BVDW: Was der Dachverband der Digitalen Wirtschaft anpacken muss

Donnerstag, 16. Juni 2011
BVDW-Präsidium: Fortmann, Kramer, Groth, Ehrlich, von Dellingshausen, Leimbrock (v.l.)
BVDW-Präsidium: Fortmann, Kramer, Groth, Ehrlich, von Dellingshausen, Leimbrock (v.l.)


Keine Frage: Dem Dachverband der digitalen Wirtschaft geht es gut, der Branche auch. Eine neue Studie lässt vermuten: Die fetten Jahre für die im Bundesverband Digitale Wirtschaft versammelten Onlinevermarkter und -spezialisten kommen erst noch. Doch das neue und alte Präsidium unter Vorsitz von Arndt Groth hat auch Hausaufgaben zu erledigen, um dem Verbandsslogan "Wir sind das Netz!" gerecht zu werden: Vier Punkte, auf die es ankommt.
1. Das Präsidium: Verbandsarbeit ist bisweilen nervtötend, in jedem Fall aber ein kompliziertes Geschäft. Wer sie erfolgreich betreiben will, muss bisweilen so gelenkig sein wie ein Kungfu-Mönch aus dem Shaolin-Kloster: sattelfest, wenn es um Statuten und Paragraphen geht, Durchsetzungsstark und geschmeidig in den Diskussionen mit Mitgliedern, Freunden und Gegnern gleichermaßen, ausgestattet mit Politikergespür für die volatile Stimmungslage an der Basis. Seit 2003 steht Arndt Groth, hauptberuflich President Europe des Vermarkters Adconion, dem Verband vor. Zusammen mit dem jetzt ebenfalls wieder gewählten Präsidium mit den Vizepräsidenten Christoph von Dellingshausen, Matthias Ehrlich, Harald Fortmann, Burkhard Leimbrock und - neu im Präsidium - Uli Kramer (Pilot) hat es der 46-jährige Groth in der Vergangenheit geschafft, aus einer bisweilen unter Orientierungsproblemen leidenden Organisation den Dachverband der Digitalen Wirtschaft zu machen. Klar gibt es noch andere Interessenvertretungen der Pixel-Spezialisten - beispielsweise den Industrieverband Bitkom -, doch in der Wahrnehmung hat sich der BVDW als der Digital-Dachverband etabliert: eine bemerkenswerte Entwicklung für den ehemaligen Multimedia-Verband, der geraume Zeit Positionierung, Finanzen und Ansprache der Mitglieder nicht in den Griff bekam - und auch von den Konjunktureinbrüchen nicht verschont blieb.

2. Das wirtschaftliche Umfeld: Die jetzt veröffentlichte Studie "Die digitale Wirtschaft in Zahlen von 2008 bis 2012" von BVDW und dem Rhein-Ruhr-Institut für angewandte Systeminnovation (Rias) lässt die Vermutung zu: Die fetten Jahre der Digitalwirtschaft kommen erst noch. 2010 wurde erstmals die magische Schwelle von 100 Milliarden Euro Umsatz überschritten; für 2012 werden 120 Milliarden Euro Umsatz in den Segmenten Service Access, Applikationen und Services sowie End-User-Interaktion erwartet. Digital ist Wachstumsmotor auch im Personalbereich: Dieses Jahr arbeiten 370.000 Menschen in diesem prosperierenden Wirtschaftszweig, 2012 werden es über 390.000 Beschäftigte sein. "Die digitale Branche entwickelt sich zu einer tragenden Säule der deutschen Wirtschaft", bemerkt Verbandspräsident Groth zu Recht.3. Die To-do-Liste: Verband und Branche geht es also gut, aber es gibt dennoch - oder gerade deswegen - einiges zu tun. Die Lobby-Arbeit im politischen Raum muss intensiviert werden. Die Eröffnung eines Berliner Büros im Mai war ein wichtiger Schritt. Mit dem bestens verdrahteten Matthias Ehrlich, Vorstand der United Internet Media, hat sich der richtige Vizepräsident des Themas Medienpolitik angenommen. Von jeher gehört Lobbyarbeit im politischen Raum zu den zentralen Aufgaben eines Verbands. Für den BVDW und die wirtschaftliche Entwicklung des Digitalmarktes insgesamt aber werden Debatten über Datenschutz, Targeting, Privatsphäre, Urheberrecht und vieles mehr zu einem der ganz zentralen Diskussionsfelder. Hier muss sich der BVDW weiter profilieren. Und zwar nicht nur in Berlin. Internet ist ein internationales Business, viele Entscheidungen werden nicht in Deutschland, sondern europaweit gefällt. Der BVDW, so Groth auf der Mitgliederversammlung Anfang Juni, will bei aller Kontinuität nicht den Fuß vom Gaspedal nehmen. Das ist die richtige Einstellung - bei der Lobbyarbeit muss der Verband aber noch einen Zahn zulegen. Zweiter Punkt auf der To-do-Liste: Es wird auf Dauer nicht genügen, die unterschiedlichen und wichtigsten Dienstleister und Vermarkter im Verband zu organisieren. Nach wie vor fehlen die Mitglieder und Stimmen aus dem Lager der Markenartikler und Industrie: Wo bleiben Deutsche Telekom, Vodafone, aber auch Adidas, Coca-Cola, Procter & Co? "Wir sind das Netz" heißt der Slogan des BVDW. Bei allem Respekt vor Verband und Präsidium: Auch Unternehmen sind das Netz - und sollten entsprechend umworben werden.

4. Verbandslandschaft vor einem Umbruch? 600 Mitglieder, allergrößtenteils Unternehmen, hat der BVDW. Schon qua Name und Positionierung ist er einer der Treiber der digitalen Revolution. Je größer deren Auswirkungen, desto relevanter könnte der BVDW insgesamt werden - durchaus zu Lasten anderer Dachorganisationen, deren Mitglieder teilweise damit konfrontiert werden, dass die alten Geschäftsmodelle nicht mehr 100prozentig greifen. Hubert Burda Media, das Unternehmen des VDZ-Präsidenten Hubert Burda, gab letzte Woche bekannt: Digitalumsatz überholt Printgeschäft. Was bedeutet es für einen Verband, wenn mittelfristig die meisten Mitgliedsunternehmen möglicherweise mehr Umsatz digital machen als mit good old Print und die Mitarbeiter sich mehrheitlich im Digitalen tummeln, also dort, wo der BVDW zuhause ist? Welche Organisation bietet den Contentanbietern künftig die adäquate Heimat? Oder den Kreativen und Werbeagenturen? Oder den Direktmarketing-Spezialisten? Oder den PR-Agenturen, die mit Web-2.0-Aktivitäten Umsatz machen? Die digitale Revolution - sie stellt tradierte Geschäftsmodelle auf den Kopf. Und sie wird auch die Verbandslandschaft verändern. vs
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