Bertelsmann: Doch wieder neue Schulden? / Schwere Zeiten für G+J-Chef Bernd Buchholz

Donnerstag, 23. August 2012
Die Bertelsmann-Zentrale in Gütersloh
Die Bertelsmann-Zentrale in Gütersloh

Man muss flexibel bleiben im Mediengeschäft: „Wir werden Wachstum sicherlich nicht mit neuen Schulden erkaufen" - das sagte Bertelsmann-CEO Thomas Rabe erst im Februar im großen „Spiegel"-Interview. Das gilt nun, ein halbes Jahr später, möglicherweise nicht mehr. Offenbar erwägt der Konzern, seinen Verschuldungsgrad (interne Obergrenze: das 2,5-fache des Operating Ebitda) auf drei oder gar 3,5 zu erhöhen.
Rudert offenbar zurück: Bertelsmann-Chef Thomas Rabe
Rudert offenbar zurück: Bertelsmann-Chef Thomas Rabe
Dies berichtet Bertelsmann-Spezialist Klaus Boldt im neuen „Manager Magazin" unter Berufung auf einen Aufsichtsrat. Die mögliche neue Schulden-Option verwundert insofern, als Bertelsmann nach der überteuerten Auszahlung eines Minderheitsaktionärs 2006 jahrelang durch Schulden nahezu gelähmt war. Anders als etwa Axel Springer und Burda haben Bertelsmann und seine Medientöcher RTL Gruppe und Gruner + Jahr deshalb über Jahre kaum investieren können.

Damit könnte sich jene Lage bestätigen, die HORIZONT (Ausgabe 33/2012) in der vergangenen Woche für Bertelsmann skizziert hatte: Fraglich ist, ob die eine Milliarde Euro, die Rabe jedes Jahr für Investitionen zur Verfügung hat, für die ganz großen Würfe auf die im März angekündigten Wachstumsfelder ausreichen. Beobachter meinen, dass hier für Akquisitionen von Neugeschäft eher 5 bis 10 Milliarden Euro nötig seien.

„Bertelsmann stand noch nie für besondere Kapitalstärke, das war immer ein Engpass" - mit dieser Spitze gegen die Familie Mohn als Gesellschafter hatte Rabe damals im „Spiegel"-Interview verblüfft. Tatsächlich gelten die Mohns, deren Geld im Unternehmen steckt und nicht anderweitig als Privatvermögen lagert, als eher anspruchsvolle Eigner. Ja, man möchte hoch rentabel investieren - aber bitte ohne Risiko. Und möglichst ohne Einsatz von Eigenkapital. Okay, zur Not dann eben mit Geld von außen - aber ohne Verwässerung der eigenen Anteile und des eigenen Einflusses. Und bitte ohne allzu hohe Kapitalkosten wie Garantiezinsen und Gewinnausschüttungen an Co-Gesellschafter.

Um die Kapitalzufuhr zu erleichtern, hat Rabe dem Konzern jetzt eine neue Rechtsform verpasst (SE & Co KGaA), mit der Investoren als Kapitalgeber eingebunden werden können, ohne den Einfluss der Mohns zu mindern. Wenn sich Investoren darauf einlassen.

Schwere Zeiten für G+J-Boss Bernd Buchholz?
Schwere Zeiten für G+J-Boss Bernd Buchholz?
Trotzdem ist offen, ob Bertelsmanns ebenfalls via „Manager Magazin" lancierten Pläne einer Komplettübernahme der bisherigen 74,9-Prozent-Tochter Gruner + Jahr am Ende so durchkommen. Der reportierte Wertverlust von G+J (im Laufe der vergangenen zehn Jahre laut Gutachten von 3,5 auf 2,5 Milliarden Euro) jedenfalls kann geeignet sein, den Preis zugunsten des möglichen Käufers Bertelsmann zu drücken. „Bertelsmann und die Jahr-Holding als Gesellschafter von G+J befinden sich aktuell in Gesprächen über die Lage und weitere Ausrichtung von G+J. Spekulationen über eine mögliche Neuordnung der Anteilsverhältnisse kommentieren wir nicht", teilen die Gütersloher mit.

Gruner + Jahrs Wertverlust an sich ist kein Wunder: Der Verlag fährt seit über zehn Jahren Vollausschüttung an die Gesellschafter. Die letzte nennenswerte Akquisition war der Kauf von US-Zeitschriften in den Jahren 1978, 1994 und 2000, die 2005 wieder abgestoßen wurden. Den Verkaufserlös steckte G+J in den Kauf der Mehrheit der Motorpresse Stuttgart. Nennenswerte Investitionen ins Digitalgeschäft wie Axel Springer und Burda? Fehlanzeige.

Sollte Rabes Komplettübernahme von G+J gelingen, dürften für dessen CEO Bernd Buchholz schwere Zeiten beginnen. Denn dann kann Rabe in Hamburg durchregieren. Das Verhältnis zwischen Rabe und Buchholz gilt als überaus angespannt, spätestens seitdem Rabe Anfang des Jahres eine G+J-Akquisition quasi in letzter Minute gestoppt hat - nachdem er das Projekt zuvor lange als Bertelsmanns Finanzchef und G+J-Aufsichtsrat mitgetragen hatte. Daraufhin soll sich Buchholz angeblich beim Bertelsmann-Aufsichtsratchef Gunter Thielen beschwert haben - was Rabe nun wieder nicht amüsiert haben soll.

Das Stück im „Manager Magazin" liest sich jedenfalls über weite Strecken wie die Vorbereitung einer Demontage von Buchholz durch die Konzernzentrale und ist „für einflussreiche Größen in Gütersloh möglicherweise nur ein Mittel der Unternehmenspolitik", kommentiert der Mediendienst Meedia zutreffend.

Die Frage lautet jetzt: Will oder kann Buchholz, dessen Vertrag erst im vergangenen Jahr verlängert wurde, die nächsten Jahre als öffentlich desavouierter CEO tatkräftig weitermachen? Und etwa Mitte September bei Bertelsmanns Management-Meeting mit den anderen Vorständen auf der Bühne stehen und vor den weltweiten Führungskräften Wissenswertes aus seinem Geschäft präsentieren? Man würde ihn lassen, zitiert Bertelsmann-Intimus Boldt seine Gütersloher Quellen. Buchholz scheint also die Wahl zu haben: Entweder er erfüllt seinen Vertrag mit einigem Gesichtsverlust - oder er schmeißt hin. Dann allerdings, selbst das darf Buchholz im "Manager Magazin" nachlesen, dürfe er sich wohl keine Hoffnungen machen auf eine Abfindung in zweistelliger Millionenhöhe. rp
Meist gelesen
stats