Analyse: Warum die Zuschauer bei "Rock statt Rente" nicht anbeißen

Donnerstag, 05. August 2010
Wilhelm (m.) ist 95 und seit 25 Jahren Witwer
Wilhelm (m.) ist 95 und seit 25 Jahren Witwer
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Sat.1 Showstart Rente Floppen Berlin Carsten Gerlitz Schalke


Es ist zu schade. Nach den ganzen Showstarts der vergangenen Wochen, mit denen Sat 1 nahezu durchweg ordentliche Quoten erzielen konnte, legt der Sender nun mit "Rock statt Rente" den ersten fulminanten Flopp hin. Gerade einmal 700.000 Zuschauer in der wichtigen 14- bis 49-Jährigen lockte die Musik-Doku am gestrigen Mittwochabend um 20.15 Uhr vor den Fernseher. Der Marktanteil liegt bei armseligen 6,6 Prozent. Warum funktioniert das Format nicht? Sat 1 zeigt mit "Rock statt Rente" eine eigentlich feine Doku-Soap, deren Idee sich von einer britischen BBC-Dokumentation über eine Senioren-Band namens The Zimmers ableitet. Für "Rock statt Rente" sollen über 70-Jährige, die in Berlin leben und mit ihren unterschiedlichen Werdegängen ein breites Spektrum der Bevölkerung repräsentieren, binnen drei Monaten zu einem Chor zusammenwachsen. Dafür soll Chorleiter Carsten Gerlitz sorgen, der mit den 25 gut gecasteten Rentnern übt. Die rüstigen Sänger sind mehr oder minder typische Senioren. Sie leben seit Jahrezehnten in ihrer Wohnung oder seit Jahren im Heim, sind Witwer oder pflegen ihre Partner, tragen Hörgeräte oder fahren Rollstuhl, haben Enkel oder sind allein. Allen gemein ist, dass sie ein Aufgabe suchen. "Wir leben noch!", sagt der 95-jährige Ex-Gastronom Wilhelm. Das Zitat sagt mehr über das Empfinden dieser Generation aus, als so manches kluge Essay.

Man kann viel darüber schreiben, ob Sat 1 ein wenig zu dick auftägt, wenn Wilhelm und der ehemalige Schreinermeister Alois eine Kreuzberger Kneipe aufsuchen und dort gemeinsam mit tätowierten Gestrandeten AC/DCs "Highway to hell" singen. Oder ob es überhaupt sinnig ist, die Rentner ausgerechnet englische Rocksongs singen zu lassen, wo viele doch der Sprache gar nicht mächtig sind. Aber das dürfte kaum der Grund für das Scheitern sein, denn das Format ist ordentlich gemacht und umgesetzt.

Es dürfte vielmehr die alte Frage sein, wem der Köder nun schmeckt: dem Fisch oder dem Angler. In diesem Fall keinem Fisch - weder einem Jungen, noch einem Alten. "Rock statt Rente" ist eben keine trashige Casting-Show, die nackte Tatsachen und üble Beschimpfungen verspricht. Die Alten, das sind doch diejenigen, die sich noch zu benehmen wissen und Manieren haben. Was könnte also spannend daran sein, ihnen ausgerechnet beim gesitteten Singen zuzusehen? Dass "Rock statt Rente" vor allem Lebensgeschichten von Liebe, Leid und Leidenschaft erzählt, echte wahre Erlebnisse, die berühren, davon ist im Teaser keine Rede. Denn es ist nicht nur der Wunsch der 25 Rentner, noch einmal etwas zu leisten. Sie öffnen auch ihre Fotoalben, erzählen aus ihrem Leben, geben den Blick frei auf den Menschen, der sie einmal waren. Dass es einfach Spaß machen könnte, dabei zuzusehen, wie diese Sänger sich reinhängen, üben und neue zwischenmenschliche Beziehungen knüpfen, das ist erstmal schwer vorstellbar. Das Problem dürfte sein, dass die 14- bis 49-Jährigen sich schon vom Sendungstitel nicht adressiert fühlten und so nicht einmal kurz hineingesehen haben.

Und die Älteren? Sat 1 bringt es auf ansehnliche Zuschauerzahlen im Gesamtpublikum. Im Juli waren es durchschnittlich 10 Prozent Marktanteil. "Rock statt Rente" lag nur bei 5,4 Prozent, insgesamt waren es 1,5 Millionen Zuschauer, also kam nur die Hälfte von den über 50-Jährigen. Denn was will diese Altersgruppe? Offensichtlich nicht sich gespiegelt sehen in den Sorgen und Ängsten, die die Teilnehmer immer wieder artikulieren - dafür ist die ergreisende Fernsehgeneration einfach noch nicht bereit. Ein Phänomen, das schon aus der Werbung bekannt ist: Mit faltigen Testimonials lässt sich nur in den seltensten Fällen ein Produkt verkaufen. Und eben auch kaum kein Zuschauer ansprechen.

Besonders tragisch: Als Vorgruppe der Band Pur sollen sie am 4. September die Arena auf Schalke füllen - und damit Deutschlands größte Bühne. Man würde ihnen so sehr gönnen, dass sie dann vor ausverkauften Reihen singen können "Living easy, loving free ...". Mit solchen Zuschauerzahlen könnte es aber auch ein Trauerspiel werden. 

"Rock statt Rente. Das Beste kommt zum Schluss" läuft in sechs Folgen jeweils Mittwochs, 20.15 Uhr auf Sat 1. pap
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