Bauer bereitet Kartellklage gegen Grosso vor

Donnerstag, 27. Januar 2011
Andreas Schoo fordert Absenkung der Handelsspanne um drei Prozentpunkte
Andreas Schoo fordert Absenkung der Handelsspanne um drei Prozentpunkte

Gibt es im Grosso-Streit eine Eskalation nach der Eskalation nach der Eskalation? Ja, und zwar in dieser Woche: Die Bauer Media Group, die die Diskussion seit Monaten durch Aktionen gegen die jahrzehntelangen Vertriebsgebräuche antreibt, bereitet eine Kartellklage gegen den Bundesverband Presse-Grosso vor. Dies kündigt Bauer-Geschäftsleiter Andreas Schoo gegenüber HORIZONT an. Konkret: In dieser Woche habe er eine Abmahnung an den Kölner Verband verschickt, wegen eines angeblich unzulässigen Preis- und Konditionenkartells sowie angeblich kartellrechts- und wettbewerbswidriger Behinderung. Eine solche Abmahnung gilt im Rechtsverkehr als Vorstufe einer entsprechenden Klage vor einem Landgericht. „Wir haben starke Indizien für unseren Vorwurf", sagt Schoo. Beim Grosso-Verband will man das Thema vorerst nicht kommentieren. rp

"Die Publikumsverlage finanzieren das Vertriebsnetz von ,Bild‘"

Andreas Schoo fordert Absenkung der Handelsspanne um drei Prozentpunkte
Andreas Schoo fordert Absenkung der Handelsspanne um drei Prozentpunkte
Herr Schoo, Sie machen kein Geheimnis mehr daraus, dass die Bauer Media Group den Grosso-Abschluss von Axel Springer ablehnt.
Wir können nicht nachvollziehen, warum die Kollegen das unterschrieben haben. Mit einem solchen Vertrag stellt ein Verlag dem Grosso einen Freifahrtschein aus und gibt für sieben Jahre fast alle Geschäftsschlüssel aus der Hand.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie nur das Thema Grosso-Fusionen. Im Geschäftsverkehr ist es an sich üblich, dass Auftraggeber als Gläubiger einer Leistung bei einem Schuldnerwechsel ein Mitspracherecht haben beziehungsweise den Vertrag kündigen können. Das gleiche gilt für Gesellschafterwechsel eines Vertragspartners über „Change of Control"-Klauseln. Auf das alles sollen Verlage die nächsten sieben Jahre blanko verzichten? Hinzu kommt, dass die seit 2009 geltenden Handelsspannen bis 2017 zementiert werden, inklusive der unzeitgemäßen Stichtagsregelung, die für Auflagenrückgänge einseitig die Verlage in Haftung nimmt.

Die Stichtagsregelung war seinerzeit, als alle noch von steigenden Auflagen ausgegangen sind, aber ein Wunsch der Verlage, um mehr als die Grossisten davon zu profitieren. Das schlägt jetzt nur ins Gegenteil um.
Das stimmt. Aber die Zeiten haben sich geändert, darauf muss man reagieren. Dabei sollte man nur nicht vergessen, wer die Produzenten und Lieferanten sind - und wer die Händler.

Die neue zusätzliche „Bonus Plus"-Regel, die ab 2012 Umsatzsteigerungen im Einzelverkauf im Vergleich zu 2010 zugunsten der Verlage bonifiziert, kann Sie auch nicht überzeugen?
Nein. Die Bonusregel wird allenfalls und auch nur bei sehr optimistischer Rechnung der „Bild"-Zeitung helfen. Eigentlich hätte man die Vereinbarung eher „Bild Plus" nennen sollen.

Der Grosso-Verband betont, jeder Titel habe durch Marketingmaßnahmen oder Preiserhöhungen die Chance, Umsatzzuwächse zu erzielen und dadurch Boni zu kassieren.
Das klingt schon ein bisschen naiv, schauen Sie sich doch die Vertriebsmärkte an. Ich halte es für schwierig, schon heute damit zu kalkulieren, dass die Einzelverkaufsumsätze bis 2017 überhaupt stabil bleiben - von Steigerungen gar nicht zu reden. Es sind turbulente Zeiten.

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Falls die Verlage den Vertrag à la Springer geschlossen unterzeichnen, befürchten Sie für alle Mehrkosten im hohen dreistelligen Millionenbereich. Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Wir halten eine Absenkung der Handelsspanne um drei Prozentpunkte für dringend geboten, außerdem die Abschaffung der Stichtagsregelung. Dadurch hätten alle Publikumsverlage zusammen nach unseren Berechnungen pro Jahr etwa 50 Millionen Euro Vertriebskosten einsparen können, das ergibt in fünf Jahren 250 Millionen Euro. Dies wollten wir mit dem Grosso-Verband verhandeln, leider vergeblich. Man bot uns nur den Springer-Vertrag an.

