Bertelsmann spürte Krise schon 2008 / Vorstand verzichtet auf die Hälfte seines Gehaltes

von Roland Pimpl
Dienstag, 24. März 2009
Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski muss mit sinkenden Gewinnen kämpfen
Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski muss mit sinkenden Gewinnen kämpfen

 Europas größter Medienkonzern Bertelsmann rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatz- und operativen Ergebnisrückgang. Grund sei die weltweite Wirtschaftskrise, die auch die eigenen Geschäftsaussichten belaste, teilte das Unternehmen bei der Vorlage seiner Bilanz 2008 heute in Berlin mit. Beim Ausmaß der Minus-Entwicklung tappt Bertelsmann ebenso im Dunkeln wie alle anderen. "Die volatile Wirtschaftslage lässt keine seriöse Prognose für das laufende Geschäftsjahr zu", erklärte Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski. Daher gelte es 2009 vor allem, „die bestehenden Geschäfte zu sichern und unsere Liquidität zu halten", so der CEO. Dies schließe weitere „Optimierungsmaßnahmen" und „äußerste Kostendisziplin" ein. Möglicherweise um entsprechende Gespräche konzernweit für alle Mitarbeiter einzuleiten, verkündete Ostrowski für den gesamten Bertelsmann-Vorstand für 2009 einen Verzicht auf Tantiemen-Ansprüche. Dadurch würde jeder der bisher fünf Vorstandsmitglieder auf mindestens die Hälfte seines Einkommens verzichten, hieß es.

Bereits im vergangenen Jahr bekam der Konzern die beginnende Rezession gerade im Medienmarkt zu spüren: Der Umsatz blieb 2008 gegenüber 2007 auf vergleichbarer Basis mit 16,1 Milliarden Euro zwar halbwegs stabil (minus 0,5 Prozent), der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Sondereinflüssen (Operating Ebit) sank jedoch deutlich um 8,7 Prozent auf nur noch 1,6 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite sank somit von 10,6 Prozent auf 9,7 Prozent.

Doch diese Zahlen zeigen nicht das ganze Ausmaß des Umsatz- und Ergebnisrückgangs: Bertelsmann hat im vergangenen Jahr seine 50-Prozent-Beteiligung am Musik-Joint-Venture Sony BMG sowie große Teile seines Buchclub-Geschäfts verkauft; dadurch fehlen dem Konzern in der Bilanz 2008 rund 2,7 Milliarden Euro Umsatz (Basis: 2007). Tatsächlich ist der Umsatz 2008 gegenüber 2007 also um 14,1 Prozent zurückgegangen und das Operating Ebit um 13,4 Prozent. Immerhin hat sich die Trennung von den unprofitablen US-Buchclubs positiv auf die Umsatzrendite des Konzerns ausgewirkt - diese lag im vergangenen Jahr eigentlich ebenfalls bei nur 9,7 Prozent.

Vorboten der Medienkrise stecken vor allem im Bilanzposten „Sondereinflüsse", die den Gewinn vor Finanzergebnis und Steuern (Ebit), der 2008 bei 892 Millionen Euro und damit ein Drittel unter dem Vorjahreswert (1,3 Milliarden) lag, um 676 Millionen Euro (2007: 409 Millionen) stark minderten.

Hierzu zählten außerordentliche Abschreibungen auf gesunkene Firmenwerte (502 Millionen Euro), etwa beim britischen TV-Sender Five (337 Millionen Euro), bei der Direct Group in Frankreich und Portugal (71 Millionen), bei RTL-Radio in Deutschland (34 Millionen) und bei Arvato, sowie Abfindungen und weitere Restrukturierungsaufwendungen zwecks „Ergebnisvorsorge für 2009" (Finanzvorstand Thomas Rabe), etwa bei G+J (35 Millionen Euro) und Random House (51 Millionen), in Höhe von insgesamt 173 Millionen Euro. Dadurch fiel auch der Konzerngewinn um ein Drittel auf nur noch 270 Millionen Euro (2007: 405 Millionen) und liege damit „deutlich unter unseren Erwartungen" (Rabe). Der Schuldenstand sank um 1,1 Milliarden Euro auf - immer noch hohe - 6,6 Milliarden Euro. Die Liquidität des Konzerns sei bereits jetzt über das Jahr 2010 hinaus gesichert, sagte Rabe.

