AMV-Chef Schmidt: "20 Yellows nebeneinander? Da lacht sich jeder Einzelhändler schlapp!"

Donnerstag, 06. Januar 2011
AMV-Chef Hermann Schmidt
AMV-Chef Hermann Schmidt

Er ist das Urgestein unter den Vertriebschefs und gilt als Strippenzieher hinter den Kulissen: Hermann Schmidt, Vertriebschef des Jahreszeiten Verlags (Jalag) und Vorsitzender des Arbeitskreises Mittelständischer Verlage (AMV). Als erster Konkurrent äußert er sich konkret zum „Pilotabschluss" zwischen Axel Springer und dem Grosso-Verband; andere waren bisher eher vage geblieben. Dabei geht Schmidt auch einer Grundsatzdebatte nicht aus dem Weg, wie er im exklusiven Interview mit HORIZONT.NET beweist. Wie bewerten Sie Springers Grosso-Deal, den beide Parteien als „Pilotabschluss" bejubeln? In seiner Rahmenvereinbarung mit dem Grosso-Verband hat der Axel Springer Verlag jetzt genau die Punkte festgeschrieben, die der AMV schon immer gefordert hat, etwa zur Sicherung der Pressevielfalt oder der Rechtssicherheit der Grossisten. Und konkret die „Bonus Plus"-Klausel: Hier werden die Umsätze stärker gewichtet. Auch das fordert der AMV seit langem. Wir im AMV begrüßen besonders die Rahmenvereinbarung ausdrücklich. Für den Jalag kann ich sagen: Wir finden die Vereinbarung des Hauses Springer mit dem Grosso bemerkenswert, weil sie Pressevielfalt sichert und das Miteinander der Partner im System fördert.

Aber geht es nicht auch um etwas anderes? Sie möchten, dass der Grosso weiterhin das Marketing für alle übernimmt - und nicht die Verlage selber. Denn die großen Häuser könnten sich einen größeren Außendienst leisten, und die kleinen nicht. Das bestehende System hebelt also den offenen Wettbewerb der Verlage ein Stück weit aus, verlagert das Geschehen in das Grosso, dem heroische „Neutralität" abverlangt wird - die es de facto nicht gibt und nicht geben kann und die durch verschwiegene Platzierungszahlungen scheinheilig umgangen wird - und subventioniert das Handelsmarketing einiger Verlage zulasten anderer. Es stimmt, dass nicht nur im Bahnhofsbuchhandel für Platzierungen gezahlt wird. Nun sollte man aber nicht versuchen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Das würde das grundsätzlich bewährte Grossosystem zulasten der Pressevielfalt aushöhlen, was keiner der Marktpartner und schon gar nicht die Politik möchte.

Weiterlesen

Exklusiv für Abonnenten

Exklusiv für Abonnenten
Weitere brisante Fragen - etwa zum Einsparvolumen im Grosso und zur Zahl der Betriebe - lesen Abonnenten in der Print-Ausgabe von HORIZONT, die am Donnerstag, 6. Januar erscheint.

HORIZONT abonnieren
HORIZONT E-Paper abonnieren


Lebensmittel sind auch nicht ganz unwichtig. Dort liefern sich die Hersteller beim Kampf um Regalmeter im Handel einen harten Wettbewerb mit Konditionen. Doch auch das führt nicht gerade zu einer Unterversorgung der Republik mit Lebensmitteln, auch nicht zu mangelnder Vielfalt, eher im Gegenteil. Warum sehen Sie diese Usancen trotzdem als Horrorszenario fürs Pressewesen? Warum soll nur der Status Quo die Pressevielfalt sichern können? Kein ernstzunehmender Demokrat wird bestreiten wollen, dass es einen Unterschied zwischen den Vermarktungsmechanismen von Kondensmilch einerseits ...

... ich meinte eher Substanzielles wie Brot und Wasser, dann klingt das schon weniger lächerlich ... und Zeitungen und Zeitschriften unterschiedlicher thematischer Inhalte oder politischer Couleur andererseits geben muss. In südeuropäischen und skandinavischen Ländern sind vor allem journalistisch hochwertige Titel mit anspruchsvollen Copypreisen in Vollsicht ausgelegt. Wem soll es nützen, wenn 15 TV-Zeitschriften oder 20 Yellows mit ganzseitig sichtbarem Titelbild ausliegen? Dem Handel? Den Leserinnen und Lesern? Da lacht sich jeder Einzelhändler schlapp! Es geht deshalb natürlich nicht nur um die Pressevielfalt. Nein, es geht auch um kaufmännisches Kalkül: Special-Interest-Titeln etwa nützt das System, weil diese ohne die bestehende Vertriebsinfrastruktur sehr viel teurer würden. Aber das System nützt auch Axel Springers „Bild": Denn kein anderer Titel benötigt 125.000 Verkaufsstellen. Das Jalag-Portfolio etwa käme mit rund 50.000 gut aus. Das Grossosystem nützt also an unterschiedlichen Stellen unterschiedlichen Verlagen, das haben alle verstanden.

Manche unken, Springers „Bonus Plus" sei eher eine „Bild Plus"-Regel, denn allein „Bild" profitiere davon - gerade dann, wenn „Bild" 2011 wie offenkundig geplant seinen Copypreis erhöht, die Absätze stabil hält und dann 2012 gegenüber 2010 höhere Umsätze ausweist. Theoretisch kann das so sein, aber dies gilt auch für andere Verlage und deren Titel, die die Copypreise ihrer hochauflagigen Titel maßvoll und leistungsgerecht erhöhen. Und niemand weiß im Voraus, wie sich konkret die Auflagen und Umsätze ab 2012 entwickeln, schon gar nicht in Abhängigkeit von noch nicht vollzogenen Copypreis-Erhöhungen. Das Risiko liegt auf beiden Seiten. Ich habe daher nicht den Eindruck, dass Axel Springer übermäßig egoistisch verhandelt hätte und das Grosso nur willfährig gefolgt wäre. Es ist vielmehr eine sehr gerechte und kluge Regelung herausgekommen, weil jeder Verlag die Chance hat, über Preispolitik und andere Marketinginstrumente an der neuen Bonus-Plus-Regelung zu partizipieren. Interview: Roland Pimpl
Meist gelesen
stats