Axel Springer: Döpfner zieht erste Paid-Content-Bilanz / "Bild" startet iPad-App

Mittwoch, 08. Dezember 2010
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer

Erstmals nach dem Start der Premium-Initiative zur Einführung kostenpflichtiger Inhalte vor rund einem Jahr gibt Axel Springer Zahlen bekannt. Das Medienhaus meldet insgesamt 800.000 Downloads und 500.000 Verkäufe seiner Angebote für die mobilen Plattformen iPhone und iPad. „Noch gilt hier das Gesetz der kleinen Zahl. Die ersten Zwischenergebnisse sind aber äußerst ermutigend“, bilanzierte der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner anlässlich eines Pressegesprächs im Berliner Axel-Springer-Haus. Der Manager deutet diese Entwicklung als eine Renaissance der Inhalte und zitiert WPP-Chef Sir Martin Sorrell: „Content is more than king. Content is everything.“ In den vergangenen zwölf Monaten haben die Medienmarken von Axel Springer 15 kostenpflichtige Angebote gestartet. Auch auf den mobilen Plattformen zeigt sich die Dominanz der „Bild“-Zeitung gegenüber den anderen Springer-Marken. Von den insgesamt 500.000 Verkäufen sind allein 400.000 auf die iPhone-App der Boulevardzeitung zurückzuführen. Zum Vergleich: „Die Welt“ erzielte mit ihren Nachrichtenangeboten für iPhone und iPad zusammen knapp 50.000 Verkäufe. Das speziell für das iPad entwickelte und hochgelobte Magazin „The Iconist“ verkaufte sich 7600 Mal.


Kein Wunder also, dass Springer für die Cash-Cow „Bild“ ebenfalls so schnell wie möglich eine eigene Applikation für Apples Tablet-PC auf den Markt bringen wollte. Nach rund acht Monaten Entwicklungsarbeit ist es heute soweit. Die iPad-App der Tageszeitung steht ab sofort unter dem Label „Bild HD“ im virtuellen Regal des iTunes-Store. Bisher gab es von der Marke hier nur eine schlichte E-Paper-Variante.

Die App bietet deutlich mehr: sie nutzt die Stärken der neuen Plattform, indem sie die Welten Print, Online und Mobile miteinander verknüpft. Zum einen orientiert sie sich an dem gedruckten Objekt, da die gelernte Struktur aus der Zeitung übernommen wird und die Anwendung ein in sich geschlossenes Produkt darstellt. Zum anderen werden aber auch gleichzeitig die aktuellen Inhalte von Bild.de in das iPad-Angebot eingespeist. Um eine Kannibalisierung der kostenpflichtigen App durch die Gratis-Website zu vermeiden, wurde auf dem iPad der Zugang auf Bild.de über den Safari-Browser gesperrt.

Schließlich gilt es, das Geschäftsmodell Paid Content weiter auszubauen. So wird „Bild HD“ als Einzelausgabe 79 Cent kosten und damit mehr als das Printprodukt. Für das Monats-Abo verlangt Springer 12,99 Euro, für das Dreimonats-Abo 34,99 Euro und für das Jahres-Abo 129,99 Euro. Für sein Geld bekommt der User neben der App und den darin integrierten Inhalten von Bild.de auch die E-Paper-Version und alle Regionalausgaben des Boulevardblattes. Zudem will „Bild“ die multimedialen Möglichkeiten des Gerätes wie Bewegtbild, Animationen, Interaktivität und spielerische Effekte nutzen, um seine Geschichten in einer neuartigen Form zu erzählen.

Michael Paustian bei der Präsentation der iPad-App
Michael Paustian bei der Präsentation der iPad-App
Mithilfe der ersten Ausgabe, die beim gestrigen Pressegespräch präsentiert wurde, lässt sich erkennen, wo die Reise hingeht: Anhand einer aufwendigen 3-D-Grafik kann die Redaktion beispielsweise zeigen, welche Verletzungen sich Stuntman Samuel Koch bei seinem Unfall in „Wetten dass…? zugezogen hat. In einem Beitrag um den 30. Todestag von John Lennon wird ein Lied des Künstlers als Hintergrundmusik eingeblendet. Und in einer Reportage über eine Reise durch Dakar liegt der Text unter virtuellem Sand versteckt, den der User mit seinen Händen erst zur Seite wischen muss, bevor er ihn lesen kann – Details, in denen Michael Paustian mehr sieht als bloße Spielereien: „Wir können die Beiträge erlebbarer und anfassbarer machen“, erklärt der stellvertretende Chefredakteur von „Bild“.

Um die Applikation in Zukunft tagtäglich zu bestücken hat Axel Springer ein eigenes Produktionstool entwickelt, das sich Technologien aus der Gaming-Branche bedient. Damit sollen neue Darstellungsformen für Nachrichten entwickelt werden. Anfang 2011 wird der Medienkonzern das Tool als freizugängliche Open-Source-Lösung im Internet zur Verfügung stellen, damit sich Programmierer daran austoben können. Paustian: „Es gibt viele Möglichkeiten für die App, die wir noch nicht kennen. Durch die Öffnung des Programms erhoffen wir uns, dass Know-how von außen in das Produkt zurückfließt.“

Bild geht App - Anzeigenmotiv für die neue Bild HD
Bild geht App - Anzeigenmotiv für die neue Bild HD
In der Werbevermarktung geht Axel Springer zwei Wege: Zum einen werden alle Anzeigen aus der „Bild“-Zeitung in die iPad-Version überführt. Zum anderen ergänzt der Konzern das Angebot für Werbekunden durch zusätzliche iPad-spezifische Werbeformen. Hierfür konnte zum Start Volkswagen als exklusiver Partner gewonnen werden, der bis zum 31. Dezember auf der Plattform vertreten sein wird.

Um der Markteinführung von „Bild HD“ den nötigen Schub zu verleihen, startet heute auch eine Werbekampagne in Print, TV und Online (Kreation: Jung von Matt/Alster). Der Spot mit dem Slogan „Nachrichten neu erleben“ blickt humorvoll zurück in die Geschichte der Kommunikation: angefangen bei den mündlichen Überlieferungen in der Steinzeit über die Rauchzeichen der Indianer bis zum iPad. Produziert wurde das Commercial von Bigfish, Berlin, die Mediaschaltung übernimmt Mediaedge CIA, Hamburg.

Doch selbst wenn für die Verlage damit ein neues Zeitalter anbricht, gibt es laut Döpfner dennoch eine Konstante: „Eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte.“ bn
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