Abfindungen im Berliner Verlag: Betriebsrat lädt heute zur Betriebsversammlung ein

Mittwoch, 21. November 2012
Die Mitarbeiter erhielten per Mail Abfindungsangebote
Die Mitarbeiter erhielten per Mail Abfindungsangebote

Es vergeht kein Tag mehr ohne schlechte Nachrichten. Nachdem M. DuMont Schauberg (MDS) vergangene Woche für die "Frankfurter Rundschau" einen Insolvenzantrag gestellt hat, greift das Kölner Verlagshaus nun wieder im Berliner Verlag durch. Die Mitarbeiter der Tageszeitungen "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" haben per Mail Abfindungsangebote bekommen, die bis zum 3. Dezember gelten. Das Modell sieht die Zahlung eines Sockelbetrags von 10.000 Euro vor. Hinzu kommen 150 Prozent des Bruttomonatsgehalts pro Jahr der Betriebszugehörigkeit. Außerdem soll es 3500 Euro zusätzlich für jedes unterhaltspflichtige Kind geben. Und es sei ein Aufschlag über die Höchstsumme von 120.000 Euro geplant. Laut Geschäftsführung soll das Modell über die Leistungen eines Tarifsozialplans hinausgehen.

Das Angebot gilt nur bis 3. Dezember. Der Betriebsrat hat die Mitarbeiter vor einer vorschnellen Annahme gewarnt. In einer Betriebsversammlung heute wird nach HORIZONT.NET-Informationen ein Justiziar der Gewerkschaft das Modell erläutern und offene Fragen beantworten, zum Beispiel, was genau es mit der Höchstsumme auf sich hat. Morgen soll sich dann Chefredakteurin Brigitte Fehrle dem Redaktionsausschuss stellen. Dieser vertritt die Interessen der Redaktion gegenüber Chefredaktion und Verlag.

Die Geschäftsführer Michael Braun und Stefan Hilscher haben das Angebot per Mail an die Mitarbeiter verschickt. Eine Versammlung mit Geschäftsführung und Mitarbeitern gab es nicht. Die Nervosität im Berliner Verlag ist hoch. Die Mitarbeiter fürchten betriebsbedingte Kündigungen, sollten nicht genug Mitarbeiter das Angebot annehmen. Mit der Insolvenz der "FR" steht die gemeinsame Mantelredaktion in Berlin in Frage. Zudem machen dramatische Einbrüche bei den Anzeigenerlösen der Zeitung zu schaffen.

Dass die Geschäftsführung auch vor harten Schritten nicht zurückschreckt, hat sie im September gezeigt. Den langjährigen Mitarbeitern der Anzeigenzeitung "Berliner Abendblatt" wurde gekündigt und die Redaktion komplett entlassen. Das Wochenblatt wird nun von günstigeren Kräften erstellt.

Der Berliner Verlag hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Er wurde nach der Wende von Gruner + Jahr gekauft mit dem Ziel, eine deutsche "Washington Post" aus der Zeitung zu machen. 2002 verkaufte G+J an Holtzbrinck, die in Berlin auch den "Tagesspiegel" besitzt. Das Kartellamt untersagte den Deal jedoch. Daraufhin ging der Verlag an die Mecom des britischen Zeitungsverlegers David Montgomery, despektierlich "Heuschrecke" genannt, weil er seine Zeitungen mit dem Gebahren eines Finanzinvestors führte. Anfang 2009 verkaufte die überschuldete Mecom den Verlag dann an M. DuMont Schauberg. Der anfänglichen Erleichterung der Mitarbeiter wich im Zuge der Finanzkrise schnell neue Sorge.

MDS zu dem auch die "Mitteldeutsche Zeitung" und das Stammblatt "Kölner Stadt-Anzeiger" gehören, hat wenig Glück mit seinen Zukäufen gehabt. Der Verlag machte 2010 zudem mit den Streitigkeiten zwischen Altverleger Alfred Neven DuMont und seinem Sohn Konstantin von sich reden, der mittlerweile aus dem Verlagshaus ausgeschieden ist. pap
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