Beate Zschäpe vor Gericht: So berichten die Medien über den NSU-Prozess

Dienstag, 07. Mai 2013
Bei "Hallo München" steht ein langer Live-Ticker im Mittelpunkt
Bei "Hallo München" steht ein langer Live-Ticker im Mittelpunkt

Es begann mit einer Posse: Das Vorgehen des Oberlandesgerichts München, die Presseplätze beim NSU-Prozess per Los zu vergeben, sorgte für reichlich Unmut und Belustigung. Seit gestern liegt der Fokus jedoch endlich auf dem Wesentlichen, dem Prozess gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Mitverschwörer. Wie bereiten die Medien - mit Presseplatz und ohne - das Thema auf? HORIZONT.NET hat sich die Online-Auftritte ausgewählter Medien näher angesehen.

Hallo München

Dass mit "Hallo München" ein regional berichtendes Anzeigen- und Boulevardmedium beim NSU-Prozess einen Platz bekam, stieß vielen Beobachtern sauer auf. "Welt"-Chefredakteur Jan-Eric Peters, dessen Zeitung nicht im Gerichtssaal sitzt, bezeichnete die Vergabe als "absurd". Die Münchner wiesen das von sich: "Als interessierte und gut ausgebildete Journalisten, die einer großen Mediengruppe angehören, sind wir bestens vorbereitet", kündigte Redaktionsleiter Mike Eder gegenüber HORIZONT.NET an.

In der Tat scheint man die übliche München-Berichterstattung für den ersten Prozesstag hintenan gestellt zu haben. Auf der Startseite von "Hallo-Muenchen.de" begegnet dem Besucher unter der Rubrik "Politik & Wirtschaft" sofort der Link zum Live-Ticker vom Prozess. Dieser ist eine ellenlange Bleiwüste, beginnend mit dem 6. Mai um 7.10 Uhr. Neben Informationen wie "Einer der Angeklagten hat den Wartenden aus dem Gefangenenwagen heraus offenbar den Mittelfinger gezeigt" finden sich im Minutenprotokoll auch viele Verweise auf die Berichte anderer Medien oder auf Tweets von Journalisten.

Der Ticker ist auch auf den Online-Angeboten der "Offenbach Post", die ebenfalls einen Platz im Gerichtssaal zugelost bekommen hatte, des "Münchner Merkur" und der "tz" eingebunden, die wie "Hallo München" in der Verlagsgruppe Ippen erscheinen. Die Berichte zum NSU-Prozess - wie etwa Beiträge der Deutschen Presse Agentur - werden laut Impressum von der Zentralredaktion der Verlagsgruppe eingestellt und in der URL mit dem Kürzel "zr" gekennzeichnet.
Ebru TV zeigt unter anderem eine Chronologie der Ereignisse und Video-Interviews
Ebru TV zeigt unter anderem eine Chronologie der Ereignisse und Video-Interviews

Ebru TV

Der weitgehend unbekannte TV-Sender Ebru TV mit Sitz in Offenbach, der in der Gruppe der TV-Sender einen Sitzplatz im Gerichtssaal ergattern konnte, berichtete in seinen Nachrichten ausführlich über den Prozess. Auf seiner Website bietet der Sender außerdem umfangreiche Hintergrundinformationen zu dem Prozess: Neben Fakten, Analysen und einer Chronologie der Ereignisse hat der Sender Video-Interviews mit zahlreichen Prozessbeobachtern vor allem aus der türkischen Gemeinde in Deutschland, aber auch mit Münchens Oberbürgermeister Christian Ude geführt. Die ungeschnittenen und daher ermüdend langen Interviews, die über einen eigenen Youtube-Kanal abrufbar sind, haben größtenteils aber kaum mehr als ein paar Zugriffe.

