Bertelsmann trennt sich überraschend von Vorstandschef Thomas Middelhoff

Montag, 29. Juli 2002

Die Meldung aus Gütersloh schlug am Sonntag wie eine Bombe ein: Wegen unterschiedlicher Auffassungen zwischen den Mehrheitsgesellschaftern und Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Middelhoff über die zukünftige Ausrichtung des Konzerns muss der erfolgreiche Konzernlenker gehen. Außerdem habe es zwischen dem Aufsichtsrat und dem Vorstandschef Differenzen über die Zusammenarbeit gegeben, lautet die offizielle Begründung aus Gütersloh.

Der neue Bertelsmann-Chef steht bereits fest: Der 59-jährige Gunther Thielen, seit 1985 Vorstandsmitglied und für die Avarto AG zuständig, übernimmt den Posten. Thielen war erst im Oktober vergangenen Jahres Firmenpatriarch Reinhard Mohn als Vorsitzender des Kuratoriums und des Präsidiums der Bertelsmann-Stiftung sowie als Vorsitzender der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) gefolgt. Damit hatte er eine Schlüsselfunktion im Unternehmen übernommen.

Bertelsmann gehört mit rund 20 Milliarden Euro Jahresumsatz zu den größten Medienunternehmen der Welt. Thielen hat die Bertelsmann-Altersgrenze von 60 Jahren schon fast erreicht, sein Vertrag soll aber auf drei Jahre angelegt sein. Mehrheitseigner der Bertelsmann AG ist mit 57,6 Prozent die Bertelsmann-Stiftung. 25,1 Prozent hält die Group Buxelles Lambert. Diese Minderheitsbeteiligung kann in zwei bis drei Jahren an der Börse platziert werden. Die Familie Mohn besitzt die restlichen 17,3 Prozent.

Thomas Middelhoff, der 16 Jahre bei Bertelsmann war und seit 1998 an der Konzernspitze saß, gilt als Verfechter eines raschen Börsengangs. Vermutlich ist genau darüber der Streit mit dem Aufsichtsrat entbrannt. Reinhard Mohn hatte sich lange gegen den Börsengang gewehrt, bis Middelhoff ihn im vergangenen Jahr doch vom Going-public überzeugen konnte.

Doch seither hat sich die Stimmung auf dem internationalen Parkett gedreht. Der Börsengang war intern umstritten, vielen erschien der Tempomacher Middelhoff zu voreilig. Doch der Börsengang und vor allem die flüssigen Mittel für eine weitere internationale Expansion des Medienkonzerns gehörten zu seiner Vision vom wirklich globalen Player, der mit Konzernen wie AOL Time Warner und Disney in einer Liga spielt.

Über die Zukunft des Top-Managers Middelhoff wird in der Branche heftig spekuliert. Schließlich ist an der Spitze der deutschen Telekom gerade ein Posten freigeworden, den der Übergangs-Manager Helmut Sihler neu besetzen soll. Doch in Fachkreisen gilt es als unwahrscheinlich, dass Middelhoff, der sich bei Bertelsmann als Visionär einen Namen gemacht hat, den knallharten Sanierungsjob übernehmen wird.
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