ARD/ZDF, Apps, Regionalausgaben: Die Gedankenspiele des Georg Mascolo und Kurt Kister

Dienstag, 18. September 2012
Georg Mascolo diskutierte mit seinem SZ-Kollegen Kurt Kister
Georg Mascolo diskutierte mit seinem SZ-Kollegen Kurt Kister


Sie wollten in Hamburg über Qualitätsjournalismus reden – und das haben sie auch, ebenso wie bereits Ende Juni in München. Aber zugleich dachten Georg Mascolo und Kurt Kister, die Chefredakteure des „Spiegel“ und der „Süddeutschen Zeitung“, am Montagabend auf dem Diskussionspodium in der „Spiegel“-Kantine auch laut über ein paar verlagspolitische Fragen nach, sozusagen abseits des Protokolls. Zum Beispiel über die Digitalstrategie. Nein, er kenne keine Formel dafür, welche Inhalte am besten als Paid Content verbreitet werden sollten und welche im Gratis-Internet, sagt Kister – aber vielleicht wisse da ja der Kollege Mascolo etwas mehr, der sei ja gerade am Rechnen. Mascolo lässt sich von dieser Anspielung auf „Spiegel“-interne Diskussionen nicht aus der Ruhe bringen und weicht bei seiner Antwort aus, indem er das Gratisportal Spiegel Online ausklammert und sich auf die unstrittig bezahlten digitalen Ausgaben des Heftes bezieht.

Beide Varianten, der gedruckte „Spiegel“ und die App (der er langfristig sechsstellige Verkäufe zutraut), werden „noch lange Zeit nebeneinander existieren“, erklärt Mascolo. Und schon jetzt beginne man im Haus darüber nachzudenken, die App irgendwann unter der Woche zu aktualisieren – dann würde die (Bezahl-) Welt des „Spiegel“ näher an die (Gratis-) Onlinewelt rücken. „SZ“-Chef Kister will in Zukunft „tendenziell weniger Artikel aus Print gratis ins Netz stellen“ und zugleich mehr typische digitale Elemente in die App einbauen.

Und was ist mit Bewegtbild? Öffentlich-rechtliche Angebote seien keineswegs die größte Bedrohung der Verlage, kocht Mascolo die auch von den Verlegerverbänden getriebene Diskussion etwas herunter. Kister geht als ordnungspolitisch unbekümmerter Journalist noch einen Schritt weiter und sieht Möglichkeiten, online mit ARD und ZDF in Sachen Bewegtbild zusammenzuarbeiten: „Die machen auch Qualitätsjournalismus, und bei Bewegtbild sogar besser als wir.“ Kisters Aussage, er teile sonst offiziell natürlich alle Verbandspositionen, darf man an dieser Stelle sicherlich als Mischung aus Pflichtschuldigkeit und Ironie interpretieren.

Eher Wunsch als Ironie steckt offenbar in Kisters Aussage, dass man bei der „Süddeutschen“ über weitere Regionalausgaben nachdenke. Bisher gibt es nur eine Münchner „SZ“-Beilage; eine Ausgabe in Nordrhein-Westfalen wurde 2003 nach nur gut einem Jahr wieder eingestellt. „In bestimmten städtischen Ballungsräumen ist noch Platz, und die schauen wir uns an“, sagt Kister vielleicht mit Blick auf Leserschaften in Hamburg und Berlin. Fragt sich nur, ob sich das auch in den lokalen Anzeigenmärkten mit ihren jeweiligen Platzhirschen rechnen würde.

Der Anlass für den Talk der Chefredakteure: Beide diskutierten im Rahmen der neuen Vermarktungskooperation zwischen „Spiegel“ und „SZ“ nun zum zweiten Mal im exklusiven Kreis wichtiger Anzeigenkunden und Agenturleute über den Stellenwert und die Zukunft von Qualitätsjournalismus. rp
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