Die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf Konsumverhalten und Werbebuchungen stelle besonders in den werbemarktabhängigen Geschäften eine „Belastung" für den Konzern dar, so Ostrowski. Die größte Konzernsparte RTL hatte ihre Zahlen bereits Mitte März gemeldet. Bei Gruner + Jahr ging der Umsatz um 2,2 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro und das operative Ergebnis um fast 15 Prozent auf 225 Millionen Euro.

Investiert hat Bertelsmann 2008 rund 1,1 Milliarden Euro, davon mehr als ein Viertel in Zukäufe (Mehrheitsbeteiligung an der griechischen TV-Gruppe Alpha Media; Kauf des spanischen Call-Center-Betreibers Qualytel durch Arvato").

Diesen Wert könnte der Konzern in 2009 unterschreiten. Ostrowski revidierte erneut sein sportliches Wachstumsziel bis 2015 (30 Milliarden Euro Umsatz bei 3 Milliarden operativem Gewinn), das er bei seinem Amtsantritt vor über einem Jahr ausgegeben hat: „Wir werden 2009 ein Pausenjahr einlegen. Ein organisches Wachstum von jährlich etwa 4 Prozent ist uns wichtiger als eine absolute Umsatzzahl." Daher könne es sein, dass man die Wachstumsziele „etwas später" erreiche: „Aber wir werden sie erreichen", so Ostrowski. rp

Die Geschäftsbereiche von Bertelsmann im Überblick: 

Das Unternehmen 

RTL Group

Gruner + Jahr 

Arvato 

Random House 

Direct Group 
Bertelsmann ist der größte Medienkonzern Europas
Bertelsmann ist der größte Medienkonzern Europas

Das Unternehmen:

 Bertelsmann ist der größte Medienkonzern Europas. Weltweit rangiert die von der Familie Mohn kontrollierte Unternehmensgruppe derzeit auf Rang 5 hinter Time Warner, Disney, News Corp und Viacom.

Der Konzern ruht auf den fünf Säulen RTL Group, Gruner + Jahr, Arvato, Random House und der Direct Group. In den vergangenen Jahren hat sich Bertelsmann von verschiedenen Beteiligungen wie dem Joint Venture Sony BMG und Teilen des Clubgeschäfts getrennt und damit rund 2 Milliarden Euro Umsatz verloren. Hintergrund der strategischen Deinvestitionen ist unter anderem der Rückkauf eines 25-prozentigen Aktienpakets des ehemaligen belgischen Investors Albert Frère im Jahr 2006, mit dem die Familie Mohn einen möglichen Börsengang des Konzern verhindern wollte. Die Trennung kostete den Konzern satte 4,5 Milliarden Euro. Der Spielraum für Investitionen wurde dadurch auf Jahre hinaus stark eingeschränkt.

Um den Konzern unabhängiger vom stark schwankenden Werbegeschäft zu machen, soll vor allem die Servicesparte weiter ausgebaut werden. Daneben setzt Bertelsmann auf die Wachstumsmärkte in Osteuropa und Asien. Hartmut Ostrowski, seit 2007 Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann, strebt als mittelfristiges Ziel einen jährlichen Umsatz von 30 Milliarden Euro und eine Umsatzrendite in Höhe von 10 Prozent an. Erst kürzlich musste er allerdings einräumen, dass das Ziel wegen der Wirtschaftskrise nicht mehr wie ursprünglich geplant bis 2015 zu erreichen ist.

Die letzten Meldungen zu Bertelsmann:

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G+J-CEO Kundrun legt Vorstandsmandat bei Bertelsmann nieder

Bertelsmann erwartet keine Umsatzsprünge

Bertelsmann: Sicherung der bestehenden Geschäfte hat Priorität

Bertelsmann verabschiedet sich aus Joint-Venture mit Sony / BMG wird neu ausgerichtet 

Die RTL Group im Überblick:
Gerhard Zeiler
Gerhard Zeiler

RTL Group

Die RTL Group mit Sitz in Luxemburg ist mit 45 TV-Sendern und 32 Radiostationen in elf Ländern der größte Rundfunkanbieter in Europa. Mit einem Umsatz von zuletzt rund 5,8 Milliarden Euro und einem Gewinn von 296 Millionen ist die RTL Group die Cash Cow von Bertelsmann. In Deutschland sind die Aktivitäten in der Mediengruppe RTL Deutschland unter der Führung von Anke Schäferkordt gebündelt. CEO der RTL Group ist der Österreicher Gerhard Zeiler. Der Umsatz erreichte im vergangenen Jahr 5,77 Milliarden Euro (2007: 5,71 Mrd.), das operative Ergebnis lag bei 927 Millionen Euro (2007: 978 Mio.)

