Bloggen für lau? Das umstrittene Geschäftsmodell der "Huffington Post"

Dienstag, 30. April 2013
Die "Huffington Post" startet mit Tomorrow Focus in Deutschland (Bild: Tomorrow Focus)
Die "Huffington Post" startet mit Tomorrow Focus in Deutschland (Bild: Tomorrow Focus)


Endlich steht fest, mit wem Adrianna Huffington einen deutschen Ableger ihrer erfolgreichen "Huffington Post" umsetzen möchte: Die Wahl fiel auf die Burda-Tochter Tomorrow Focus, die mit ihrer Online-Expertise für schnellen und nachhaltigen Reichweitenaufbau sorgen soll. Am Geschäftsmodell des 2005 als Blog gestarteten Portals regt sich hierzulande jedoch schon jetzt Kritik. Denn die "Huffington Post" verdankt ihren enormen Output einem Heer von unbezahlten Bloggern. 70 Millionen Unique Visitors, 1600 Geschichten pro Tag, alle 58 Sekunden ein neuer Inhalt: Die "Huffington Post" ist gemessen an den Leistungswerten, die CEO Jimmy Maymann auf dem VDZ Digital Innovators Summit stolz verkündete, ein wahres Monstrum. Dass dieser exorbitante Output nicht mit einer Rumpfmannschaft zu stemmen ist, versteht sich von selbst: Zusätzlich zu den knapp 500 fest angestellten Redakteuren arbeiten der "HuffPo" etwa 30.000 Blogger zu - in der Regel ohne Bezahlung. Möglich werde dies durch die Ausrichtung der Seite als "Engagement-Plattform" (Maymann), die darauf abziele, die Menschen zu beteiligen. "Wir brauchen Menschen, die auf unserer Seite schreiben, die sich in einem Fachgebiet auskennen und ihr Wissen teilen wollen , sagte Maymann zur "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Reichweite statt Geld also. Journalistenvertreter sind alarmiert, dass die "Huffington Post" dieses Modell nun nach Deutschland bringen möchte. Die künftigen Betreiber hätten nun noch ein paar Monate Zeit, "in Deutschland für hauptberufliche freie Journalisten ein akzeptables Honorarmodell zu schaffen", schreiben Eva Werner und Michael Hirschler im Blog des Deutschen Journalisten Verbands (DJV). Auf einen vermuteten Werbeeffekt zu setzen als Rechtfertigung dafür, dass Journalisten für ihre Arbeit nicht angemessen bezahlt werden, sei inakzeptabel - hier sei Tomorrow Focus nun in der Pflicht.

Ist also ein Mix aus Reichweite und Geld die Antwort? Bereits Anfang April hatte Nico Lumma in einem Blogpost die Spekulationen um die deutsche Partnersuche der "Huffington Post" mit den Worten kommentiert: "Ich würde nicht einen Cent für eine dusselige Lizenz ausgeben, sondern einen guten Namen finden, ein Redaktionsteam zusammenstellen, ein attraktives Vergütungsmodell für freiwillige Autoren finden, das auch auf Ruhm und Ehre aufsetzt, und genau in die Lücken gehen, die der deutsche Zeitungsmarkt gerade zu bieten hat (...)"

Der springende Punkt: Über Portale wie Rankseller.de haben Blogger bereits die Möglichkeit, Beiträge zu vermarkten. Und die zahlreichen Erfolgsbeispiele aus dem Food- oder Mode-Bereich, die der etablierten Fachpresse ob ihrer Expertise und großen Leserschaft teilweise großes Kopfzerbrechen bereiten, zeigen, dass man Reichweitenaufbau auch im Selbstverlag hinbekommen kann - eine gute Schreibe und ein nischiges Thema sind oftmals der Schlüssel. Die Frage, die jeder Blogger an sich selbst stellen muss, ist daher, zu welchem Zweck er seinen Blog betreibt.

Wolfgang Michal
, Mit-Herausgeber des Autorenblogs Carta (dessen Autoren ebenfalls unentgeltlich arbeiten), stellt jedoch in Zweifel, ob die "HuffPo"-Verantwortlichen hierzulande mit ihrem Ansatz überhaupt auf Gegenliebe stoßen: "Aber wo will die Redaktion 1000 Blogger hernehmen, die für lau und gleichzeitig für den Milliardär Burda arbeiten wollen?", fragt Michal in einem aktuellen Beitrag. Zumal sich die Frage stelle, ob sich mit "Klatsch aus Babelsberg" überhaupt ein nennenswertes Publikum aufbauen lasse.

Etwas zurückhaltender zeigt sich Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg und Herausgeber des Debattenportals Vocer: "Da die 'HuffPo' weniger ein journalistisches Nachrichtenmedium denn ein Aggregator von Stimmen, Meinungen und Analysen im Netz ist, halte ich das Grundkonzept bei Non-Profit-Angeboten durchaus für legitim", so Weichert gegenüber HORIZONT.NET. Allerdings werde Präsidentin Arianna Huffington nicht umhin kommen, kostenlos-Schreiber an den Gewinnen der kommerziellen Seite zu beteiligen, wolle sie nicht den Zorn der Blogger auf sich ziehen. Weichert erinnert in diesem Zusammenhang an den Verkauf der "HuffPo" an AOL im Jahre 2011, als zahlreiche Blogger am Verkaufserlös von knapp 315 Millionen Dollar beteiligt werden wollten, aber vor Gericht unterlagen.

Bei Tomorrow Focus ist man jedenfalls zuversichtlich, auch hierzulande eine schlagkräftige Zulieferer-Truppe aufbauen zu können: Nach Auskunft Unternehmenssprechers gebe es bereits zahlreiche Anfragen von Bloggern, die für die deutsche "Huffington Post" schreiben wollten. ire
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