"Spiegel" und Spiegel Online Aus dem Tollhaus

Donnerstag, 01. Dezember 2016
"Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer
"Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer
© Der Spiegel

Beim "Spiegel" geht es derzeit um die Frage der Führung. Wie dringlich eine Antwort ist, zeigen die jüngsten Reaktionen auf die erwartete Absetzung von "Spiegel-Online"-Chef Florian Harms. Während er in Hamburg den Rückhalt verloren hat, stärken ihm die Berliner Kollegen den Rücken. Mit Blick auf die heute stattfindende Gesellschafterversammlung haben sie eine Unterschriftenliste organisiert.

Schloss Tremsbüttel bot schon vielen Brautpaaren die Kulisse für den Bund des Lebens. Bei der Klausur allerdings, zu der die "Spiegel"-Chefredaktion alle Ressortleiter am letzten September-Wochenende auf das Anwesen eingeladen hatte, verfehlte die Idylle ihre Wirkung. Ziel des Treffens war, "in Ruhe Dinge zu diskutieren, für die in der Alltagshektik die Zeit fehlt", sagt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer im Nachhinein.

Dafür hatte er eigens einen Moderator engagiert: Rüdiger Klepsch, an der Ericusspitze kein Unbekannter. Der Coach hat für "Spiegel Karriere" schon viele Tipps fürs Büroleben aufgeschrieben. Projektmanagement, Teamentwicklung, Konfliktmanagement und Führung sind seine Spezialität. Als das Wort "Leadership" fiel, stutzten einige Ressortleiter schon. Beim Stichwort "post-heroische Führung" hatten sie genug – für einen Stuhlkreis waren sie nicht zu haben. Klepsch, berichten Teilnehmer, war schnell klar, dass die Klausur nicht nach Plan lief. Immerhin, am zweiten Tag ging es dann doch noch um Arbeitsabläufe, datenjournalistische Projekte, Fragen der Kooperation und Titelproduktion.

Brinkbäumer sagt, die Klausur sei für alle Seiten effektiv gewesen, habe Spaß gemacht und werde fortgeführt. Worüber er wenige Tage vor der Gesellschafterversammlung nicht reden will, ist die sich anbahnende Trennung von SpOn-Chef Florian Harms.
Klaus Brinkbäumer und Florian Harms
Bild: Marcelo Hernandez, HH Abendblatt

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Post-heroische Führung

Seit zwei Jahren führt Brinkbäumer den "Spiegel". Er weiß exzellent mit Texten umzugehen, zeigt echtes Interesse an Themen, bietet Freiräume, denkt politisch, ist ein Menschenfreund. Was zu seinen Ungunsten vorliegt: Er ist sensibel. Niemand wünscht sich den Zynismus eines Stefan Aust zurück. Wohl aber sehnen sich einige nach einem Chef, der sagt, wo es langgeht. Das schränkt zwar Freiräume ein, nimmt einem aber zugleich die Verantwortung ab, selbst auf die drängenden Fragen beim "Spiegel" Antworten finden zu müssen.

In Wirklichkeit weiß aber auch beim "Spiegel" jeder: Dieser märchenhafte Retter existiert nicht, also lohnt auch keine Revolte gegen Brinkbäumer. Es ist beim "Spiegel" nicht anders als in der Politik: Es gibt keine einfachen Lösungen. Das gilt erst recht für den Spiegel-Verlag, der zur Hälfte den Mitarbeitern gehört, und bei dem immer alles ein wenig länger und anstrengender diskutiert wird als anderswo. Das muss man aushalten können.

Obendrein ist Brinkbäumer nun einmal nicht der Typ für autoritäres Führen und will sich dazu auch gar nicht erst verbiegen lassen. Seine Methode ist die des geduldigen Erklärens. Das mag auf manche wie ein Rechtfertigen wirken. Es führt auf alle Fälle dazu, dass es ihm als Entscheidungsschwäche ausgelegt wird. Wie schreibt Klepsch? "Den Versuch, topdown eine Entscheidung durchzusetzen, weil es scheinbar schneller geht, bestrafen Teams durch Verweigerung, Verhinderung oder Blockade." Für den anderen Weg brauche es "Nerven und Geduld".
Klaus Brinkbäumer und Floriam Harms
Bild: Spiegel

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Das ewige Klein-Klein

Wenn es sie gäbe, die eine rettende Idee: Es wäre eine Sensation. Vorerst kann auch der Spiegel-Verlag nur hoffen, mit möglichst vielen kostenpflichtigen Veranstaltungen hier und Magazinablegern da eines Tages in der Summe die Erlösrückgänge des Print-Magazins abzufedern, wenn sie schon nicht zu verhindern sind. Das fordert das Management ebenso heraus wie die Redaktion. Nicht alles gelingt. Manches läuft gut ("Spiegel Edition Geschichte"), anderes nicht ("Spiegel Wissen").

