Ärger um Rückzug der WAZ-Gruppe aus Serbien

Mittwoch, 16. Juni 2010
Bodo Hombach bereitet Rückzug aus Serbien vor
Bodo Hombach bereitet Rückzug aus Serbien vor

Die Essener WAZ Mediengruppe will sich schrittweise aus dem serbischen Markt zurückzuziehen. In einem vertraulichen Schreiben hat WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach den serbischen Präsidenten Boris Tadic gebeten, sein Unternehmen dabei zu unterstützen, dass der Rückzug von der Justiz und den Behörden fair und gesetzeskonform begleitet wird. Trotz schwer wiegender Behinderungen und öffentlichen Verleumdungen wolle man das Land nicht im Streit verlassen, so der Medienkonzern. Erst am Dienstag hat eine serbische Zeitung das Unternehmen beschuldigt, den Präsidenten erpressen zu wollen. In dem Brief hätte Hombach dem Staatsoberhaupt ein Ultimatum gestellt: Entweder Tadic helfe der WAZ-Gruppe bei der Übernahme der Zeitung "Vecernje Novosti" oder der Konzern verlasse Serbien und werde anderen deutschen Firmen von Investitionen in das Land abraten.

Die WAZ-Gruppe weist diese Anschuldigung weit von sich. In einer Unternehmensmitteilung heißt es: "Die in Belgrad kursierende Information ist nur teilweise richtig. Richtig ist: In einem vertraulichen Brief an Präsident Boris Tadic hat WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach die Erfahrungen des Hauses als Investor in Serbien geschildert und angekündigt, dass die WAZ-Gruppe in Serbien desinvestieren und die Verkäufe ihrer Beteiligungen einleiten wird. Die Verkäufe sollen zu korrekten Bedingungen und Preisen erfolgen, unter Wahrung der wirtschaftlichen Rechte und Interessen der WAZ-Gruppe. Die WAZ Mediengruppe verknüpft keinerlei Bedingungen an diesen Schritt."

Hintergrund: Mehr als ein Jahr hat der Essener Medienkonzern zuletzt versucht, die Zeitung "Vecernje Novosti" zu übernehmen, ist dann aber an politischen Widerständen gescheitert. Der Chefredakteur des Blattes sowie einige führende serbische Intellektuelle sind dagegen Sturm gelaufen und haben Hombach übel beschimpft. Das war offenbar für den Medienmanager zu viel. Angesichts des schwierigen Investitionsklimas, der Rechtsunsicherheit und den Anfeindungen unter anderem aus dem rechtsextremen Lager zieht er nun die Notbremse.

Auf dem serbischen Medienmarkt ist die WAZ Mediengruppe seit Oktober 2001 durch ein Joint Venture mit dem Zeitungsverlag Politika AD mit Sitz in Belgrad vertreten. Die WAZ-Gruppe hält 50 Prozent an dem Unternehmen, das 1904 gegründet wurde und der zweitälteste Zeitungsverlag auf dem Balkan ist. Dort erscheinen die Tageszeitung "Politika", die Sportzeitung "Sportski Zurnal" und die wöchentliche Wettzeitung "Mix".

Darüber hinaus verlegt die WAZ-Tochter Mediaprint in Lizenz die serbische Ausgabe der Auto-Zeitschrift "Auto Bild". Eine Druckerei in Belgrad sowie Modernisierung und Ausbau des übernommenen Vertriebsunternehmens Stampa sind weitere Aktivitäten in Serbien. Mit dem im Oktober 2007 gegründeten Spezialverlag Corporate Media Serbia (CMS), ein Joint Venture mit der Münchener Trurnit Gruppe, ist die WAZ in Serbien auch im Geschäftsfeld Kundenzeitschriften und Industriepublikationen tätig. bn
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