"Absolut arschlochfreie Zone": Die Stimmen zur letzten Ausgabe der "Financial Times Deutschland"

Freitag, 07. Dezember 2012
"13 wunderbare Jahre": Heute erscheint die letzte Ausgabe der "FTD"
"13 wunderbare Jahre": Heute erscheint die letzte Ausgabe der "FTD"


Am heutigen Freitag liegt die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland" an den Kiosken - beziehungsweise lag: Schon am Morgen war die Wirtschaftszeitung vielerorts vergriffen. In den Medien zollen viele Journalisten den Kollegen in Hamburg ihren großen Respekt. Robert von Heusinger, Ressortleiter Wirtschaft der ebenfalls vom Aus bedrohten "Frankfurter Rundschau" bedankt sich bei der "FTD" für "13 wunderbare Jahre", der ehemalige stellvertretende Nachrichtenchef der "FTD" Thomas Schmoll erinnert sich an den einzigartigen Teamgeist in der Redaktion: "Die FTD war eine absolut mobbing- und arschlochfreie Zone." Die Chefredaktion selbst verabschiedet sich mit einer Entschuldigung. HORIZONT.NET dokumentiert ausgewählte Stimmen zur letzten Ausgabe der "Financial Times Deutschland".

Ileana Grabitz, "Welt Kompakt"

"Die Kollegen der 'Financial Times Deutschland' haben gezeigt, dass man sogar auf dem Sterbebett noch zur Höchstform auflaufen kann. Nur kurz währte die Schockstarre, nachdem das Aus beschlossene Sache war - und der 'Lovestorm' im Internet, die zahlreichen Sympathiebekundungen, mögen dabei geholfen haben. Während die Experten draußen sich in Ursachenforschung übten, einige gar das Ende der Qualitätsjournalismus beschworen, zeigte die Redaktion jeden Tag aufs Neue mit exzellenten Geschichten und humorvoller Aufarbeitung des eigenen Dahinsiechens, wie engagierter Journalismus aussehen kann - und dass mit dem Ende der 'FTD' ein kostbares Stück davon verloren geht."

Thomas Schmoll, "Stern"

"Als ich am 20. April 2009 meinen Job bei der FTD antrat, sagte ich in der Redaktionskonferenz: "Ich hatte zwei Angebote und habe mich für die FTD entschieden, weil - Geld ist nicht alles." Tosendes Gelächter. Nach der Konfi kam Sven Clausen, Vize-Chefredakteur der FTD, zu mir und bat mich, sofort zu ihm zu kommen, wenn ich das Gefühl hätte, dass die Stimmung ins negative kippe. Sven meinte das ernst. Die FTD war eine absolut mobbing- und arschlochfreie Zone. Und jeder half mit, dass es so bleibt. Dort herrschte das Gesetz der Musketiere: Alle für einen, einer für alle. Der freundliche Umgang miteinander, der gegenseitige Respekt und die immer währende Hilfsbereitschaft machten den Spirit der FTD aus. Der Teamgeist und die nie endende gute Stimmung, egal wie die Lage war, waren die beste und wohl auch einzige Waffe gegen das Damoklesschwert, das immer über der FTD schwebte und nun auf sie fiel."

Robert Heusinger, Ressortleiter Wirtschaft der "Berliner Zeitung" und der "Frankfurter Rundschau"

"Liebe Financial Times Deutschland,

es waren wunderbare 13 Jahre, die ich mit Dir verbringen durfte. Erst wolltest Du, dass ich für Dich arbeite, dann hast Du mich begeistert und bist zu meiner morgendlichen Lieblingslektüre avanciert und kurz danach hast Du den deutschen Wirtschaftsjournalismus verändert, die Debatten im Lande befeuert. (...)

Wofür ich Dich geliebt habe: Du hast Dich nie als "Freund der Wirtschaft" verstanden, nie als deren Interessenvertretung, sondern im besten Sinne Aufklärung betrieben, Kosten und Nutzen für die Volkswirtschaft betrachtet, nicht nur für die Unternehmen und ihre Gewinne. Du hast Debatten gemocht und gepflegt. Die Agenda-Seiten, die Kolumnen waren ein Hochgenuss. (...)

Wenn Du heute aus dem Wettbewerb ausscheidest, die Wirtschaftsberichterstattung hast Du nachhaltig verändert. Das werden wir nie vergessen, versprochen!"

Den gesamten Nachruf von Robert von Heusinger lesen Sie hier

Kai-Hinrich Renner, "Hamburger Abendblatt"

"Diesen Freitag wird die Redaktion um 14 Uhr vor dem G+J-Verlagshaus noch einmal für ihre Rechte demonstrieren. Anschließend werden um 15 Uhr auf einer Betriebversammlung die G+J-Vorstände Julia Jäkel und Achim Twardy den Redakteuren erläutern, wie sie sich konkret die Auflösung der G+J-Wirtschaftsmedien vorstellen. Am Abend steigt im Eidelstedter Edelfettwerk die traditionelle "FTD"-Weihnachtsfeier als Abschiedsparty unter dem Motto "How to end it". Und am Sonntag endet dann noch die Auktion von "FTD"-Devotionalien bei Ebay zugunsten von Reporter ohne Grenzen, die bislang 25.000 Euro erbrachte."

Die FTD-Chefredakteure Sven Oliver Clausen, Steffen Klusmann und Stefan Weigel verabschieden sich mit einer Entschuldigung

"Entschuldigung, liebe Gesellschafter, dass wir so viele Millionen verbrannt haben. Entschuldigung, liebe Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über Eure Unternehmen berichtet haben. Entschuldigung, liebe Pressesprecher, dass wir so oft Euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind. Entschuldigung, liebe Politiker, dass wir Euch so wenig geglaubt haben. Entschuldigung, liebe Kollegen, dass wir Euch so viele Nächte und so viele Wochenenden haben durcharbeiten lassen. Entschuldigung, liebe Leser, dass dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind. Es tut uns leid. Wir entschuldigen uns vorbehaltlos. Aber: Wenn wir noch einmal von vorn anfangen dürften – wir würden es jederzeit wieder genauso machen.

Behalten Sie uns in guter Erinnerung. Ihre Chefredaktion" dh/ire

Sven Oliver Clausen, Steffen Klusmann und Stefan Weigel (Foto: FTD.de/Georges Pauly)
Sven Oliver Clausen, Steffen Klusmann und Stefan Weigel (Foto: FTD.de/Georges Pauly)

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