Weiteres ist geplant, etwa ein Programmie des Teams um Wirtschaftsvize Markus Brauck. Bisher ist unklar, ob es als Kauftitel, Supplement oder gar nicht erscheint. Für marktreif erklärt ist dagegen das lange aufgeschobene "Spiegel Daily", das wohl von Frühjahr 2017 an als kostenpflichtige App erscheinen wird. Mehr als punktuell soll es dafür keine personelle Verstärkung geben. Generell gilt, Neues aus eigener Kraft zu stemmen. Und dann wäre da noch die dritte Wachstumsmaßnahme neben den Derivaten und einer besseren Vermarktung: ein funktionierendes Bezahlmodell fürs Digitale.

Abomodelle statt Laterpay

Für Laterpay kam die jüngste HORIZONT-Meldung, der Spiegel-Verlag beende die Kooperation, zur Unzeit. Die Firma wollte die prominente Referenz gerade anderweitig für eine bessere Verhandlungsposition nutzen. Entsprechend heftig dementierte Gründer Cosmin Ene die Nachricht, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Zwei Gründe führten beim Spiegel-Verlag zur Abkehr von Laterpay: Die geringen Erlöse aus dem Verkauf von "Spiegel-Plus"-Artikeln sind der eine, die fehlenden Informationen über die Nutzer der gravierendere Grund. Wie soll der Verlag grundsätzlich zahlungsbereiten Nutzern Angebote unterbreiten, über die er kaum etwas weiß?

Brinkbäumer sagt: "Mit Pay-Modellen beginnen wir erst. Der Einzelverkauf von Artikeln war nicht mehr als der Anfang, so haben wir es vom ersten Tag an erklärt, und mit Abomodellen und einer technischen Perfektionierung geht es nun weiter." Konkret sollen schnell kündbare, sich selbst verlängernde Tages-, Wochenund Monatspässe eingeführt werden. Die Preise richten sich gestaffelt danach, was der Nutzer will: alles inklusive, ausschließlich "Spiegel Daily", das Heft in Kombination mit Spiegel Online et cetera. Welche technische Infrastruktur der Verlag dafür auswählt, ist derzeit offen.
Spiegel Hochhaus
Bild: Foto: Jürgen Herschelmann

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Patenschaften mit SpOn

Noch immer reicht ein Funke, um alte Grabenkämpfe zwischen Print und Online aufflammen zu lassen. Es wird dann schnell persönlich und verletzend. Das zeigte sich in diesen Tagen erneut. Mal geht es darum, wer das größere Sorgenkind ist: Print oder Online; mal darum, wer mehr schreibt oder tiefer recherchiert: Print- oder Online-Redakteure.

In Wahrheit müssten beide voneinander lernen. Aktuell sind es die Ressorts D2 und Wirtschaft, die mit ihren SpOn-Pendants konferieren, Themen abstimmen und Herangehensweisen besprechen. Auch räumlich kommt man sich näher. Das Panorama-Ressort zieht von Spiegel Online in der 13. Etage eine tiefer zu D2. Begleitet wird das "Patenprogramm" von dem externen Coach Martin Althaus. Das über allem stehende Ziel ist, gemeinsam einen Journalismus zu betreiben, der die Bezeichnung multimedial verdient und sowohl den Ansprüchen der Marke als auch der zahlungsbereiten Nutzer genügt.

Hans statt Harms

In diesem Punkt allerdings gab es schon länger Zweifel, ob Florian Harms der richtige Chef für "Spiegel Online" ist. Artikuliert wurden diese Zweifel aus Harms‘ eigenem, Hamburger Team. Nachdem HORIZONT über seine zu erwartende Ablösung berichtet hatte, fand sich bei der Betriebsversammlung am vorigen Freitag niemand, der Harms den Rücken gestärkt hatte. Als mögliche Nachfolgerin im Gespräch ist Barbara Hans, Harms‘ Stellvertreterin, die für sich ohnehin eine neue Konstellation fordert.

Das Berliner SpOn-Team hat nun auf ganz eigene Art auf die Führungsdebatte reagiert. 25 Namen stehen auf der Unterschriftenliste. Darin heißt es: "Mit großer Sorge nehmen wir im Berliner Büro von ,Spiegel Online‘ die Diskussion um den Chefredakteur Florian Harms zur Kenntnis". Die Vorwürfe seien absurd, er sei kollegial und kompetent, eine allgemeine Unzufriedenheit sei nicht wahrzunehmen, vielmehr sei eine erneute Phase der Verunsicherung der Redaktion zu befürchten und eine Schwächung von "Spiegel Online".

Das alles klingt wahrlich absurd, erinnert an ein Tollhaus und zeigt vor allem eines: Führung ist gefragt, und zwar dringend.

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