100 Jahre Wilhelm Lorch: Journalist - Verleger - Netzwerker

Donnerstag, 17. November 2011
Wilhelm Lorch
Wilhelm Lorch

Gedenken an Wilhelm Lorch: Am 21. November 2011 wäre der Gründer des Deutschen Fachverlags (dfv) 100 Jahre alt geworden. Wilhelm Lorch wurde am 21. November 1911 als Sohn einer Bauernfamilie in Scherlin geboren. Das Dorf liegt in der früheren preußischen Provinz Posen und gehört heute zu Polen. Schon in seiner Schulzeit war es offensichtlich: Der junge Wilhelm hatte es mit dem Schreiben. Nach dem Abitur begann er ein Volontariat bei der "Ostdeutschen Landeszeitung". Aber nur kurz. Denn 1932 bot ihm die Berliner "Grüne Post" eine Stelle in der Zentralredaktion an. Wegen eines kritischen Artikels wurde das Blatt 1933 verboten. Lorch wechselte zur Fachpresse, zur "Textil-Zeitung". Dieser Schritt war eine Weichenstellung für seine berufliche Zukunft.

Am 1. September 1939, als Deutschland den Krieg begann, wurde er für den Wehrwirtschaftsstab dienstverpflichtet. Er leitete in den folgenden Jahren auch das Pressereferat der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie und nutzte hier seine vielfältigen Branchenkontakte - auch nach dem Krieg: Es folgten reihenweise Aufgaben und Ämter in den neu zu bildenden Industrieverbänden. Im Frühjahr 1948 wurde er Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Bekleidungsverbände in der damaligen Bi-Zone, der Vereinigung der amerikanischen und britischen Zone mit Sitz in Frankfurt am Main.

Der Journalist wurde Verleger

Nebenher hatte er sich aber seiner eigentlichen Neigung, den Zeitschriften gewidmet. Bereits am 10. September 1946 erhielt sein Geschäftspartner, der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Dr. Hilmer, die Lizenz für eine Textilzeitschrift. Am 10. Oktober 1946 erschien die erste Ausgabe der TextilWirtschaft (TW) im „Neuen Fachverlag", den Lorch wenige Wochen zuvor in Stuttgart gegründet hatte. Erst 1948 mit dem Umzug nach Frankfurt am Main wurde das Unternehmen in „Deutscher Fachverlag" umbenannt. Lorchs redaktionelles Programm: praxisnah, unbestechlich, objektiv. 1948 erschien auch die erste Ausgabe der "Lebensmittel-Nachrichten", die wenige Monate später den neuen Titel Lebensmittel Zeitung (LZ) erhielt.

Er wollte es "nicht engmaschig"

Parallel zu seinem verlegerischem Engagement war Lorch in zahlreichen Verbänden aktiv: Er wurde Vorsitzender im südwestdeutschen Zeitschriftenverlegerverband in Stuttgart, war im Vorstand des späteren Bundesverbandes, im Präsidium des Zentralausschusses der Werbewirtschaft ZAW und - als einer der ersten Verleger - der IVW. Für ihn besonders wichtig war der Vorsitz in der Fachgruppe Fachzeitschriften im Verband der Zeitschriftenverleger. Er wurde nicht müde, öffentlich die Bedeutung der Fachzeitschriften in einer immer spezialisierteren Wirtschaft zu betonen. Fachzeitschriften sollten „nicht engmaschig" sein, sondern sich öffnen für Entwicklungen der Gesellschaft, auch der Politik. Das war sein Plädoyer.

Projekte mit Langzeitwirkung

Dieses Motto galt auch für die Projekte und Titel, die er in den 50er und frühen 60er Jahren entwickelte und erwarb. Für die TextilWirtschaft wie für die Lebensmittel Zeitung ging es um die Ausrichtung auf den Einzelhandel. Deshalb schloss er schon 1950 den Organschaftsvertrag mit dem BTE Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels. Und es ging darum, die Kommunikation beider Zeitschriften in ihren Branchen zu stärken. Deshalb 1958 die Schaffung der jährlichen Auszeichnung „Goldener Zuckerhut" der LZ und 1959 des ebenfalls jährlichen Forums der TW. Die Ausrichtung auf den Einzelhandel und die großen Events in ihren Branchen waren Trümpfe, die sich auszahlten. Lebensmittel Zeitung und TextilWirtschaft sind bis heute tragende Säulen des Verlags.

Lorch nutzte sein - wie wir es heute nennen würden - Netzwerk, um den jungen Verlag auszubauen, bald auch grenzüberschreitend durch Übernahmen, Beteiligungen und Neugründungen. Nicht alle damals lancierten Titel und Projekte haben bis heute überlebt. Zumindest nicht in ihrer Urform. Sie wurden auf breitere Füße gestellt, erhielten englischsprachige Schwestern oder wurden mit anderen Titeln zusammen gefasst und waren nicht selten die Basis für spätere Innovationen.

Der tragische 10. Juni 1966

Am 10. Juni 1966 starb Lorch völlig überraschend während einer Sitzung des Südwestdeutschen Verlegerverbandes in Heidelberg. Der Schock reichte weit über den Verlag hinaus. Führende Verleger, Unternehmer aus Handel und Industrie, Politiker würdigten sein Wirken. Der Fachverlag konnte Kontinuität sicherstellen. Eva Lorch und Sohn Peter übernahmen die Geschäftsführung. Sein zweiter Sohn, Andreas Lorch, wechselte nach seiner Bankausbildung in den Bekleidungsbetrieb der Familie.

Die Erfolgsformeln haben Bestand

Heute besteht der dfv, noch immer in den Händen der Familie Lorch, 65 Jahre. Die ersten 20 Jahre waren prägend. Der Gründer hat dem Unternehmen Gene mitgegeben, die bis heute wirken. Der Verlag konnte nach Wilhelm Lorchs Tod seine wirtschaftlichen Erfolge bis heute fortsetzen, mit führenden Fachmedien in großen Märkten; neben Textil und Lebensmittel unter anderen im Gastronomie- und Hotelgeschäft, in Marketing und Werbung, in der Agrar- und Fleischwirtschaft, bei Messen und Ausstellungen, im Immobilienmarkt und auf dem Feld der Rechtstitel.

Und der Verlag hat seinen Ruf bewahrt, inhaltlich exzellente Fachmedien anzubieten; gedruckt, digital und als Kongressangebot. Man weiß in Frankfurt sehr gut, dass am Ende zählt, „was drin steht". Praxisnah, unbestechlich und objektiv, wie Wilhelm Lorch es vor 65 Jahren formulierte. Er war ein großer Verleger.

Der Beitrag ist die gekürzte Version eines Artikels von Jörg Hintz, viele Jahre Geschäftsführer des dfv und Chefredakteur der TW. Den Artikel in Originallänge senden wir Ihnen auf Wunsch gerne zu. 

Kontakt:
Brita Westerholz, Leitung dfv-Unternehmenskommunikation
Telefon: 069 7595-2061
E-Mail: brita.westerholz@dfv.de
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