ARD und Afghanistan: Sturm im Wasserglas

Dienstag, 21. Dezember 2010
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Die ARD kann es keinem Recht machen. Wie bereits mehrfach angekündigt, müssen die öffentlich-rechtlichen Anstalten in den kommenden Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag einsparen. Dass dies nicht ohne Kürzungen abgehen kann, sollte sich von selbst verstehen. Trotzdem löst die Tatsache, dass die ARD die Übertragung des Ersten über den Satelliten Hotbird/Eutelsat nach Afghanistan bereits im Juni 2010 eingestellt hat, einen Sturm der Empörung aus - dem die ARD sich beugt. Nach polemischer Kritik seitens Springer-Presse, Politik und Bundeswehrverband hat sich die ARD heute kostenneutral mit dem Satellitenbetreiber SES Astra geeinigt und strahlt das Erste nun auch wieder in Afghanistan aus. Allerdings müssten noch juristsche Urheberrechtsfragen geklärt werden, teilt der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust mit. Damit dürfte der zweitägige Sturm im Wasserglas aufgeflaut sein.

Angefacht hatte die Empörung "Bild", die normalerweise keine Gelegenheit ausläst, um die Anstalten zu einem höheren Kostenbewusstsein zu ermahnen. Auf Seite 2 schreibt das Blatt: "Riesenwut auf die ARD!" und beklagt, die Einstellung der Übertragung sei "ein Schlag ins Gesicht unserer Soldaten". Angesichts der 5,3 Milliarden Euro Gebühreneinnahmen sei die eine Million Euro, die die Satelliten-Übertragung via Hotbird gekostet habe, nur ein geringer Promillesatz. Zudem seien die Soldaten ebenfalls Gebührenzahler und hätten damit quasi ein Anrecht auf die Ausstrahlung. Als Akt der Revanche verzichtet "Bild" in der heutigen Ausgabe auf den Abdruck des TV-Programms und schreibt stattdessen in die Programmspalte des Ersten und der Regionalstationen: "Weil die ARD die Übertragung nach Afghanistan stoppt, verzichtet 'Bild' heute aus Solidarität mit unseren Soldaten auf die TV-Programme der ARD." 

Im Fahrwasser der Diskussion schwammen mehrere Politiker, unter anderem der FDP-Bundestagsabgerodnete Burkhardt Müller-Sönksen, der normalerweise ebenfalls lautstark Einsparungen vom Gebührenfunk fordert. Heute weht sein Fähnchen in eine andere Richtung: "Es ist mehr als peinlich, einerseits von den Soldaten als Staatsbürger in Uniform GEZ-Gebühren zu kassieren, andererseits aber die Verbreitung der Programme aus Deutschland mit Verweis auf die Kosten einzustellen."

Auch der Deutsche Bundeswehrverband hatte für die Einstellung erwartungsgemäß nur Kritik übrig. Als "unfassbar" bezeichnet Wolfgang Schmelzer, Oberstabsbootsmann und Stellvertretender Bundesvorsitzende des Verbandes, die Entscheidung der ARD.

Die ARD wehrte sich möglichst sachlich. Nicht nur wirtschaftliche Gründe, sondern auch die geringe Nutzung seien ausschlaggebend für die Entscheidung gewesen. Die Soldaten waren seit dem Ausstrahlungsstopp übrigens nicht von der deutschen TV-Welt abgeschnitten. Die Deutsche Welle, die der Gesetzgeber geschaffen hat, ist eigens für den Auslandsrundfunk verantwortlich. Zudem ist das ARD-Angebot übers Internet abrufbar.

Bereits vor fast zwei Jahren hat die ARD der Bundeswehr angeboten, Sendungen zu übernehmen, allerdings unter der Bedingung, dass die aus Urheberrechtsgründen erforderliche Drittrechteprüfung von der Bundeswehr vorgenommen werden muss. Dieses Angebot ist bislang nicht angenommen worden, gelte aber nach wie vor.

Ob gerade das Erste von den Soldaten im Auslandseinsatz besonders intensiv geschaut wird, ist übrigens ohnehin unklar. Gerade bei den jüngeren Deutschen im Inland kommt das Programm nicht besonders gut an. Hierzulande haben im vorläufigen Jahresschnitt gerade mal auf 7,3 Prozent der 14- bis 49-Jährigen eingeschaltet. pap
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