Bauer stellt Grosso-System infrage / Pocket-Formate im Visier

Mittwoch, 15. Oktober 2008
Verlegertochter Yvonne Bauer stellt Grosso-Modell infrage
Verlegertochter Yvonne Bauer stellt Grosso-Modell infrage

Eine Woche nach ihrer einstweiligen Verfügung gegen Condé Nast in Sachen Bundle-Auflagen geht die Bauer Verlagsgruppe im Vertriebsmarkt erneut in die Offensive: Im HORIZONT-Interview stellt Vertriebschefin und Verlegertochter Yvonne Bauer das bisherige Grosso-Modell infrage. „Grundsätzlich möchten wir, dass der Umsatzbeitrag unserer Titel zur Finanzierung des Gesamtsystems gerechter als bisher berücksichtigt wird", so Bauer. Anlass für ihren Vorstoß sind vor allem die monatlichen Billigst-Frauentitel von wechselnden Kleinverlagen, die Bauer und anderen großen Häusern das Leben schwer machen. Jene Hefte „verstopfen einen Monat lang die Kioskregale und nehmen den wöchentlichen Umsatzbringern den Platz weg", klagt Yvonne Bauer. Manche dieser Billigtitel verursachten im Grosso Kosten, die höher sind als die Marge. „Die anderen Verlage, vor allem wir, subventionieren damit unsere Angreifer", so Bauer: „Daher müssen sich Vertriebs- und Grossosystem deutlich verändern."

Konkret fordert sie, Presseerzeugnisse im Handel gemäß ihrer „Nachfrage- und Umsatzbedeutung" zu platzieren. Gleichzeitig sollten nicht verkäufliche Titel ausgelistet werden. Zudem müsse das Grosso mehr Leistung bringen, vor allem bessere Beratung des Einzelhandels und die Weitergabe von Verkaufsdaten. Nach einem Streit darüber hatte Axel Springer jüngst einen Grossisten ausgemustert. Bauer äußert Verständnis: Springers Schritt sei ein „interessantes Signal". Den Verlagen stehe grundsätzlich offen, ihre Vertriebswege und -partner frei zu wählen. Die Verlegertochter droht indirekt mit der Aufkündigung des jahrzehntelangen Branchenkonstrukts: „Nur solange die Hauptumsatzträger das Grossosystem für effizient halten, wird es eine Zukunft haben." Der Pressehandel lebt vor allem von Axel Springer („Bild") und der Bauer-Gruppe. Drei der fünf größten Umsatzbringer im Zeitschriften-Einzelverkauf stammten 2007 von Bauer, und rund ein Viertel der Top 100.

Auch im Streit um die leidigen Bundles legt Bauer nach: „Man sollte in diesem Zusammenhang auch über Pocket-Ableger reden." Wenn die Kleinformate gemeinsam mit den Hauptheften und damit als vollwertige Verkäufe ausgewiesen werden sollen, dürften die Copypreise nicht zu weit auseinanderliegen. Einen Pocket-Preisnachlass von maximal 25 Prozent hält Bauer für angemessen. Für Zugabe-Abos, bei denen Kooperationspartner massenweise Abos erstehen und an ihre Kunden weiterverschenken, regt Bauer an, Sammel- und Firmenabos ab einer bestimmten Stückzahl in der neu zu schaffenden Sparte „Mengen-Abo" auszuweisen. Falls die bisherige Praxis einzelner Verlage die „Glaubwürdigkeit der IVW in Gefahr" bringe, behält sich Bauer auch hier juristische Schritte vor. rp
Das Interview mit Yvonne Bauer lesen Sie in der HORIZONT-Ausgabe 42/2008, die am Donnerstag dieser Woche erscheint.
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