Big Brother Google & Co: Warum Ralph Dommermuth recht hat und trotzdem danebenliegt

Montag, 08. August 2011
Attackiert die US-Giganten: Ralph Dommermuth
Attackiert die US-Giganten: Ralph Dommermuth

Mächtig vom Leder zieht United-Internet-Chef Ralph Dommermuth im aktuellen „Spiegel": Google, Facebook und Co sind die „Big Brother des neuen Jahrtausends" -  mit unstillbarem Datenhunger und mangelndem Datenschutz. 3 Argumente, warum Ralph Dommermuth recht hat und trotzdem danebenliegt. 1) „Internet Made in Germany", Teil 1: Ralph Dommermuth ist einer der stillsten und einer der mächtigsten Internet-Unternehmer Deutschlands. Interviews gibt er weniger als selten, auf den üblichen Branchenveranstaltungen findet man ihn nie. Nun attackiert der „Internet-Milliardär" („Spiegel") aus Montabaur die Big Player der Szene. Er ist nicht der erste und einzige deutsche Manager, der gegen vor den Web-Großmächten warnt. In einem HORIZONT-Interview hatte Stefan Winners, CEO von Tomorrow Focus, mit ähnlichen Argumenten eine „Front gegen Facebook" („HORIZONT") aufzubauen versucht. Und von einer ganz anderen Ecke kommend fordert „FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher eine europäische Suchmaschine als Antwort auf Google. Doch wie realistisch ist ein deutsch-europäisches Szenario als Regional-Antwort auf die Hegemonie globaler Konzerne? Weder Schirrmacher noch Dommermuth oder Winners um Web-Deutschtümelei. „Das Web gehört natürlich keiner Nation", sagt Dommermuth im „Spiegel". Und will im selben Atemzug mit der bis dato eher unbekannten Initiative „Internet Made in Germany" die Vorteile deutscher Internet-Unternehmen herausstellen. Doch dabei geht es weniger um herausragende Produkte, wofür „Made in Germany" ja eigentlich stand, sondern vor allen Dingen um Datenschutz, der zum Standortvorteil erkoren wird. Dies herauszustellen ist wichtig, allein: Solange es deutschen Unternehmen nicht gelingt, in den Kernbereichen des Internets (Suche, E-Commerce, Content, Social Media) international konkurrenzfähige Produkte zu entwickeln, werden die globalen Marken auch starke regionale Märkte beherrschen.

2) „Internet Made in Germany", Teil 2: Die Initiative klingt nach einer großen Volksfront gegen übermächtige Monopolisten. Aber wer soll sich eigentlich daran beteiligen? Das Verbraucherministerium? Mit Ministerin Ilse Aigner, die in einem SZ-Interview im Januar als „Nervensäge" eingeführt wurde, sind nicht nur manche Kabinettskollegen über Kreuz. Es gibt außerhalb der Politik genügend Zweifler ab der Internet-Kompetenz der verantwortlichen Minister. Die große Initiative braucht nicht nur die Politik. Sie braucht auch Verbündete im Internet-Unternehmenslager. Doch mit Kooperationen tun sich nicht nur die aus Verlagen entstandenen Web-Unternehmen schwer - zu groß ist die Konkurrenz der deutschen Player untereinander. Das Fatale am Erfolg der US-Konzerne: Die Dominanz ist derart übermächtig, dass in wichtigen Internetbereichen - beispielsweise Werbung - den verbleibenden Unternehmen nur ein vergleichsweise bescheidenes Stück eines an sich ziemlich großen Kuchens bleibt.

3) Das Big-Brother-Missverständnis: Der „Spiegel" fragt: „Facebook, Google und Co sind für Sie jedenfalls die wahren „Big Brother" des neuen Jahrtausends?" Ralph Dommermuth anwortet: „Eindeutig ja". „Big Brother is watching you" war auch das empörte Argument, mit dem sich die 1981 geplante Volkszählung zu einem Kulturkampf entwickelte (und letztlich verhindert wurde). Doch im Gegensatz zu damals (und auch der Grundannahme der literarischen Vorlage von George Orwell) ist niemand gezwungen, bei Google zu suchen oder sich einen Account (Google+ beispielsweise) zuzulegen. Auch bei Facebook muss sich keiner anmelden. Das Erfolgsgeheimnis dieser Unternehmen beruht auf absoluter Freiwilligkeit. Das Faszinierende (und in der Tat manchmal Erschreckende) ist doch, mit welcher Begeisterung Menschen Fans werden und/oder ihre Kreise ziehen, diversen e-Commerce und Social-Media-Anbietern ihren Standort angeben. Big Brother ist Diktatur. Google und Facebook sind Demokratie. Der Nutzer ist dabei „längst nur noch Mittel zum Zweck - auch wenn das beide Internet-Größen niemals zugeben würden". („FTD", 12.7.2011). Doch schließlich geht es auch den deutschen Google-Kritikern um ganz profane Dinge: Nur wer die Nutzer an die eigenen Angebote bindet, hat die Chance, (Werbe-)Umsätze zu steigern. Da ist es doch beruhigend, wenn der Datenschutz eingehalten wird. vs
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