Bundeskartellamt mahnt Holtzbrinck ab

Freitag, 22. November 2002

Schlechte Karten für Holtzbrinck: Bundeskartellamts-Präsident Ulf Böge hat heute vormittag offiziell bekannt gegeben, dass die Behörde den Deal zwischen Gruner + Jahr und Holtzbrinck in der bislang vorliegenden Form nicht genehmigen wird. Der Stuttgarter Holtzbrinck Verlag hatte im Juni angekündigt, den 200 Millionen Euro teuren Berliner Verlag ("Berliner Zeitung", "Berliner Kurier", die Anzeigenzeitung "Berliner Abendblatt" und das Stadtmagazin "Tip") von G+J in Hamburg zu übernehmen.

Das Bundeskartellamt folgt in der Abmahnung weitgehend der Argumentation des Axel-Springer-Verlags. Der Herausgeber von den ebenfalls in Berlin sitzenden Zeitungen "Berliner Morgenpost", "Welt" und "Welt am Sonntag" fürchtet von Holtzbrinck auf dem hart umkämpften Hauptstadt-Markt in die Ecke gedrängt zu werden. Holtzbrinck bringt in Berlin bereits den "Tagesspiegel" heraus und würde nach dem Zusammenschluss "mit großem Abstand Marktführer auf dem Berliner Lesemarkt für regionale Abo-Tageszeitungen" werden, so das Bundeskartellamt. Das Unternehmen käme demnach auf einen Marktanteil von 60 Prozent - doppelt so hoch wie der von Axel Springer.

"Holtzbrinck könnte mit zwei unterschiedlich positionierten Zeitungstiteln auf dem Berliner Markt sein Marktpotenzial besser ausschöpfen und den Wettbewerbern die Gewinnung von Lesern deutlich erschweren", fürchtet die Behörde um die Vielfalt auf dem mit allein zehn täglich erscheinenden Zeitungen schwierigsten Markt der Republik. Die endgültige Entscheidung will das Kartellamt Mitte Dezember fällen. Die Unternehmen haben jetzt bis zum 4. Dezember 2002 Zeit, um den Deal nachzubessern.

Die Situation stellt vor allem Holtzbrinck vor Probleme, denn das wirtschaftliche Risiko liegt laut Vertrag nicht bei G+J, sondern bei den Stuttgartern. Zur Debatte stehen laut Insidern mehrere Varianten, unter anderem, dass Holtzbrinck den Berliner Verlag an nahestehende Unternehmen weiterreichen könnten oder den "Tagesspiegel" zu verkaufen. Zuletzt war spekuliert worden, dass die Verlagsgruppe nach einer Holding-Lösung sucht. Gemeinsam mit den Gesellschaftern von "Stuttgarter Zeitung" und der "Märkischen Oderzeitung", Medien Union Ludwigshafen und der Ulmer Ebner-Gruppe, könnte Holtzbrinck eine Holding gründen, in der die verschiedenen Titel eingebracht werden.
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