Ebru TV gehört zur World Media Group mit Sitz in Offenbach am Main. Die Mediengruppe gibt die türkischsprachige Zeitung Zaman heraus und betreibt außer Ebru TV mit Samanyolu TV noch einen weiteren, türkischsprachigen TV-Sender.
Für "Brigitte" und "Stern.de" berichtet Lena Kampf
Für "Brigitte" und "Stern.de" berichtet Lena Kampf

Brigitte / Stern.de

Als der Ausgang des Losverfahrens verkündet und der Name "Brigitte" verlesen würde, sorgte das im Saal des Oberlandgerichts München für Lacher. Bei der Frauenzeitschrift beeilte man sich zu betonen, dass man seit jeher gesellschaftliche Themen aufgegriffen habe und deswegen selbstverständlich von dem Platz Gebrauch machen werde. Damit auch der ebenfalls bei Gruner + Jahr erscheinende und beim Losverfahren leer ausgegangene "Stern" vom Prozess berichten kann, teilt sich die "Brigitte" ihren Platz mit der Illustrierten.

Vertreten werden beide Medien von Lena Kampf. Sie arbeitet im Team Investigative Recherche beim "Stern" und recherchiert laut Homepage "vor allem im Bereich Rechtsextremismus und NSU, und hat schon über den NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag berichtet." Bislang ist von Kampf etwa der Bericht "Das Nichts im Blick der Beate Zschäpe" erschienen, der den ersten Prozesstag aus Sicht von Nebenklägerin Gamze Kubasik aufbereitet, der Tochter eines der NSU-Opfer.

Gleichzeitig befüllt Kampf den Blog "NSU-Prozessnotizen", der für nur spärlich Informierte eine gute Möglichkeit bietet, sich noch einmal von Grund auf über das Verfahren zu informieren. So finden sich darin etwa wichtige Infos zu den Angeklagten, zur Beweislage, den Richtern und Nebenklägern sowie das unvermeidliche Minutenprotokoll vom ersten Prozesstag. Nachteil: Der Blog ist relativ versteckt. Dennoch dürfte an dieser Stelle klar werden, warum viele das Fehlen der "Großen" auf der Pressetribüne beklagen: Für derart umfangreiche, gleichermaßen informierende und einordnende Berichterstattung braucht es Ressourcen, die so manches kleine Medium schlicht nicht aufbringen kann.
Bei Radio Charivari findet der NSU-Prozess online bis auf einige Fotos nicht statt
Bei Radio Charivari findet der NSU-Prozess online bis auf einige Fotos nicht statt

95,5 Charivari

Wie kann eine kleine Radiostation ein Thema von derart übergeordnetem Interesse online aufbereiten? Offenbar nur schwer: Der Münchner Lokalsender 95,5 Charivari wurde in der Gruppe der Radiosender ausgelost und kann damit neben Sendern wie dem Deutschlandfunk oder dem Bayerischen Rundfunk live im Gerichtssaal dabei sein. Auf seiner Website bietet der Sender bislang allerdings kaum Inhalte zum Prozess: Neben der Meldung, dass man einen der begehrten Presseplätze für den für den Prozess ergattern konnte und einigen Bildern vom Prozessauftakt erfährt man zumindest auf der Homepage des Senders so gut wie nichts über den Prozess.
Der "Focus" berichtet unter anderem in Person von Göran Schattauer
Der "Focus" berichtet unter anderem in Person von Göran Schattauer

Focus Online

Der "Focus" hat es neben dem "Spiegel" und der "Bild" als eines der wenigen Printmedien mit überregionaler Bedeutung auf die Pressetribüne des Münchner Gerichtssaals geschafft. Burdas Nachrichtenmagazin berichtet online ausführlich von dem Prozess: In dem Special "Nazi Terror" sind die Meldungen von Tag 1 aufgelistet, angereichert mit Video-Content und - wie könnte es anders sein - einem Live-Ticker.