Und nun?
Wir werden bilaterale Verhandlungen mit den einzelnen Grossisten beginnen.

Ihr bisheriger Handelsvertrag läuft bis Ende Februar 2012. In den nächsten zwölf Monaten wollen Sie also mit fast 70 Grossisten einzeln um Konditionen feilschen?
Uns bleibt ja keine andere Wahl.

Und wenn die Grossisten, die ja alle selbstständige Unternehmer sind, Ihnen alle einzeln nur die Springer-Konditionen zugestehen wollen?
Das werden wir sehen.

Parallel mahnen Sie den Grosso-Verband wegen eines angeblichen Preis- und Konditionenkartells sowie angeblich kartellrechts- und wettbewerbswidriger Behinderung ab - quasi als Vorstufe einer Kartellklage. Wollen Sie nicht erstmal Ihre Verhandlungen mit den 70 Grossisten abwarten?
Das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun. Wir haben starke Indizien für unseren Vorwurf, der ja den Grosso-Verband betrifft und nicht einzelne Grossisten.

Verstehen Sie spätestens jetzt den Vorwurf, Bauer wolle das Grosso-System abschaffen?
Nein, denn wir wollen das System nicht abschaffen, sondern nur modernisieren, um es nicht zum Selbstzweck verkommen zu lassen. Und wir wollen nicht gezwungen werden, einen Handelsvertrag zu unterschreiben, den wir für existenzbedrohend halten. Sondern wir möchten die Chance haben, selbst zu verhandeln.

Aber die Bauer Media Group hat das Spiel - also Verhandlungen im politisch geduldeten Kartell aus Verlagen und Grossisten - doch jahrzehntelang in vorderster Reihe mitgespielt.
So kann man das nicht sagen. Wir haben mit den Grossisten Abschlüsse verhandelt, und die anderen Häuser haben diese gerne übernommen. Nicht, weil sie mussten - sondern weil sie wollten. Es gab keine Kläger in diesem Spiel, weil es jedem nützte. Das ist jetzt leider anders: Die vorliegenden Springer-Konditionen würden uns und andere Verlage gefährden, wenn wir gezwungen würden, sie so zu übernehmen.

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Was schlagen Sie außer einer geringeren Handelsspanne vor?
Wir brauchen zukunftsweisende Verträge für die Zeitschriftenbranche, etwa durch flexiblere Konditionen. So könnte man eine Preisdifferenzierung nach Servicegrad im Handel einführen: Vorstellbar wären ein Basic- und ein Premium-Angebot. Für ein Objekt, das weniger Marketingbetreuung durchs Grosso erfordert, mehr Flexibilität bei Erstverkaufstagen aufweist oder auch nicht alle 120.000 Verkaufsstellen benötigt, sollte eine geringere Handelsspanne gezahlt werden. Das müsste eigentlich selbstverständlich sein. Um es kurz zu  sagen: Es geht um den Wandel von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft.

Aber brauchen Sie mit Ihrem riesigen Portfolio nicht auch alle Erstverkaufstage?
Bisher haben wir fast an jedem Tag einen Erstverkaufstag. In unseren Grosso-Gebieten in Norddeutschland haben wir Alternativen getestet: Wir würden mit drei Erstverkaufstagen pro Woche auskommen und könnten einen Teil unseres Portfolios entsprechend ausrichten. Wir werden aber Objekte haben, die nach dem Premium-Tarif abgerechnet werden und andere, für die der Basic-Tarif gilt.

Dann würde wohl fast jeder Verlag Geld sparen - bis vielleicht auf Axel Springer, die für „Bild" und „BamS" an sieben Tagen die Woche wohl alle 120.000 Verkaufsstellen benötigen.
Bisher ist es so, dass die Publikumsverlage das Vertriebsnetz von „Bild" finanzieren.

Die Grossisten und manche andere Verlage werden Ihnen nun wieder vorhalten, dass es Bauer ja nur um die Besserstellung Ihrer eigenen Titel gehe.
Die Kollegen müssten es besser wissen, denn über den Gleichbehandlungsgrundsatz würden die Grossisten bessere Konditionen für alle anbieten.

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Den Gleichbehandlungsgrundsatz legen die Grossisten auch umgekehrt aus: Dass ein Verlag keinen Grossisten besser oder schlechter behandeln darf als andere Grossisten.
Das halten wir für anachronistisch, denn ein Stadt-Grossist etwa hat eine ganz andere Kostenstruktur als ein Land-Grossist, der täglich weite Strecken fahren muss für wenige Heftexemplare. Warum sollten beide keine unterschiedlichen Konditionen aushandeln dürfen? Interview: Roland Pimpl

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