"B.Z."-Chef Peter Huth: "Wir nennen Menschen nicht ,Monster‘"

Montag, 15. Oktober 2012
"B.Z."-Chefredakteur Peter Huth
"B.Z."-Chefredakteur Peter Huth

So ein Jubiläum ist für Zeitungen und Magazine immer eine runde Sache, bietet es doch die gute Gelegenheit, die Leser zu bespaßen und im B-to-B-Markt ein paar nette Botschaften zu platzieren. Axel Springers Berliner Boulevardblatt „B.Z." nimmt dafür jetzt seinen nicht übertrieben runden 135-jährigen Geburtstag zum Anlass. Dabei wäre solch ein Aufhänger hier gar nicht nötig, denn was Chefredakteur Peter Huth über Boulevardjournalismus allgemein und speziell im Vergleich zur hauseigenen „Bild" denkt, das ist durchaus zeitlos interessant.
Fürs Jubiläum trommelt eine Kampagne via Citylights, Lokal- und Instore-TV, Radio und Print
Fürs Jubiläum trommelt eine Kampagne via Citylights, Lokal- und Instore-TV, Radio und Print
„Wir fühlen mehr mit den Opfern, als dass wir uns über Täter ereifern", sagt Huth im Interview mit HORIZONT.NET. Und neben dem Jubiläum beschäftigt ihn die genretypisch sinkende Auflage und die Tatsache, dass das Blatt seine stabilen Reichweiten bisher weder im Print-Vertriebsmarkt durch entsprechende Abverkäufe noch online flankieren kann, Stichwort Gratis-Inhalte. Wie andere Titel auch, hat die „B.Z." kein Leser-, sondern ein Käuferproblem.

Allerdings: Springer arbeitet im Internet bekanntlich mit Hochdruck am Thema Paid Content, und das dürfte auch für die „B.Z." gelten. Die werktäglich verkaufte Auflage liegt bei 143.327 Stück (II/2012), das sind 8,9 Prozent weniger als im Vorjahresquartal und knapp ein Viertel weniger als vor fünf Jahren. Damit ist die „B.Z." aber immer noch unangefochten die größte Berliner Boulevardzeitung vor dem „Berliner Kurier" (104.014 Hefte) und „Bild" (96.993). rp

„Boulevard ist genauso seriös wie der Journalismus anderer Medien"

Herr Huth, Ihre „B.Z." muss im harten Berliner Markt nicht nur gegen fünf Tageszeitungen kämpfen, sondern auch gegen zwei weitere Boulevardblätter, nämlich die hauseigene „Bild" mit ihrem starken Regionalteil und den „Berliner Kurier" von M. DuMont Schauberg. Gibt es trotzdem Alleinstellungsmerkmale für die „B.Z."? Die „B.Z." gibt es seit 1877. Spätestens seit der Umstellung auf Boulevardformat und -vertrieb im Jahr 1904 prägt der Titel das Stadtbild, nicht zuletzt durch die Zeitungsverkäufer. Diese lange Tradition verbindet die „B.Z." auf besondere Weise mit Berlin.

Aber der Wettbewerb am Kiosk findet heute statt. Ist da die Historie überhaupt relevant? Die „B.Z." hat in Berlin einen Bekanntheitswert von 96 Prozent. Damit spielen wir in der Liga von Marken wie Coca-Cola. Und unsere Leser nehmen die „B.Z." als Vollzeitung wahr, sie nutzen sie als einzige oder primäre Print-Informationsquelle.

Trotz Ihrer Konzentration auf Berliner Themen? Deswegen, nicht trotz. Genau das macht unsere Sonderstellung aus. An 9,5 von 10 Tagen haben wir Berliner Geschichten auf Seite 1, und überregionale Themen erzählen wir aus Berliner Sicht.

Die Wahnnehmung von Boulevardjournalismus ist hierzulande geprägt von Ihrem Axel Springer-Schwestertitel „Bild". Ist das Fluch oder Segen? Fluch, weil die „B.Z." vielleicht unter dem Genre-Image leidet? Segen, weil Sie umso besser das eigene „B.Z."-Profil schärfen können? „Bild" ist eine starke bundesweite Medienmarke. Neben ihr gelingt es nicht nur der „B.Z.", sondern auch anderen Boulevardzeitungen etwa in München, Köln und Hamburg, jede auf ihre Weise Nischen zu finden und eigene Identitäten zu leben. Abgesehen davon teile ich Ihre Ansicht nicht, dass es ein „Genre-Image" gibt, unter dem man leiden könnte. Boulevard ist genauso seriös wie der Journalismus anderer Medien. Und unsere Leser zahlen jeden Tag Geld für das Produkt - das ist eine anspruchsvollere Informationsbeschaffung als beim Fernsehen.

Dennoch kann man Geschichten so oder so drehen, beschreiben und bebildern. „Bild" nennt verurteilte Mörder in der Überschrift schon mal „Monster" und scheut sich nicht vor Blut, Schweiß, Tränen und weiteren Körpersekreten. Geht Boulevard auch anders? Ich habe lange und gern bei „Bild" gearbeitet und sage, dass diese Beschreibung auf die Zeitung unter Kai Diekmann nicht zutrifft. Wir bei der „B.Z." behandeln die Objekte unserer Berichterstattung - und das sind in erster Linie Menschen - mit großer Empathie. Wir fühlen mehr mit den Opfern, als dass wir uns über Täter ereifern oder Taten darstellen, ob es sich nun um Verbrechen handelt oder um soziale Themen, etwa Mieterhöhungen. Und ganz grundsätzlich nennen wir Menschen nicht „Monster", auch Mörder nicht.

Zurück ins schöne, bunte Leben. Die „B.Z." feiert in dieser Woche ihr 135. Jubiläum. Was planen Sie da in der und um die Zeitung herum? Mit drei besonderen Ausgaben: In der ersten bestimmen unsere Leser sämtliche Inhalte - nach dem Motto: „Also diese Geschichte gehört echt mal in die ,B.Z.‘!" Außerdem wiederholen wir unser Experiment, eine ganze Ausgabe in Berliner Dialekt zu schreiben. Ganz besonders freue ich mich auf die Sonntags-„B.Z." - sie wird von der ersten bis zur letzten Seite von Berliner Comiczeichnern gestaltet. So etwas geht nur in Print! Interview: Roland Pimpl
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