„Bild“ bei Schlecker: Springer befeuert die Diskussion um Grosso-Konditionen

Donnerstag, 17. März 2011
Schlecker könnte bald die "Bild" verkaufen
Schlecker könnte bald die "Bild" verkaufen

Und Geschichte wiederholt sich doch: Axel Springer will offenbar das Verkaufsstellennetz für sein Flaggschiff „Bild" um über 8.000 Filialen der Drogeriediscountkette Schlecker ausbauen. Dies berichtet der Fachdienst „Media Tribune". Springer will das auf Anfrage so konkret nicht kommentieren. Stattdessen antwortet ein Springer-Sprecher grundsätzlicher: "Die aktuellen Herausforderungen des Zeitungs- und Zeitschriftenmarktes erfordern, dass wirklich jede potenzielle Möglichkeit, den Absatz von Presseprodukten zu fördern, ausgelotet wird." Dazu gehöre auch die "Ausweitung des Verkaufsstellennetzes im Sinne einer intensiveren Marktausschöpfung", auf die sich alle Unterzeichner der "Gemeinsamen Erklärung" 2004 verständigt hätten. "Vor diesem Hintergrund sind die Bemühungen zu sehen, große Discounterketten, wie aktuell Schlecker, von der Aufnahme eines Pressesortiments zu überzeugen", heißt es. Und selbstverständlich müsse eine mögliche Erschließung durch das Grosso systemkonform erfolgen.

Dennoch könnte damit eine Diskussion wieder aufflammen, die es alle paar Jahre um die Pressebelieferung von Discountern wie Lidl, Penny und Plus gab und gibt. Denn dem Vernehmen nach sind die meisten Verlage erwartungsgemäß gegen eine neuerliche Ausweitung des allgemeinen Vertriebsnetzes, das vom Grosso betreut wird. Schließlich halten Discounter gewöhnlich nur kleine Titelsortimente - und davon profitiert in erster Linie „Bild". Außerdem wird befürchtet, dass neue Schmalspur-Vertriebsstellen mit wenigen Schnelldrehern den umliegenden Kiosken mit größeren Sortimenten nicht nur die wichtigen „Bild"-Käufer wegschnappen, sondern damit auch Spontan- und Zusatzkäufe anderer Titel verhindern. Und auch die Grossisten sind wohl dagegen: Laut „Media Tribune" beliefern sie schon heute knapp 100 Schlecker-Filialen, erzielen hier aber nur unterdurchschnittliche Umsätze.

Springers „Bild"-Vorstoß bei Schlecker fällt in eine Zeit, in der andere Verlage erstmals offen die Frage stellen, inwieweit nicht letztlich sie das große Vertriebsnetz mit seinen bundesweit 120.000 Presseverkaufsstellen finanzieren, das in dieser Dichte und an sieben Tagen pro Woche nur „Bild" benötige. Die meisten anderen Verlage kommen mit ein bis zwei Dritteln davon aus. „Bisher ist es so, dass die Publikumsverlage das Vertriebsnetz von ,Bild‘ finanzieren", sagte Bauer-Geschäftsleiter Andreas Schoo Ende Januar im Interview mit HORIZONT.NET. Daher schlägt er im Grosso eine Tarifdifferenzierung nach Servicegrad vor.

Michael Imhoff, Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter von MZV, dem mit 20 Prozent Marktanteil nach Axel Springer zweitgrößten Player im Pressevertrieb (Burda und WAZ-Gruppe stehen als Mitgesellschafter dahinter), sagte im Februar in HORIZONT (5/2011) dazu unter anderem: „Es tut allen Verlagen gut, dass es die 120.000 Verkaufsstellen gibt." Und „Bild" sei die stärkste Stütze, als Zugpferd für Käufer und als Türöffner bei der Erschließung neuer Verkaufsstellen. „Andererseits muss man offen darüber diskutieren, inwieweit Nutzen und Kosten gerechter verteilt werden können. Für ,Bild‘ müssen die Grossisten einen riesigen Aufwand betreiben, und das bei einer geringen Handelsspanne", gab Imhoff dagegen zu bedenken.

Springers Schlecker-Vorstoß dürfte diese Diskussionen somit erneut befeuern. Früher lief die Debatte um Presse bei Discountern übrigens noch schärfer und grundsätzlicher: Damals hatte Springer versucht, lukrative große Einzelhandelsketten sogar direkt zu beliefern - sich dann aber von der Branchenräson einfangen lassen. Am Ende stand 2004 die „Gemeinsame Erklärung" mit dem Kollektivbekenntnis zu den „Essentials" des Systems, wozu auch gehört, dass die Distribution allein Sache der Grossisten sei.

Auch im vergangenen Herbst kam das Thema nochmals auf: Springer hatte Gespräche mit dem Einzelhandelsriesen Rewe Group (Rewe, Toom, Penny) bestätigt, hier aber betont, dass es dabei „um die grundsätzliche wirtschaftliche Entwicklung im Bereich Presse" gehe und nicht um Direktbelieferung und Sonderkonditionen. Beides schließe man mit Blick auf die Gemeinsame Erklärung „kategorisch aus". rp
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