Bernd Buchholz – Der Versuch einer fairen Bilanz

Donnerstag, 30. August 2012
Angezählt: G+J-Chef Bernd Buchholz
Angezählt: G+J-Chef Bernd Buchholz

Auch das Formale wird verdammt schnell exekutiert: Als Bertelsmann-Sprecher Andreas Grafemeyer am Mittwoch gegen 15 Uhr in einer knappen Presseinfo mitteilte, dass Bernd Buchholz, im Hauptjob CEO des Bertelsmann-Tochterverlags Gruner + Jahr, den Güterslohern sein dortiges Vorstandsmandat vor die Füße wirft, da fehlte Buchholz' Name bereits in der Signatur der Mail. Und alle wussten: Buchholz' monatelanger Streit mit Bertelsmann, der in der vergangenen Woche eine erste öffentliche Spitze erreicht hatte, ist auf einem vorläufig neuen Höhepunkt angekommen. Und nun ist es wohl nur noch eine Frage von Tagen, bis die G+J-Gesellschafter Bertelsmann (74,9 Prozent) und die Jahr-Familie (25,1 Prozent) ihn, Buchholz, nach seinem Affront der symbolischen Kündigung auch bei G+J vor die Tür setzen. Immerhin: Dieser Weg, den zum Jahreswechsel 2008/09 auch Buchholz-Vorgänger Bernd Kundrun gewählt hatte, dürfte ihm eine zweistellige Millionen-Abfindung sichern, da er seinen Vertrag erst im vergangenen Jahr bis 2016 verlängert bekommen hatte.

Zeit also für eine Bilanz der Ära Buchholz, der 1996 als Vorstandsassistent zu G+J kam. Von 1998 bis 1999 war er Geschäftsführer der damaligen G+J-Zeitung „Hamburger Morgenpost", ab Januar 2000 Verlagsleiter und ab Juli 2000 Geschäftsführer des „Stern". Anfang 2004 wurde er Deutschland- und Zeitschriftenvorstand, im Januar 2009 Vorstandschef.

Wenn am Freitag dieser Woche Bertelsmann und wenig später auch G+J ihre Halbjahreszahlen präsentieren, wird das auf den ersten Blick bei G+J wohl nicht übertrieben spritzig aussehen. Man darf mit einem stagnierenden oder leicht sinkenden Umsatz rechnen - und mit einem deutlich gesunkenen Ergebnis. Viel weniger Glanz also als etwa bei Axel Springer.

Aber: Der Vergleich hinkt. Denn anders als G+J und die Konzernschwester RTL-Gruppe, die vor allem wegen der notorischen Geldknappheit der Mutter Bertelsmann kaum investieren konnten, darf Axel Springer digital akquirieren, diese Assets in der Bilanz ergebnisneutral aktivieren, den Umsatzzuwachs verbuchen und möglicherweise notwendige Wertberichtigungen für die per se hübsche Kennzahl Ebitda flugs herausrechnen.

Anders G+J: Der Verlag fährt seit über 10 Jahren Vollausschüttung an seine Gesellschafter und hat laut „Handelsblatt" seitdem 2 Milliarden Euro an die Mohns und Jahrs überwiesen. Daher investiert G+J teils notgedrungen, teils aber auch wegen einer eher wankelmütigen Strategie stattdessen in eigene digitale Projekte, deren Erlöse erst später fließen, deren Aufwand das Ergebnis aber gerade jetzt mindert. Das dürfte man den Halbjahreszahlen ansehen. Hinzu kommt: Die G+J-Werbeerlöse in Deutschland lagen nach Informationen von HORIZONT.NET zum Halbjahr um über 20 Millionen Euro hinter dem sowieso nicht sonderlich ehrgeizigen Geschäftsplan zurück. Damit steht G+J in der Verlagswelt jedoch nicht alleine.

Dennoch wirft man in Gütersloh Buchholz via „Handelsblatt" vor, in den ersten sechs Monaten noch nicht einmal eine zweistellige Umsatzrendite erreicht zu haben. In den Nachkrisen-Jahren 2010 und 2011 hatte er das geschafft. Davor jedoch, das wissen G+J-Historiker, war die Rendite zuletzt 1999 zweistellig. So klingt Klagen auf hohem Niveau. Allerdings hat Buchholz die Kostenzügel angesichts der kleinen Zeichen wirtschaftlicher Erholung in den Jahren 2010/11 wieder schleifen lassen - auch dies erklärt den erwarteten Gewinneinbruch.

Insgesamt hat Buchholz in seiner Zeit bei G+J weltweit über 50 Magazine herausgebracht, die Wachstumsfelder Corporate Publishing und das Auslandgeschäft deutlich ausgebaut (Investitionen in China, Indien und Brasilien), die Portale Chefkoch.de und XX-Well.com erworben und die Online- und Mobile-Vermarktung vorangetrieben. Einige vollmundig gestartete Titel, darunter „Park Avenue", sind allerdings spektakulär gefloppt, und den Versuch, mit „Pubbles" einen eigenen E-Kiosk aufzubauen, darf man getrost Desaster nennen. Hier war allerdings zu gleichen Teilen auch Bertelsmann höchstselbst beteiligt.

Der Streit mit Bertelsmann-CEO Thomas Rabe begann, nachdem dieser Buchholz’ Plan, mit dem Kauf des börsennotierten britischen Marktforschungsunternehmens Yougov neben das schrumpfende Magazingeschäft mit digitaler Fachinformation und Datendienstleistungen eine ganz neue Geschäftssäule („Professional Publishing“) zu stellen, Anfang dieses Jahres in letzter Minute abgeschossen hatte – nachdem er, Rabe, diesen Weg zuvor als langjähriger Bertelsmann-Finanzvorstand und G+J-Aufsichtsrat mitgetragen hatte. Es wäre, Stand heute, kein schlechter Kauf gewesen; der Kurs hat sich seitdem sehr ordentlich entwickelt.

Dennoch sieht G+J bei seiner Digitalstrategie nicht glücklich aus. Und das liegt nicht nur an der fehlenden Investitionserlaubnis aus Gütersloh, sondern sicher auch an einem frühen sowie einem späteren Managementfehler von Buchholz. So hat er 2001, damals als „Stern"-Geschäftsführer, nach dem Platzen der Dotcom-Blase hektisch alle digitalen Investitionen bei Stern.de gekappt - ganz anders als Spiegel Online, das heute erfolgreich dasteht. Und als Vorstand (ab 2004) und CEO (seit 2009) hat er die Titelgruppen wohl zu lange ineffizient und ohne Regie im Digitalen werkeln lassen; erst ab jetzt führt G+J sein Digitalgeschäft zentral.

Und nun? Fragen sich alle, ob die G+J-Gesellschafter schon zur Präsentation der Halbjahreszahlen am Freitag Buchholz bei G+J absetzen und einen (Interims-) Nachfolger präsentieren. So schnell könnte das allerdings nur mit einem internen Kandidaten funktionieren, etwa bei Auslandsvorstand Torsten-Jörn Klein. Die Spekulationen über mögliche Nachfolger sind jedenfalls längst im vollen Gange, mehr dazu hier. rp
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