Hintergründiges liefert der "Focus" besonders in Person von Reporter Göran Schattauer, der in der Reportage "Scherzen, lächeln, täuschen Die verstörende Zschäpe-Show" das Verhalten der Hauptangeklagten am ersten Tag interpretiert: "Zschäpe lächelt. Es ist ein überlegenes, selbstsicheres Lächeln, ein Gewinner-Lächeln. Zschäpe bietet den Fotojournalisten kaum Angriffsfläche, sie bleibt die Frau ohne klares Profil, eine Frau, von der man immer nur eine Seite kannte, die harmlose, freundliche. Die andere Seite bleibt unfassbar. Insofern ist ihr Auftreten am ersten Prozesstag nur konsequent. Sie ist sich ihrer Macht offenbar bewusst. Eine Pose mit klarer Botschaft: Ich zeige Euch nur das, was ich will!"
Die Themenseite von "Spiegel Online" liefert viel Nutzwertiges wie interaktive Grafiken
Die Themenseite von "Spiegel Online" liefert viel Nutzwertiges wie interaktive Grafiken

Spiegel Online

Beim "Spiegel", der ebenfalls einen Platz in der Kategorie Printmedien ergatterte, darf man sicherlich auf die Berichterstattung im Blatt gespannt sein. Wenn der Prozess nicht bis zum 14. Mai unterbrochen worden wäre, hätte das Verfahren gegen Zschäpe sicherlich das Zeug zum Aufmacher gehabt. So wird man sehen, wie die Hamburger sich entscheiden.

Online setzt das Nachrichtenmagazin vor allem auf Nutzwert: Es wird betont nüchtern berichtet, Gisela Friedrichsen hält sich mit Bemerkungen zu Zschäpes Outfit zurück. Stattdessen beobachtet die Gerichtsreporterin gewohnt scharf, wie sich das Verhältnis zwischen Anklage, Verteidigung und Richter zu entwickeln beginnt. Zusatzwerte schaffen interaktive Elemente wie Grafiken, Bilderstrecken zu den Angeklagten oder eine 360-Grad-Ansicht vom Sitzungssaal 101, in dem der Prozess stattfindet. All das ist übersichtlich zusammengefasst als Thema "NSU Prozess".
Auch "Welt Online" setzt auf Interaktivität
Auch "Welt Online" setzt auf Interaktivität

Welt Online

Wir erinnern uns: Chefredakteur Jan-Eric Peters war ziemlich verstimmt, als seine "Welt" beim Losverfahren leer ausging. Offenbar versucht Springers blaues Blatt daher umso vehementer, den NSU-Prozess in so vielen Facetten wie möglich an die Leser zu bringen. Im Online-Auftritt der Zeitung finden sich unter dem Schlagwort "NSU" zahlreiche Artikel, die sowohl das Prozessgeschehen beleuchten als auch über den Tellerrand hinausblicken, wie etwa das Portät eines Autors, der ein Theaterstück über das rechtsradikale Trio schreibt. Darüber hinaus gibt es - Überraschung! - ein Minutenprotokoll, interaktive Grafiken und sogar eine Satire mit dem Titel "Publikum von NSU-Prozess schwer enttäuscht", in der ein Alois Schicklgruber - so hieß Adolf Hitlers Vater - zitiert wird.

Überdies thematisiert die "Welt" wie viele andere Medien auch Beate Zschäpes bieder-feine Aufmachung zum Prozessauftakt: "Wenn Beate Zschäpe im rosafarbenen Hilfiger-Shirt vor der Kamera posiert oder im knappen Hosenanzug wie eine Business-Frau in den Gerichtssaal einzieht, dann beschert sie dem Rechtsterrorismus eine neue Ästhetik, dann bricht sie und niemand soll glauben, das geschehe ohne Absicht mit einem Bild der rechten Gewalt, das von Nazi-Fratzen und Springerstiefeln und Bomberjacken geprägt war", schreibt Hannelore Crolly.

