Bertelsmann/Jahr: Was der geplatzte Anteilstausch für G+J bedeutet

Freitag, 19. Oktober 2012
Die Besitzverhältnisse am Hamburger Baumwall bleiben wie sie sind
Die Besitzverhältnisse am Hamburger Baumwall bleiben wie sie sind


Viel Lärm um am Ende - nichts: Was war das für eine Aufregung, als im August ruchbar wurde, dass der Medienkonzern Bertelsmann seinen Tochterverlag Gruner + Jahr komplett übernehmen wolle, durch einen Anteilstausch mit der Verlegerfamilie Jahr. Doch daraus wird nun nichts. Das "Manager Magazin", vielleicht von interessierter Seite als Teil der Verhandlungskommunikation vorgesehen, hatte im Sommer exklusiv darüber berichtet. Und darüber, dass der Deal weit fortgeschritten sei. Ganz nebenbei wurde der damalige G+J-Vorstandschef Bernd Buchholz derart desavouiert, dass der sich zum Rückzug bewegt sah. Geplant war demnach, dass Bertelsmann die Jahr-Anteile an G+J übernehmen und die Verlegerfamilie im Gegenzug mit einem kleinen Prozentsatz am Gütersloher Konzern beteiligen wollte.

Bertelsmann hatte postwendend bestätigt, dass man mit der Jahr-Holding "in Gesprächen über die Lage und weitere Ausrichtung von G+J" sei; Spekulationen über eine mögliche Neuordnung der Anteilsverhältnisse wollte man nicht kommentieren. Was meist so viel heißt wie: Ja, man verhandelt - will und kann es aber natürlich nicht sagen.

Und jetzt verkünden die Verhandlungsparteien Bertelsmann (74,9 Prozent Anteil an G+J) und Jahr-Holding (25,1 Prozent mit Sperrminorität), dass alles so bleibt wie es ist. Man sei "einvernehmlich zu der Entscheidung gelangt", dass man G+J auch in Zukunft gemeinsam weiterentwickeln werde. Die Anteilsverhältnisse bleiben also unverändert. Laut dpa konnten sich die Partner nicht über den Wert des Anteils der Jahr-Holding einigen.

Was bedeutet das? Für G+J heißt das, dass man wegen der Sperrminorität der Jahrs weiterhin insofern unabhängig bleibt, als Bertelsmann und sein Vorstandschef Thomas Rabe in Hamburg auch weiterhin nicht „durchregieren" können - dieses Szenario haben manche dort befürchtet. Die Rechtform der Aktiengesellschaft dürfte weiter fortbestehen, die Vorstände Julia Jäkel, Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy dürfen sich auch weiterhin Vorstände nennen (und nicht Geschäftsführer). Für Deutschland-Chefin Jäkel sollte sich ohnehin wenig ändern; ihr wird nachgesagt, sowohl mit Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn als auch mit Angelika Jahr auf der Gegenseite gut auszukommen.

Die neue alte Lage kann für G+J aber auch Stillstand bedeuten, weil bei anstehenden wichtigen Entscheidungen - die Zukunft der Wirtschaftsmedien etwa - eine Patt-Situation droht. Und mit Blick auf die Verlegerfamilie Jahr zeigt der Ausgang der Verhandlungen, dass diese offenbar doch noch mehr ans Verlagsgeschäft glaubt oder glauben will als manche ihr in den vergangenen Wochen unterstellt hatten. Oder dass die Verärgerung der Familienstämme über den öffentlichen Rauch während der Verhandlungen zu groß war.

Oder dass der Deal, den Winfried Steeger, der Geschäftsführer der Jahr Holding, für die Familie eingefädelt hat, vielleicht auch einfach nicht so toll war. Neben Steeger sieht bei dem heute verkündeten Ausgang der Sache auch Bertelsmann-Chef Rabe nicht wirklich gut aus. Denn man darf davon ausgehen, dass er bei G+J gerne durchregiert hätte, mit dem Ziel, das Haus schlanker und renditeträchtiger aufzustellen - oder aber (teilweise) zu verkaufen.

In der offiziellen Pressemitteilung ist davon natürlich nichts zu lesen. Es regiert Lyrik pur: „Bertelsmann wird die mehr als 40 Jahre währende, erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Familie Jahr fortsetzen. Wir werden die starke Position von G+J im Mediengeschäft ausbauen, die Digitalisierung von Inhalten und Marken vorantreiben und die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen", lässt sich Rabe zitieren. Und Steeger ergänzt: „In den intensiven und konstruktiven Gesprächen mit Bertelsmann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir die anstehenden Herausforderungen für G+J am besten gemeinsam werden meistern können."  rp
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