Die letzten Meldungen zur RTL Group:

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RTL Group rechnet mit Umsatzrückgang

RTL Group streckt Fühler nach England aus

RTL behauptet sich gegen den Markt

Gruner + Jahr im Überblick:
Bernd Buchholz
Bernd Buchholz

Gruner + Jahr

Gruner + Jahr ist mit 285 Zeitschriften und Zeitungen in über 20 Ländern, einschließlich zugehöriger Online-Angebote, mit Druckereien in Deutschland und den USA sowie mit professionellen Internetangeboten eigenen Angaben zufolge Europas größtes Verlagshaus. Zum Portfolio gehören unter anderem "Stern", "Geo", "Brigitte" und die Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland". Durch die Anzeigenkrise steht der Verlag derzeit unter Druck. Das Portfolio wurde bereits um mehrere Titel bereinigt, Beobachter rechnen mit weiteren Einstellungen. Die Zusammenlegung der Wirtschaftstitel am Hauptsitz in Hamburg hat zu Beginn des Jahres für reichlich Wirbel gesorgt. Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr ist seit Anfang des Jahres Bernd Buchholz. Der Umsatz lag 2008 bei 2,77 Milliarden Euro (Vorjahr: 2,83 Mrd.), das operative Ergebnis bei 225 Millionen Euro (264 Mio.). 

Die letzten Meldungen zu Gruner + Jahr:

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Arvato im Überblick:
Rolf Buch
Rolf Buch

Arvato

Arvato hat sich in den vergangenen Jahren zum Wachstumstreiber von Bertelsmann entwickelt. Die Palette des Mediendienstleiters reicht vom klassischen Druck bis zu modernen Dienstleistungen wie Servicecentern, Finanz-Clearing oder Mobile Services. Zu dem Unternehmen gehören die Unternehmensbereiche Arvato Services, Arvato Print, Arvato Digital Services und Arvato Systems. Damit ist Arvato nach der RTL Group der Hauptumsatzbringer von Bertelsmann. Vorstandsvorsitzender ist Rolf Buch. Der Umsatz lag 2008 bei 4,99 Milliarden Euro (2007: 4,92 Mrd.), das operative Ergebnis bei 369 Millionen (2007: 366 Mio.). 

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Thorsten Thiel wird CEO von Prinovis 

Random House im Überblick:
Markus Dohle
Markus Dohle

Random House

Random House mit Hauptsitz in New York ist die größte Verlagsgruppe der Welt. Zu dem Unternehmen gehören mehr als 120 Verlage in 19 Ländern, die pro Jahr rund 500 Millionen Bücher verkaufen. Chairman und CEO von Random House ist Markus Dohle. Der Umsatz sank im vergangenen Jahr auf 1,72 Milliarden Euro (2007: 1,84 Mrd.), das operative Ergebnis auf 137 Millionen (2007: 173 Mio.)

Die letzten Meldungen zu Random House:

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Bertelsmann: Markus Dohle wird neuer Buchchef

Die Direct Group im Überblick:
Fernando Carro
Fernando Carro

Direct Group

Die Direct Group mit den Buchclubs, Buchhandlungen und Online-Shops ist zugleich Keimzelle und Sorgenkind von Bertelsmann. In den vergangenen Jahren hat der Konzern das Clubgeschäft in mehreren Ländern bereits verkauft. Auch wenn der Konzern öffentlich stets beteuert, seinem ehemaligen Kerngeschäft auch weiterhin treu zu bleiben, halten sich die Gerüchte über einen kompletten Verkauf der Direct Group. CEO ist Fernando Carro. Der Umsatz ging 2008 zurück auf 1,26 Milliarden Euro (2007: 1,31 Mrd.), das operative Ergebnis stieg auf 22 Millionen (2007: 18 Mio.).

Die letzten Meldungen zur Direct Group: 

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Bertelsmann verkauft Großteil der Buchclubs 

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