ARD und ZDF blocken Europa-Kampagne ab

Donnerstag, 30. August 2012
"Begriff Europa ist zum Politikum geworden": ARD-Chefredakteur Thomas Baumann
"Begriff Europa ist zum Politikum geworden": ARD-Chefredakteur Thomas Baumann

Fast alle machen mit - nur ARD und ZDF nicht. Die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten fehlen in der langen Liste der Medienpartner, die unentgeltlich Werbeplätze für die jüngst gestartete Social-Kampagne „Ich will Europa" bereitstellen. Das verwundert etwas, schließlich legen ARD und ZDF ihren Programmauftrag und ihre Daseinsberechtigung ja sonst eher staatstragend, politisch korrekt und affirmativ aus. In der Kampagne (Agentur: Blumberry, Berlin) bekennen sich Prominente aus allen gesellschaftlichen Bereichen - darunter Helmut Schmidt, René Obermann, Günter Verheugen, Philipp Lahm und David Garrett - nach dem Vorbild von „Du bist Deutschland" in Zeiten von Finanz- und Währungskrise zum europäischen Gedanken. Initiatoren sind mehrere Stiftungen; die Schirmherrschaft hat Bundespräsident Joachim Gauck übernommen.

Warum also ist die ARD nicht mit dabei? Auf Anfrage von HORIZONT.NET antwortet Thomas Baumann, ARD-Chefredakteur und stellvertretender Programmdirektor: „Uns erreicht eine Fülle von Anfragen, deren Ziel es ist, politische oder soziale Kampagnen mit Spots zu unterstützen. Wenn wir all diesen Bitten, so gut sie im Einzelnen begründet sein mögen, nachkämen, bekämen wir Probleme, unsere regulären Programme auszustrahlen und unseren öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen." Zudem sei es kaum möglich, eine nachvollziehbare Unterscheidung zu treffen, welche Kampagnen besonders wertvoll und unterstützenswert seien.

Im vorliegenden Fall habe sich die ARD vor allem deshalb gegen eine Ausstrahlung entschieden, weil der Begriff „Europa" aktuell Gegenstand einer strittigen politischen Debatte sei. „Er ist selbst zum Politikum geworden", so Baumann: „Nicht wenige verbinden den Begriff ,Europa‘ fast synonym mit der Währung, dem Euro", und diese Themen polarisierten. „Würden wir Programmflächen für die Kampagne zur Verfügung stellen, würde der Eindruck entstehen, wir wollten in diesem Meinungsstreit Haltung beziehen", sagt Baumann. Der Gefahr der Infragestellung der Überparteilichkeit wolle man sich jedoch nicht aussetzen.

ZDF-Intendant Bellut macht rechtliche Gründe geltend
ZDF-Intendant Bellut macht rechtliche Gründe geltend
Eine entsprechende Anfrage ans ZDF blieb zunächst unbeantwortet.* HORIZONT.NET liegt jedoch ein Brief des ZDF-Intendanten Thomas Bellut an die Initiatoren vor. Darin schreibt Bellut, dass Social-Kampagnen aus rechtlichen Gründen nicht in den ZDF-Werbeblöcken eingesetzt werden dürften. Dies sei nur auf den „Programmtrailer-Plätzen" möglich, so Bellut: „Aufgrund bestehender Verpflichtungen, die das ZDF mit anderen Initiativen eingegangen ist, haben wir dort allerdings keinen Spielraum mehr." rp

*Nachtrag: Mittlerweile hat ein ZDF-Sprecher folgendes Statement übermittelt: "Das ZDF entscheidet von Fall zu Fall, ob und gegebenenfalls welche Social-Kampagnen durch Bereitstellung von Trailerplätzen unterstützt werden können. Die Möglichkeiten dafür sind sehr begrenzt und es gibt regelmäßig zahlreiche Anfragen. Eine Zusage hängt unter anderem davon ab, ob überhaupt freie Trailerplätze verfügbar sind. Im Gegensatz zu den Privatsendern darf das ZDF keine Werbespotplätze kostenlos zur Verfügung stellen."
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