Das Ziel der "Welt" scheint klar: Gute Unterhaltung gepaart mit guter Information. Diesbezüglich gibt es kleines Manko: Auf der Themenseite wird der Prozessauftakt noch auf den 17. April gelegt - so, als wolle man die Posse um die Platzvergabe per Los ausblenden.
Die gewohnten großen Buchstaben und viel Plakatives: Bild.de
Die gewohnten großen Buchstaben und viel Plakatives: Bild.de

Bild

"DER TEUFEL HAT SICH SCHICK GEMACHT FÜR DEN PROZESS DES JAHRES!", so springt es einem aus dem Bericht von "Bild"-Reporter Kai Feldhaus in die Augen. Artikel zum Thema hat die Boulevardzeitung in der Rubrik "Rechter Terror in Deutschland" zusammengefasst. Dort findet sich etwa ein Kommentar von Urgestein Ernst Elitz, in dem dieser noch einmal die Rolle der Medien bei dem Prozess hinweist: "Die Wahrheit schlägt uns ins Gesicht. Die Medien, die dem Richter erst so lästig waren, werden dafür sorgen, dass jeder sieht, wie in Deutschland Recht gesprochen wird unbefangen, unbestechlich, mit Leidenschaft für die Gerechtigkeit."

Wohlan: In den weiteren Artikeln zum NSU-Prozess geht es unter anderem um eine zurückliegende Krebserkrankung von Zschäpes Anwältin, das Image der mutmaßlichen Nazi-Terroristin im Knast und eben um ihr Outfit vor Gericht. Nach der Info, dass der Prozess erst in sieben Tagen weitergeht, muss man schon lange suchen. Immerhin, es gibt ein Glossar mit den wichtigsten Fakten zur Vorgeschichte des Prozesses.
Die "taz" nutzt die Akkreditierung eines Radiosenders und einer türkischen Zeitung
Die "taz" nutzt die Akkreditierung eines Radiosenders und einer türkischen Zeitung

Taz

Wie die "taz" damit umgehen würde, bei dem Losverfahren nicht zum Zug gekommen zu sein, war mit Spannung erwartet worden. Chefredakteurin Ines Pohl hatte zunächst eine Klage nicht ausgeschlossen, bis man sich für eine Kooperation entschied: "die "taz" macht von der Möglichkeit der "nachträglichen Poolbildung" Gebrauch und nimmt regelmäßig die Platzkarten von "Radio Lora München" und der türkischen Zeitung "Evrensel" in Anspruch. "Die 'taz' wird im Gegenzug ihre Kooperationspartner während des Prozesses mit ihrer Expertise unterstützen und ihnen bei Bedarf ihre Texte zur Verfügung stellen", heißt es im Hausblog.

Und so sieht die Berichterstattung konkret aus: Zu den meistgelesenen Artikeln bei "taz online" gehört bislang der Bericht "Die Ungerührte" von Wolf Schmidt, Leiter des Inlandsressorts bei der Zeitung, über den Prozessauftakt. Darin werden die wichtigsten Eckpunkte von Zschäpes erstem Tag vor Gericht aufgeführt - ganz ohne Minutenprotokoll. Des Weiteren nähert sich Rene Hamann in einem Kommentar der scheinbar unnahbaren Angeklagten: "Während sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt äußerlich in durchaus erkennbaren rechten Codes bewegten, hat sich Zschäpe alias Liese stets darum bemüht, die Fassade aufrechtzuerhalten. Sie war, so gesehen, das U im Nationalsozialistischen Untergrund. Nach außen erkennbar war das Böse jedenfalls nicht. Insofern ist ihr erster Auftritt bei dem historischen Münchner Prozess kein Zufall, sondern berechnend, auch wenn er auf den ersten Blick wirkt wie bei Bundesligatrainern in der Champions League: dem Anlass angemessen."

Ebenfalls im Hausblog weist die "taz" außerdem darauf hin, dass die User die Geschichte der Terrorzelle NSU mittels des Tools TimelineJS in einer Zeitleiste nachvollziehen können: "Das Tool scheint uns ein guter Kompromiss zu sein zwischen unkomplizierter Bedienbarkeit und visuellem Anspruch."

ire/dh
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