Bauer wirft "Spiesser" Täuschung der Werbekunden vor

Donnerstag, 28. April 2011
„Bravo"-Geschäftsführer Axel Bogocz erhebt schwere Vorwürfe
„Bravo"-Geschäftsführer Axel Bogocz erhebt schwere Vorwürfe

Spieß umgedreht: Der Zoff zwischen Bauers Jugendmagazin „Bravo" und dem Gratis-Schülerheft „Spiesser" geht weiter - aber mit überraschend neuem Vorzeichen. So hat die Bauer Media Group nach eigenen Angaben vor dem Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung (EV) gegen den Spiesser-Verlag in Dresden erwirkt, wegen angeblicher Wettbewerbsverstöße bei den IVW-Meldungen. Umgekehrt hat der „Spiesser", wie schon mal angedroht, nach eigenen Angaben eine EV gegen eine frühere Aktion Bauers erwirkt. Weder Bauer noch Spiesser-Verlag bestätigen den Zugang der jeweils kassierten EVs. Dem Vernehmen nach verbietet das Gericht dem „Spiesser" per EV, im Werbemarkt weiterhin zu kommunizieren, dass das Heft an 13.210 Auslegestellen distribuiert werde und eine verbreitete Auflage von 767.110 Exemplaren erreiche, wenn an einzelnen Auslegestellen (meist Schulen) die Schüler keinen tatsächlichen Zugang zur Gratiszeitschrift erhalten. Frank Haring, Geschäftsführer des "Spiesser", weist den Vorwurf auf Anfrage zurück: Alle Zahlen seien IVW-geprüft, mit Stempel und Unterschrift der Schulen.

„Bravo" will ihrem Gratis-Wettbewerber vermeintlich den Vertriebsweg verbauen
„Bravo" will ihrem Gratis-Wettbewerber vermeintlich den Vertriebsweg verbauen
„Spiesser"? Bauers „Bravo"? Verteilung an Schulen? Das lässt aufhorchen. Tatsächlich: Vor gut zwei Wochen war bekannt geworden, dass Bauer offenkundig per Brief bei etlichen deutschen Schulen Auskunft verlangt hatte über die kostenlose Auslage des „Spiesser" auf den Schulgeländen. Da es sich bei dem Gratisheft, das der IVW fürs 1. Quartal 2011 gar eine verbreitete Auflage von 773.820 Exemplaren meldet, um ein „anzeigenfinanziertes und damit kommerzielles Objekt" handle, habe man „erhebliche" schulrechtliche Bedenken, so Bauer laut Brief, aus dem mehrere Medien zitierten, mit Sorge um sein im Jugendwerbemarkt konkurrierendes 1,40-Euro-Wochenmagazin „Bravo" (verkaufte Auflage: 402.647 Hefte). Auf diese Aussagen bezieht sich jetzt laut Haring die EV gegen Bauer.

Der Fall schien also sonnenklar: „Bravo" wollte ihrem Gratis-Wettbewerber vermeintlich den Vertriebsweg verbauen. Doch Bauers EV lässt die Sache jetzt in einem ganz anderen, eher gegenteiligen Licht erscheinen: Bauer unterstellt dem „Spiesser" demnach irreführende IVW-Meldungen in dem Sinne, dass der Wettbewerber die in der IVW, in den Mediadaten und bei Kundenanfragen angegebenen Schulen eben nicht (!) auf eine Weise beliefere, die den versprochenen Schülermengen Zugang zum „Spiesser" verschaffen könnte.

Details will „Bravo"-Geschäftsführer Axel Bogocz mit Verweis auf den vielleicht anstehenden weiteren Rechtsstreit nicht verraten. Nur soviel: „Wir mussten feststellen, dass bei der Zählung der Auslegestellen und der verbreiteten Auflage des ,Spiesser‘ in größerem Umfang Schulen einbezogen sind, die den Titel entweder gar nicht kennen oder ihn gar nicht erhalten haben - oder ihn, auch gegen den Willen der Schulleitung, zugesandt bekamen, die Hefte aber umgehend vernichtet haben." Diese Teile der Auflage, so Bogocz, könnten von vorn herein keine Leserkontakte erzielen: „Nach unserer Ansicht werden Werbekunden über die tatsächliche Werthaltigkeit einer Anzeigenschaltung im ,Spiesser‘ getäuscht."

Harte Vorwürfe. Doch wie will Bogocz das festgestellt haben? Auch hier: Keine weiteren Angaben, „das Gericht hat alle notwendigen Unterlagen". Doch wer sich anderswo in Verlagskreisen umhört und dies mit der bekannt gewordenen Briefaktion abgleicht, dem ergibt sich ein Bild: Demnach hat Bauer über einen Mittler in der Bayern-Ausgabe des „Spiesser" eine Testanzeige geschaltet und sich eine Liste der - angeblichen - Auslegestellen dort schicken lassen. Danach hat Bauer dem Vernehmen nach über 100 der aufgelisteten Schulen als Stichprobe angeschrieben; eben dieser Brief wurde publik.

Noch nicht publik wurde hingegen das Ergebnis des Tests: In weit mehr als der Hälfte der antwortenden Schulen (wieviele geantwortet haben, sagt Bauer nicht) findet eine tatsächliche Auslage des „Spiesser" angeblich nicht statt. Dies geht aus dem EV-Antrag hervor, der HORIZONT.NET in Teilen vorliegt und in dem sich mehrere Schulen in 13 Statements schriftlich eindeutig äußern. „Wir verstehen jetzt auch, weshalb der ,Spiesser‘ mit unserer Briefaktion an Schulen nicht einverstanden ist und uns deshalb sogar rechtliche Schritte androht", sagt Bogocz. Das ist wohl der Inhalt der EV, die er jetzt kassiert hat: Dass Bauer gegenüber Schulen nicht mehr behaupten darf, die Verbreitung des „Spiesser" stoße auf rechtliche Bedenken. Doch offenbar ging es Bauer ja gar nicht darum, sondern um eine eigene Verbreitungsstichprobe.

Fragt sich nur, ob die Schulen da immer wahrheitsgemäß geantwortet haben - oder ob sie eher den Ton des Bauer-Briefes als so drohend empfunden hatten, dass sie eine Verbreitung des „Spiesser" dann lieber mal abgestritten haben. Das werden nun vielleicht die Juristen klären müssen, ebenso wie die Frage, ob der „Spiesser" weiterhin, etwa auf seiner Media-Website, mit IVW-Siegel, 767.110 verbreiteten Exemplaren (IVW IV/2010) und 13.210 Auslegestellen werben darf. Letztere sind mehr als nur eine spießige Petitesse, denn bei Gratistiteln wollen die Auflagenkontrolleure immer auch die Anzahl der Auslegestellen wissen, als Indikator für eine breite Distribution und hohe Kontaktwahrscheinlichkeit.

Bauer geht übrigens nicht zum ersten Mal rechtlich gegen den „Spiesser" vor: Bereits 2008 hatte der Großverlag eine EV gegen die Dresdner erwirkt - wegen eines Werbeclaims, mit dem sich das Heft als „Deutschlands auflagenstärkste Jugendzeitschrift" pries. rp
Meist gelesen
stats