Am Besten nichts Neues - Die RTL-Brautschau „Der Bachelor"

Donnerstag, 05. Januar 2012
Harte Schale, mit natürlich weichem Kern: Paul aus Hamburg
Harte Schale, mit natürlich weichem Kern: Paul aus Hamburg

„Der Bachelor", die reaktivierte RTL-Brautschau, die gestern Abend startete, sie war ein Lehrstück dafür, wie der Casting-Show-Setzkasten im deutschen Privatfernsehen aktuell bestückt ist. Das Ergebnis ist eine lieblos zusammengezimmerte und schrecklich gestelzt wirkende Sendung, die nichts weiter kann, als zum Fremdschämen zu animieren.
Jinjin darf trotz Glückskeks-Attacke in die nächste Runde
Jinjin darf trotz Glückskeks-Attacke in die nächste Runde
Irgendwie hat man das alles schon mal gesehen und zwar nicht nur 2003, als die 1. Staffel des damals umstrittenen Formats on Air ging. Es ist eine Kreuzung aus „Germany's next Topmodel" und „Bauer sucht Frau". Eine Castingshow, in der ein bindungswilliger Junggeselle seine Traumfrau sucht. Und weil die öffentliche Brautschau allein heutzutage vermeintlich nicht mehr reicht, um Zuschauer vor den Fernseher zu locken, ist sie angereichert um die üblichen Ingredienzien Glamour, Zickenzoff und Herzschmerz. „Der Bachelor" im Jahr 2012, das ist der 30-jährige Paul aus Hamburg. Er darf sich zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr auf RTL aus 20 jungen Frauen acht Folgen lang seine „Dame" aussuchen. Während dieser Zeit residiert er in einer mondänen Villa in Kapstadt und frönt dort diversen Sportaktivitäten und der Pflege seines gestählten Körpers. Aber eigentlich ist der zugegeben sehr gut aussehende BWLer, der die merkwürdige Berufsbezeichnung „Imagemanager" trägt, ein Kerl mit einem weichen Kern. Seine beiden Eltern sind an Krebs gestorben. So bleibt ihm nur noch seine Schwester und hoffentlich bald eine neue Freundin.

Katja zog sich für "Penthouse" aus
Katja zog sich für "Penthouse" aus
Pauls an und für sich rührende Lebensgeschichte darf der Hamburger aber nicht einfach erzählen, denn merke: Lange Monologe langweilen den Zuschauer. Also wird permanent geschnitten. Paul kann keinen Satz zu Ende sagen, ohne dass er sprachlos in Schwarz-Weiß, untermalt von tragischer Musik, gezeigt wird, bevor das Bild wieder auf Farbe wechselt und er weiter sprechen darf. Die Lebensbeichte wirkt wie eine Farce. Und so ergeht es auch den Mädels, die ähnlich Schicksalhaftes zu berichten haben.

Für die lustigen Momente des Lebens müssen dagegen schnelle Charts ran. Es ist ein Musikstückeraten, denn jedes Lied wird nur kurz angespielt. Allein für eine solch große  Auswahl verdiente der Verantwortliche von RTL einen Preis - hätte man nicht das Gefühl, das Band wäre bei „Germany's next Topmodel" geklaut worden, wo die meisten Songs auch schon zum Einsatz kamen. 

Die Mädels, ja das ist das übliche: Die Zicke, die Romantische, der Kumpeltyp, die Naive. Alles schön fein paritätisch besetzt. Und natürlich auch die, die sich schon mal ausgezogen hat, denn ohne die geht's auch nicht mehr im deutschen Casting-Business. Diesmal sind es sogar zwei: Bernadette hat für den „Playboy", Katja für „Penthouse" die Hüllen fallen lassen. Da leckt sich auch Paul die Lippen, denn „Sex ist wichtig". Und noch unter der Dusche, seinen nackten Po Richtung Kamera gestreckt, sagt er „Ein Date mit 20 Frauen ist schon was Ungewöhnliches."

