Berater Lafrenz: Warum Spotify Mut macht und Verlage auf Angriff schalten müssen

Freitag, 26. Oktober 2012
Für Schickler-Chef Rolf-Dieter Lafrenz sind die Verlage David - im Kampf gegen Goliath Google
Für Schickler-Chef Rolf-Dieter Lafrenz sind die Verlage David - im Kampf gegen Goliath Google

Mit Allianzen kennt sich Rolf-Dieter Lafrenz aus. Die aktuellste, die der Geschäftsführer der Schickler Managementberatung in ihrem Entstehen begleitet hat, gilt derzeit als eines der ambitioniertesten Projekte der Printbranche: die Vermarktungsallianz regionaler Tageszeitungen („G7"). Wie das ambitionierte Vorhaben der Verlage funktionieren kann, warum rationales Handeln der Branche oft schwer fällt und wieso auch das Problem des abgefahrenen Zuges eintreten kann, erläuterte der Berater bei den Medientagen München. Für Lafrenz führen deutsche Medienunternehmen momentan den Kampf David gegen Goliath - „und dabei sind die Medienunternehmen die Davids". Das Problem sei eine schleichende Substitution durch Google, Facebook, Apple und Amazon und deren nicht sofort erkennbare Konkurrenz, egal ob als Newsaggregator, Werbenetzwerk oder lokaler Marktplatz. Dass diese möglich sei, habe vor allem finanzielle Gründe: „Die Umsätze der Top 10 Medienunternehmen in Deutschland zusammen sind so hoch wie die Gewinne von Apple und Google - das schreit nach Allianzen." Und für die sei Angriff die beste Verteidigung, denn wer gegen neue Modelle ankämpfe, die noch dazu von den Nutzern akzeptiert und geschätzt werden, habe nicht viele Alternativen.

Wie ein solcher Kampf in der Praxis funktioniert, zeige beispielsweise das Rennen zwischen Apple- und Android-Geräten oder der Erfolg der Musikplattform Spotify. Letztere greife mittlerweile das als Marktmaßstab geltende iTunes von Apple an, „und wenn ich eine Flatrate habe, brauche ich keine Downloads mehr". Die anderen zu überholen, sei möglich, appellierte Lafrenz vor allem an die Zeitungsbranche: „Steht es wirklich in Stein gemeißelt, dass wir alles bei Amazon bestellen müssen? Warum gehen wir keine Kooperation mit einem Hardware-Hersteller ein und bieten ein Gerät, das billiger ist als der Kindle? Spotify macht jedenfalls Mut." Print müsse auf Angriff schalten, so wie im Falle der „G7" mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter, die voran gehen.

Das gemeinsame Zurück zu neuer Stärke erfordere aber nicht nur gegenseitiges Vertrauen, wie es sich die sieben regionalen Zeitungsverlage der nationalen Vermarktungsallianz ausgesprochen haben, sondern auch ein rationales Verhalten der Beteiligten. Laut dem Experten von Schickler sind Allianzen nur dann erfolgreich, wenn sie sich gemäß der Spieltheorie im so genannten Nash-Gleichgewicht befinden, das heißt: Wenn jeder Einzelne in der Allianz einen größeren Nutzen hat als alleine. „Viele Zusammenschlüsse scheitern, wenn der eine das Gefühl hat, der andere profitiert mehr als ich - auch, wenn dann alle verlieren", beschrieb Lafrenz die schwierige Situation vor allem bei privaten Familienunternehmen. Emotionen spielten hier eine tragende Rolle. Und nicht immer hilft wirtschaftlicher Druck. Denn wenn der zu groß ist, könnte es bereits zu spät sein, so der Berater. „Wir nennen das das Problem des abgefahrenen Zugs." kl

Meist gelesen
stats