Austs "Woche": Warum das Aus – leider – keine Überraschung ist

Donnerstag, 06. Mai 2010

Es war DAS Medienthema der vergangenen Wochen und Monate: Das Magazin- und Onlineprojekt des früheren "Spiegel"-Chefredakteurs Stefan Aust mit dem Arbeitstitel "Woche". Der umtriebige Medienmacher Aust hatte es zunächst für die WAZ-Gruppe entwickelt und dann vor allem Axel Springer dafür begeistert. Beinahe im Stundentakt sickerten vermeintliche Informationsbrocken durch, die alle (Fach-) Medien, auch HORIZONT, begierig aufpickten. Name ("Woche" oder "Die Woche"?), Erscheinungstag (Sonntag? Donnerstag?), Format (wie "Gala"!), Copypreis (so um die 3 Euro!), Sitz (Berlin!), Ressorts (Ja!), Themen, Team - jeder Info-Krümel war eine Geschichte wert. Einzelne Texte darüber klangen mehr nach Beschwörung als nach Bericht; andere wähnten die Tinte längst trocken. Verständlich, denn es wäre ja auch eine Hurra-Botschaft an den Markt (Print lebt!) gewesen, an Journalisten (100 neue Arbeitsplätze!) sowie an Leser und Werbekunden, die von der Qualitäts- und Preiskonkurrenz des Newcomers mit „Spiegel", „Stern" und „Focus" hätten profitieren können.

Und nun? Nichts. Leider.

Doch man hätte aufs Aus wetten können - und einige haben es ja auch getan. Denn, verkürzt gesagt: Es waren zu viele hypothetische und eigentlich irrelevante Informationen zum Magazin auf dem Markt, siehe oben. Und zuwenig Handfestes zu Geschäftsmodell und Gesellschaftern - und wenn, dann war es höchst widersprüchlich, auch aus guten Quellen. Um zu verstehen, wer warum was preisgegeben hat, muss man sich nur jetzt den Status Quo ansehen: Jeder weiß nun, dass Austs Projekt konzeptionell und journalistisch ganz, ganz toll war. Und dass Axel Springer es sehr, sehr gerne umgesetzt hätte. Aber, leider, leider: wirtschaftlich in diesen Zeiten nicht darstellbar.

Mit dieser Informationskombination wurden zwei Ziele erreicht: Aust kommt nun am Ende des einjährigen Entwicklungsmandats erhobenen Hauptes aus der Nummer heraus. Und Axel Springer hat durch die quasi-öffentliche und offensiv wohlwollende kaufmännische Prüfung des Projekts jetzt, wo sie - offenbar mangels Resonanz im Werbemarkt - negativ verlaufen ist, jedem klargemacht: es geht leider nicht, ganz objektiv. Und Springer muss nun kaum mehr befürchten, dass es jetzt noch ein anderer macht im heiligen Sonntagsmarkt (BamS", "WamS"), zumindest nicht in diesem Maßstab.

„Stefan Aust wird das Projekt mit anderen Partnern fortsetzen", teilen die Beinahe-Partner am Ende ihrer knappen gemeinsamen Erklärung zwar tapfer mit. Allein: Wer soll es denn jetzt noch versuchen, die auf 50 bis 70 Millionen Euro geschätzte Investition zu stemmen und zurückzuverdienen, wenn sich das schon die Schwergewichte Springer und WAZ nicht zutrauen? Auf Anfrage von HORIZONT.NET sagt Aust: "Vertragsgemäß sind die Rechte an dem Projekt an mich zurückgegangen, ich kann es jetzt also mit anderen Partnern umsetzen. Da bin ich froh - und auch sehr zuversichtlich." Zu möglichen alternativen Gesellschaftern will er nichts sagen.

Deshalb darf man vermuten (ohne die Qualität des Konzepts und die Ernsthaftigkeit der Prüfung anzweifeln zu wollen), dass das Aus schon etwas länger feststand oder den Beteiligten zumindest schwante. So gesehen, wären die spannenden Info-Häppchen zwischendurch so eine Art kommunikative Vorbereitung der Exit-Option gewesen.

Und nun? Spätestens seitdem Medienprofi Aust Anfang der Woche die Welt via „SZ" von neuen TV-Projekten wissen ließ, war klar: Er hat die Akte „Woche" längst (oder vorerst?) geschlossen, es tut ihm nicht weh, er ist vielbeschäftigt. Nun darf man gespannt auf Äußerungen warten, in denen er den Verlagen mangelnden Mut und fehlenden Innovationsgeist bescheinigt. Und vielleicht hat er damit sogar Recht. rp
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