Paul will Playmate Bernadette, aber die will ihn nicht
Paul will Playmate Bernadette, aber die will ihn nicht
Und dann geht's los: Die Damen treffen in Zweiergruppen in Limousinen ein und schütteln Paul die Hand. Zuerst ist er auch noch nervös, dann nur noch die zuletzt kommenden Mädels. Dem Bachelor gefällt es sichtlich in seiner Rolle. Und auch er gefällt. Allein, dass seine blonde Haarfarbe nicht bei allen ankommt und auch nicht seine Größe: Mit 1,80 Meter ist man als Mann zwar überaus fernsehtauglich, aber nicht unbedingt für das reale Dating-Business draußen geeignet.

Für die rothaarige - und große - Georgina ist er deshalb schon mal nichts, auch nicht für Bernadette, die zwar von ihren Freunden, nicht aber vom Bachelor „Bernie" genannt werden darf. Sagen tun sie ihm das natürlich nicht, im Gegenteil. Kaum betritt er den Raum entfachen Sie den Wettstreit. Andere wie die blonde Sissi aus Bayern verlieben sich dagegen spontan - und müssen dann besonders zittern, ob sie weiterkommen.

Auch Louisa findet den Bachelor toll
Auch Louisa findet den Bachelor toll
Pauls Vorauswahl ist erschreckend schnell getroffen. Wer hoffte, dass die inneren Werte auch irgendeinen einen Wert haben, wird zumindest in der ersten Runde eines Besseren belehrt. Erstmal suchen Pauls Auge aus: Dunkle Haare, sehr schlank, nicht zu große Brüste und seeeehr kurze Röcke dürfen zum romantischen Plausch antreten. Seine Favoriten: Die „super hotte-da-spielen-die-Hormone-verrückt" Marta und Playboy-Hase Bernadette. Dass Letztere sich wiederum nicht für ihn interessiert, weiß er ja noch nicht.

  Und dann die erste Entscheidung: Paul zieht sich zurück, betrachtet Fotos, denkt nach. Wo Heidi Klum Fotos verschenkt, verteilt Paul rote Rosen. Natürlich dürfen Marta weiter und Bernadette, aber auch die aggressive Georgina, die mit Beleidigungen nicht sparte und ihm nicht gerade sympathisch erschien. Und Jinjin. Kampfsporterfahrene Exil-Chinesin, die mit ultrakurzem Kleid und einer Schachtel Glückskekse antritt und ihm beim Knacken von selbigen erstmal erklärt, dass auch sie sich ihn aussuchen will, nicht nur er sie. Pauls Kommentar: „Das mit den Keksen ging mir ganz schön auf den Keks". Das legt den Verdacht nahe, dass auch die Regie - wie in diesen Tagen üblich - noch ein paar Worte mitgesprochen hat, wer weiter darf, damit es eine ganze Weile so schön paritätisch-zoffträchtig bleibt, in der „Bachelor-Villa".

Wenn der Bachelor überhaupt acht Folgen lang nach seiner Herzdame suchen darf. Torpediert von der Ansprache eines anderen, um Zuneigung werbenden Mannes - Bundespräsident Christian Wulff - holte die Auftaktsendung im Gesamtpublikum nur 3,7 Millionen Zuschauer, was nur für 10,9 Prozent Marktanteil reicht und damit unter Senderschnitt liegt. Ähnlich sieht es bei den 14- bis 49-Jährigen aus. Der Marktanteil betrug 16,7 Prozent, 2,18 Millionen Zuschauer schalteten ein. Eine maue Bilanz für die Primetime.

Noch erschreckender ist die Resonanz im Werbemarkt. Man glaubte gar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sein. Die erste Werbepause kam nach über 90 Minuten gegen 21.50 Uhr. Und dabei blieb es auch. Der Block war mit Ikea, Real und Persil zwar gut besetzt. Aber eine Werbepause dürfte dann doch zu wenig sein, um Kapstadt-Flüge, Villa und Limousinen zu refinanzieren.

Dass es eine komische Sache sei, im Fernsehen mit 19 anderen Mädels um einen Typen zu buhlen, sagt eine der Kandidatinnen. Das stimmt. Und zwar nicht nur für die Mädchen, sondern auch für die Zuschauer. Nach der ersten Bilanz dürfte Pauls Suche die letzte dieser Art sein - zumindest mit dem Setzkasten von RTL. pap
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