Ad-Blocker-Debatte: Der "Erfolg" der Anti-Kampagne / "Mafiöse Werbenetzwerke"?

Donnerstag, 04. Juli 2013
Der Streit um Werbeblocker geht weiter (Bild: Vege / Fotolia)
Der Streit um Werbeblocker geht weiter (Bild: Vege / Fotolia)

Die Diskussion um Ad Blocker geht mit aller Schärfe weiter: Zwei Monate nach der Anti-Kampagne der sechs Nachrichtensites nennen zumindest zwei von ihnen halbwegs konkrete Erfolgszahlen. Unterdessen tobt im Netz eine wilde Veröffentlichungsschlacht zwischen dem Profi-Blogger Sascha Pallenberg (Gründer des Mobile-Computing-Portals Mobilegeeks.de) und Till Faida, dem Mitgründer des am meisten verbreiteten Werbestoppers Adblock Plus. Mitte Mai hatten Spiegel Online, Süddeutsche.de, Zeit Online, FAZ.net, RP Online und das IT-Portal Golem.de eine gemeinsame Kampagne gegen die Nutzung von Ad Blockern gestartet, in der sie ihre User gebeten hatten, Ad Blocker für ihre Seiten abzuschalten.

Hintergrund: Mittlerweile haben derart viele Nutzer diese Werbeverweigerungsprogramme aktiviert, dass im Durchschnitt - je nach Schätzung - bei rund 15 bis 25 Prozent aller Seitenaufrufe keine Werbung mehr ausgeliefert wird. Bei Portalen mit IT-affinem Publikum liegt die Blockierquote oft sogar über 50 Prozent. Auf diese Weise verlieren werbefinanzierte Websites massiv Vermarktungsinventar - und damit oft ihre einzige Einnahmequelle.

Meldet Erfolg der Anti-Adbocker-Kampagne: Zeit-Manager Christian Röpke
Meldet Erfolg der Anti-Adbocker-Kampagne: Zeit-Manager Christian Röpke
Etwa eine Woche lief die Kampagne im Mai. Bei Zeit Online sei die Quote der werbeblockierten Seiten seitdem um 15 Prozent (nicht: Prozentpunkte) gesunken, sagt Geschäftsführer Christian Röpke auf Anfrage. Nimmt man also bei Zeit Online zuvor eine Blockierquote von etwa 20 Prozent an, so dürfte sie nun bei rund 17 Prozent liegen. Röpke wertet dies als Erfolg, zumal Kritiker geunkt hatten, dass die Aktion manche Nutzer erst auf die Möglichkeit des Blockierens aufmerksam machen und der Schuss so nach hinten losgehen könnte. Außerdem habe man eine breite Diskussion über Ad Blocker losgetreten, so Röpke.

Beim IT-Portal Golem.de ist die Blockierquote um 20 bis 25 Prozent zurückgegangen, heißt es dort. Unterstellt man zuvor eine Quote von 40 Prozent, so dürfte sie nach der Kampagne auf gut 30 Prozent gesunken sein. Allerdings habe sich "in den Wochen nach unserem Aufruf die Quote erwartungsgemäß wieder etwas erhöht". Die vier übrigen Sites wollen keine Zahlen nennen und verweisen stattdessen auf ein gemeinsames eher aussageschwaches Statement aller Initiatoren: "Obwohl unsere Aktion nur sehr kurz sichtbar war, konnten wir bisher im Durchschnitt die Ad-Blocker-Quote um einige Prozentpunkte senken."

Bereits im Juni hatte Adflames Media, der Vermarkter des Musikportals Laut.de, die Ergebnisse einer eigenen Aktion verkündet: Davor verwendeten rund 31 Prozent der User einen Ad Blocker - danach waren es demnach nur noch 26 Prozent (minus 16 Prozent).

Derweil hat sich die Lautstärke der Diskussion massiv erhöht. So hat es die Textschlacht zwischen Profi-Blogger Sascha Pallenberg (Mobilegeeks.de) und Till Faida, dem Mitgründer des am meisten verbreiteten Werbestoppers Adblock Plus, etwa schon auf Spiegel Online, zweimal in die "NZZ" und sogar ins ARD Nachtmagazin geschafft.

Pallenberg erhebt in zwei ausführlichen Beiträgen (26. Juni und 1. Juli) in seinem Blog schwere Vorwürfe gegen Adblock Plus und das Unternehmen dahinter, die Kölner Eyeo GmbH - mal ganz direkt, mal eher angedeutet. Zusammengefasst: Hinter Adblock Plus stünden Investoren aus der Vermarktungswirtschaft, die wohl aus gutem Grund anonym bleiben wollten - weil sie selber massiv störende Blink-Werbung im Netz streuten und Adblock Plus so neue Nutzer in die Arme trieben. Und alle anderen Publisher müssten sich dann Schutzgeld-ähnlich bei Adblock Plus davon freikaufen, nicht blockiert zu werden.

Tatsächlich müssen - ganz offiziell - "große" Websites dafür zahlen, um mit ihren von Adblock Plus akzeptierten Werbeformaten in die entsprechende "Whitelist" aufgenommen zu werden und ihre Werbung somit ausspielen zu können. Dazu gehört offenbar auch Google, wie HORIZONT Austria beschreibt. Außerdem, unterstellt Pallenberg, existierten die angeblichen Adblock-Plus-Communities, die über die Whitelist sowie über unaufdringliche "akzeptierte" Werbung befinden sollen, so gar nicht - die aktiven Parts bestünden vor allem aus Mitarbeitern von Adblock Plus. Weitere Vorwürfe: Blockierregeln würden zugunsten bestimmter (eigener?) Werbenetzwerke geändert, und Affiliate-Links würden durch "Adressmanipulation und Umschreibung" allein Adblock Plus zugerechnet.

Adblock-Plus-Gründer Till Faida wehrt sich via Pressemitteilung (28. Juni), Veröffentlichung im eigenen Firmenblog (1. Juli) und Interview mit den Kollegen von HORIZONT Österreich gegen manche der Vorwürfe teils sehr deutlich ("Warum Sascha Pallenberg bewusst lügt").

Publisher, mit denen HORIZONT.NET Deutschland über das Thema gesprochen hat, halten Pallenbergs Vorwurf eines "mafiösen Netzwerks" zwar für übertrieben, monieren aber die "Dreistigkeit des Geschäftsmodells" von Adblock Plus und die Intransparenz (bezüglich seiner Investoren, Blockierregeln und Freikauf-Konditionen) eines Unternehmens, das das Internet nach eigenem Bekunden doch eigentlich transparenter machen will. rp
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