt Michael Imhoff, geschäftsführender Gesellschafter des MZV. Und DPV-Geschäftsführer Olaf Conrad erklärt: „Mit dem Abschluss wollen wir in der derzeit fragilen Lage ein deutliches Signal senden, dass der DPV und Gruner + Jahr uneingeschränkt zum bewährten Grosso-System stehen.“ Offenkundig mit Blick auf Bauers Kartellklage fügt er an: Das „zentrale Gesprächs- und Verhandlungsmandat“ des Grosso-Verbandes habe sich auch in den diesjährigen Verhandlungen bewährt. Laut Frank Nolte, dem Vorsitzenden des Grosso-Verbandes, seien mit dem Abschluss für die Grossisten „äußerst harte aber immerhin kalkulierbare Einschnitte“ verbunden; das Angebot stehe allen Zeitschriftenverlagen offen.

Fraglich ist allerdings, ob die MZV- und DPV-Verträge so tatsächlich bis 2018 laufen werden. Denn Manfred Braun, der Zeitschriftenboss der WAZ-Gruppe, hat sich jüngst in seiner Eigenschaft als Vorstandschef der Publikumszeitschriften im Verlegerverband VDZ in die Strukturdiskussion eingeschaltet – und will das Konditionensystem umkrempeln. Sein Wunschszenario: Ab 2015 sollen "ganz neuartige" Handelsverträge greifen. Dafür hatte Braun im Interview mit HORIZONT.NET vorgeschlagen, die aktuell anstehenden Handelsspannenverträge nicht mehr wie bisher für sieben Jahre festzuschreiben, "sondern nur noch für drei oder höchstens vier Jahre. Und dass wir diese Übergangslösung als Chance nutzen, um jetzt darüber zu diskutieren, wie wir das System grundsätzlich reformieren".

So ist es nun nicht gekommen, denn die neuen Verträge laufen ja von 2012 bis 2018. Doch laut Insidern soll es ein "gegenseitiges Bekenntnis" mit dem Grosso geben, schon vorher, in zwei bis drei Jahren, neue Regeln zu installieren – die dann aber nicht mehr zulasten der Grossisten gehen. Das bedeutet, dass sich im Sinne der Braun-Initiative künftig ausschließlich die Verlage untereinander einigen müssten, was schwer genug werden dürfte: Denn jede Änderung eines Status’ Quo schafft auch Verlierer, zumal das Grosso als Büßer dann wegfiele. rp
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