Bertelsmann: Warum der neue CEO Visionen braucht

Dienstag, 11. Oktober 2011
Thomas Rabe soll Bertelsmann Wachstumsperspektiven eröffnen
Thomas Rabe soll Bertelsmann Wachstumsperspektiven eröffnen

Der neue Bertelsmann-Chef soll Deutschlands größtem Medienhaus neben guten Zahlen vor allen Dingen Anschluss an die Avantgarde der digitalen Wirtschaft bescheren. Das wird ohne Visionen nicht gehen. Wahrscheinlich steht das Wort Vision seit der Middelhoff-Ära in Gütersloh auf dem „No-go"-Index.  Und in seiner Keynote anlässlich der Kölner Dmexco Ende September hatte Hartmut Ostrowski den Begriff auch tunlichst vermieden. Der CEO von Bertelsmann präsentierte den Hunderten neugierigen Zuhörern aus dem digitalen Lager die beeindruckende Bilanz eines Konzerns der Old Economy (wie man früher gesagt hätte), der sich auch im Digitalen versucht. Das ist nicht abwertend gemeint, sondern soll eher beschreiben, wie Deutschlands mit weitem, weitem Abstand größtes Medienhaus bei den anwesenden Online-Vermarktern, Facebook-Jüngern und Google-Frenemys rüberkam: als grundsolider, aber zumindest für die Protagonisten der digitalen Wirtschaft eher langweiliger Medien-Mischkonzern. Entsprechend enttäuscht waren die Zuhörer von Hartmut Ostrowski. Der sagte: „Die Digitalisierung verschafft uns zusätzliche Chancen." Hören wollten die Dmexco-Teilnehmer: „Die Digitalisierung ist die einzige Chance." Ostrowski sagte: „Wir werden daran arbeiten, die besten Inhalte mit den besten Services zu verknüpfen und lernen, unser Geschäft auf einer niedrigeren Kostenbasis zu gestalten." Gewünscht worden wäre: „Wir werden daran arbeiten, eine Internet-Company zu werden."

Es spricht für Ostrowski, dass er die Gelegenheit in Köln nicht wahrnahm, falsche Erwartungen zu schüren. Doch wahrscheinlich war dies die Krux, die mit dafür sorgte, dass ab 1. Januar 2012 der bisherige Finanzchef Thomas Rabe das Ruder in Gütersloh übernimmt. 100.000 Mitarbeiter hat Bertelsmann, der Umsatz betrug 2010 immerhin 15,8 Milliarden Euro. Hartmut Ostrowski hat es seit seiner Amtsübernahme 2008 brillant geschafft, die einzelnen Töchter (Arvato, Gruner + Jahr, Random House und RTL) durch schwierige Jahre zu führen. Doch nach der Zeit des Sparens, des Konsolidierens und der Bodenständigkeit will das Unternehmen nun  „wieder Weltkonzern sein" (Süddeutsche Zeitung). Dafür ist Ostrowski, so sieht es aus, nicht der richtige Mann.

Aber Thomas Rabe. Der Finanzvorstand, so der Tenor der Tageszeitungen und Online-Dienste, sei in Habitus und Denken das Ostrowski-Gegenstück. Als „der operative Finanzchef" wird der 46-Jährige auf der Firmenwebsite geführt. Die „FTD" (die über Gruner + Jahr selbst zu Bertelsmann gehört) zitiert einen „Bertelsmann-Insider": „Rabe ist ein Wühler, ein Macher. Er ist klar, verbindlich, hochintelligent, schnell und sachlich."

In seiner Jugend, heißt es, hat der gebürtige Luxemburger in einer Punkband gespielt. Und vermutlich wünscht man sich in Gütersloh wieder ein bisschen mehr „Business Punk" gerade an der Spitze des Unternehmens. Als operativer Finanzchef ist Rabe nicht nur ein Zahlenmensch, sondern vor allen Dingen ein unternehmerisch denkender Stratege. In seinen Verantwortungsbereich fallen bereits die Investments im Onlinebereich und der Aufbau des hochprofitablen Musikrechteunternehmens BMG Right Managements. Die Unternehmung wird im Joint Venture mit dem Finanzinvestor KKR geführt. Damit nicht genug: Auch für die Investitionen in den asiatischen Markt ist Rabe an vorderster Front verantwortlich.

Das gute Betriebsergebnis sei der „nötige Rückenwind für unsere Wachstumsstrategie", hatte Ostrowski immer wieder verkündet. Doch gerade eine visionäre Strategie hatten nicht nur die Zuhörer auf der Dmexco schmerzlich vermisst. Internet, Musik, Asien - diese Bereiche sollen künftig unter Rabes Führung Bertelsmann Wachstum bescheren. Ostrowski habe „Bertelsmann in Zeiten großer wirtschaftlicher Unsicherheit durch die Krise geführt. Die Verschuldung konnte in seiner Zeit auf das Zielniveau zurückgeführt werden", schreibt  Aufsichtsratsvorsitzender Gunter Thielen in einem Brief an die Mitarbeiter. Selbst beim Dank an den scheidenden Bertelsmann-CEO wird die Bodenhaftung bewahrt. vs
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