Bertelsmann-Chronik: Ex-Chef Thomas Middelhoff erwägt rechtliche Schritte

Dienstag, 28. September 2010
Thomas Middelhoff erwägt, gegen die Vorwürfe rechtliche Schritte einzuleiten
Thomas Middelhoff erwägt, gegen die Vorwürfe rechtliche Schritte einzuleiten

Bertelsmann feiert seinen 175. Geburtstag – und rechnet in der Firmenchronik mit Ex-Vorstandschef Thomas Middelhoff ab. Wie das "Handelsblatt" berichtet, wirft ihm Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff darin vor, eine Fusion von Bertelsmann und AOL vorangetrieben zu haben. Dies hätte für ein Desaster gesorgt, wenn Reinhard Mohn Middelhoff nicht gestoppt hätte, so Berghoff. Middelhoff weist die Vorwürfe von sich und erwägt, rechtliche Schritte einzuleiten. Berghoff verfasste in der Firmenchronik, die anlässlich des Jubiläums erschienen ist, das Kapitel über die Ära Middelhoff, der von 1998 bis 2002 an der Unternehmensspitze stand. Darin schreibt er: "Als Middelhoff Mohn 1999 drängte, der von Middelhoff angestrebten Fusion von AOL und Bertelsmann qua Aktientausch zuzustimmen, holte er sich prompt eine Absage." Weiterhin ist in der Chronik zu lesen, dass Bertelsmann "aufgrund des wenige Wochen vor dem Börsencrash aberwitzig hohen AOL-Kurses in dem neuen Unternehmen mit circa einem Drittel der Anteile nur Juniorpartner gewesen und Mohn zur Randfigur geworden" wäre.

Middelhoff weist im "Handelsblatt" alle Vorwürfe von sich: "Eine Fusion von Bertelsmann mit AOL bzw. mit AOL Time Warner hatte ich keineswegs aktiv betrieben." Zwar habe es vom damaligen AOL-CEO Steve Case den Vorschlag gegeben, sich mit Reinhard Mohn zu treffen, um über Kooperationsmöglichkeiten bis hin zu einem Firmenzusammenschluss zu sprechen. Dies habe Middelhoff Mohn übermittelt, jedoch ohne seine persönliche Sichtweise einzubringen. Nach den Behauptungen Berghoffs prüfe Middelhoff nun "die Vor- und Nachteile rechtlicher Schritte", so das "Handelsblatt".

Es habe ein Gespräch zwischen ihm und Berghoff stattgefunden, erklärt Middelhoff gegenüber dem "Handelsblatt". In diesem habe Berghoff zugegeben, dass er keine schriftlichen Belege zu dem Sachverhalt vorgelegt bekommen habe. "Ich habe ihm den Grund gesagt: Es existieren keine, weil es ein derartiges Projekt nie gegeben hatte zu meiner Zeit", so Middelhoff. Berghoff hält im "Handelsblatt" dagegen: „Die Indizien sprechen eine eindeutige Sprache. Ich nehme meine Interpretation nicht zurück.“ Ein Unternehmenssprecher von Bertelsmann betont gegenüber dem „Handelsblatt“, dass den Autoren freie Hand gelassen wurde, um "im Rahmen der Gesamtkonzeption des Buches einen objektiven Blick auf ihren thematischen Gegenstand zu werfen."

Middelhoff war seit 1986 bei Bertelsmann und wurde 1998 an die Konzernspitze berufen. In seiner Rolle als Vorstandschef drängte er auf den Börsengang des Unternehmens und stellte die Expansion von Bertelsmann in den Mittelpunkt. Außerdem stärkte Middelhoff das Geschäftsfeld Internet durch die Partnerschaft mit AOL sowie den Aufkauf der Musiktauschbörse Napster. Die genauen Gründe für den Abgang Middelhoffs im Juli 2002 sind bis heute nicht bekannt, offiziell gab es Differenzen zwischen Aufsichtsrat und Vorstandschef. sw
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