Bundles: "Spiegel"-Mascolo und "Abendblatt"-Strunz diskutieren digitale Produktstrategie

Donnerstag, 15. April 2010
Claus Strunz, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts"
Claus Strunz, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts"

To bundle or not to bundle, das ist hier die Frage: Sollen sich die Verlage bei ihrer Produkt- und Preispolitik im digitalen Zeitalter ein Beispiel an der Musikindustrie nehmen und die Inhalte ihrer Titel auf iPad und Co entbündelt vertreiben - etwa Abos einzelner Ressorts, Rubriken oder Autoren? Und Einzeltexte verkaufen, analog zum Herunterladen von Songs? Claus Strunz, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts", regt genau das an: "Verlage müssen die Inhalte anbieten, die Leser wollen", sagte Strunz bei einer Podiumsdiskussion des dpa-PR-Tochterunternehmens News Aktuell am Mittwochabend in Hamburg. Hier gelte es, die Chancen der digitalen Medien zu nutzen. Print hingegen sieht Strunz weiterhin prädestiniert als redaktionelles Gesamtprodukt: „Die Zukunft der Zeitung liegt im Bundle."

Georg Mascolo, Chefredakteur des "Spiegel"
Georg Mascolo, Chefredakteur des "Spiegel"
, sieht das im Digitalen etwas anders: "Ich kann mir nur einen gemeinsamen Auftritt des ,Spiegel‘ vorstellen." Auch in digitalen Medien wolle der Leser überrascht werden von unerwarteten Geschichten, bei denen dieser erst dann wisse, dass sie ihn interessieren, wenn er sie sehe. Für dieses Jahr kündigt Mascolo einen kostenpflichtigen iPad-Auftritt des "Spiegel" an, mit "sinnvollen Zusatzanwendungen" im Vergleich zu Internet und iPhone. Strunz appelliert derweil an seine Zunft, von Anfang an die kreativen Möglichkeiten neuer Geräte à la iPad zu nutzen - anstatt Print 1:1 zu übertragen. Doch zu Beginn werde auch sein "Abendblatt" wohl erst mal eine pdf-Version aufs Tablet legen, räumt er ein.

Einig sind sich Strunz und Mascolo in einem Punkt: für den Leser wird es teurer. Strunz begründet dies mit dem Szenario einer "Marken-Abo-Strategie", die dem Nutzer alle Inhalte zu jeder Zeit auf allen Kanälen zur Verfügung stelle. „Ein solcher Abopreis wird tendenziell höher sein als heute", so Strunz. Den bisherigen Erfolg der Umstellung auf Paid Content beim „Abendblatt" Ende 2009 will er noch nicht quantifizieren; im Januar hatte er intern die Zwischenzahl 1000 genannt. Nur soviel: Man habe schon viele Online-Abonnenten gewonnen - aber noch nicht so viele, dass man davon eine Web-Redaktion bezahlen könne. „Aber ich sehe gute Chancen, 2010 profitabel zu werden." Für Mascolo sind steigende Vertriebsumsätze angesichts sinkender (Verlags-) Werbeerlöse eine schlichte Notwendigkeit: „Guter Journalismus wird teurer werden." rp
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