Volker Schütz

Volker Schütz

Disruption is king Wo bleibt nur das nächste große Ding?

Sonntag, 14. Juni 2015
Veranstaltungen wie die Startup-Konferenz Noah in Berlin oder New Platform Advertising in Hamburg zeigen: Die Internet-Industrie der dritten Generation ist in Aufbruchstimmung. Nicht nur die großen Medienhäuser täten gut daran, sich ernsthaft mit der Kultur der jungen Wachstumsunternehmen zu beschäftigen. HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz hat den Aufbruch der jungen Digitalindustrie beobachtet.

Anlass und Zielgruppen waren sehr unterschiedlich, der Spirit aber der gleiche. In Berlin trafen sich rund 2000 Investoren, Start-ups, Internetkonzerne und Medien auf der Noah, um über die Big Trends im Digitalbusiness zu diskutieren. Einen Tag später debattierten 300 junge Kreative in Hamburg über New Platform Advertising, Internetwerbung auf den Plattformen in der zweiten Reihe hinter Facebook, Google & Co. Ältere Besucher fühlten sich inbesondere in Berlin an die heißen Jahre zwischen 1995 und 1999 erinnert. Eines vorab: Das nächste große Ding wurde in Berlin nicht gefunden. War aber auch nicht nötig, denn - das zeigen die Grafiken weiter unten - es gibt im Moment einige vielversprechende Wachstumsunternehmen im Werbebereicht.

1. Disziplin, Disziplin, Disziplin

Wie bringt man 120 Redner an zwei Kongresstagen unter? Man lässt fast ausschließlich Vertreter von Wachstumsunternehmen zu Wort kommen. Dort gilt inzwischen als Loser, wer es nicht schafft, seine Business-Idee in wenigen Minuten zu erzählen. 10 Minuten Zeit hatten die meisten Redner auf der Noah, und oft kam bei ihnen mehr rüber als bei Vizekanzler Sigmar Gabriel, der 20 Minuten reden durfte, aber nichts Neues verkündete. Als seinerzeit Bild-Chef Kai Diekmann den Hoodie entdeckte, mokierten sich viele Betrachter aus  traditionellen Unternehmen und Medien vor allen Dingen noch über den Dresscode der Start-ups. Inzwischen wird über das Geschäft gesprochen.  Und der Frage nachgegangen, wie man erfolgreiches Business aufbauen kann.  Die Antwort ist gar nicht so kompliziert: Mit harter Arbeit, so Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer, und Disziplin, Disziplin, Disziplin, nicht nur bei den Präsentationen.
Wachstumsunternehmen im Advertisingbereich
Wachstumsunternehmen im Advertisingbereich (© Noah)

2. Selbstbewusstsein und Fokussierung

Jan Beckers ist Gründer und CEO der HitFox Group. Er redet mit dem Ego eines 50-jährigen Vorstands eines DAX-Unternehmens, ist aber gerade mal 29 Jahre jung. Seit er seine Eltern davon überzeugte, in EA zu investieren, sieht er sich als Entrepreneur. Das war vor 14 Jahren.

Nicht jeder kann 10 Firmengründungen vorweisen, bevor er 30 Jahre geworden ist. Doch was alle Gründer eint, und was man manchen Medienhäusern sehnlichst wünscht: die felsenfeste Überzeugung, mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Noah-Mitveranstalter Axel Springer weiß:  Wer Start-ups an sich bindet, holt sich nicht nur Know-how und mögliches Neugeschäft ins Haus, sondern auch eine Kultur, der der Selbstzweifel der Printbranche fremd ist.


Den Glauben an sich selbst und das eigene Produkt predigt Arianna Huffington schon seit einiger Zeit. In Berlin macht die HuffPo-Gründerin deutlich, was zum Selbstvertrauen dazu gehört: Fokussierung. Ihre Message: "Schaut nicht auf eure Mitbewerber, sondern konzentriert euch auf die eigenen Ziele."

Digital Marketing Days

Auch im Juli gibt es einen hochkarätig besetzte Konferenz rund um Digital. Bei den HORIZONT Digital Marketing Days stehen am 13. und 14. Juli Mobile, Social Media, Content Marketing und Start-ups im Zentruim. Redner sind unter anderem: Anders-Sundt Jensen, Leitung Marketing Kommunikation bei Volkswagen, Steffen Hopf, Yahoo Deutschlandchef, Oliver von Wersch. Geschäftsführer von G+J Digital Products, Christoph Bornschein, Torben, Lucie und die gelbe Gefahr, Marc Sasserath, Sasserath Munzinger Plus, Thomas de Buhr, Twitter, Benedikt Schaumann, Nestlé, Nicolas Lindken alias Tense, Philipp Westermeyer, Online Marketing Rockstars, Andreas Neef, L’Oréal, Andreas Alpar, AKM3, Lukas Kircher, C3, , Patrick Swientek, Maggi, Peter Figge, Jung von Matt, Tina Beuchler, Nestlé, Ulrich Kramer, Pilot, Lars Lehne, Google..
Wer wissen will, worauf es im Digitalbusiness ankommt, darf die HORIZONT Digital Days nicht versäumen. Weitere Infos und Anmeldung bei der Conference Group

3. So tun als sei man immer Challenger

Frappierend: Die arrivierten Internet-Stars machen sich vor einem Publikum von Investoren und Gründern kleiner, jünger und bescheidener, als sie in Wirklichkeit sind. "Wir wollen immer Challenger bleiben", beschreibt Facebook-Topmanager Martin Ott das angebliche Selbstverständnis des weltweit größten sozialen Netzwerkes. Understatement auch bei Arianna Huffington: "Wir sind Herausforderer." Aha. Das macht sympathisch - und rückt Konzerne zumindest gedanklich in die Nähe von Garagenfirmen, weil daran erinnert wird: Auch die Big Player des Internets haben einmal klein angefangen.

Und Google? Eric Schmidt ist nicht nur ein exzellenter Chairman, sondern mindestens genauso brillanter Schauspieler. In Deutschland, dem Land mit der wahrscheinlich größten Kritikergemeinde, wirkt Schmidt nicht wie ein Topmanager des wichtigsten Konzerns der Welt, sondern wie der nette Onkel aus Übersee, der Lob und Anregungen verteilt. Lob: „Deutschland ist Marktführer im Solarbereich – und das trotz des Wetters hier. Das ist ein Riesenmarkt“. Ratschlag: „Habt nicht zu viel Angst vor Big Data. Überlegt lieber, wie man damit Geld verdienen kann.“

4. Die digitale Revolution frisst ihre Kinder

Es herrscht immer noch die irrige Annahme, dass Digital die alten Medien, Print und TV,  zerstört. Doch die  Disruption disruptiert vor allen Dingen Digital. Die Revolution frisst ihre Kinder. Auf der New Platform Advertising einen Tag nach Noah sagt Digiday-Chef Brian Morrissey: „Mobile ist nicht gut für Desktop-Content." Nicht nur für den Content. Komplette Geschäftsmodelle drohen zu zerbröseln. Eine Online-Anzeige ist viel billiger als eine Anzeige. Und  Mobile-Banner bringen Medien die berühmten lousy pennies im Vergleich zu Werbung im stationären Internet. „Mobile is eating the world", sagt Morrissey. Was zur Frage führt: Womit wollen mittelgroße und kleine Medienhäuser perspektivisch Geld im Internet verdienen, wenn die stationäre Nutzung des Web durch Smartphones aufgefressen wird?

Die disruptive Gefräßigkeit geht noch weiter. Facebook ist das größte soziale Netzwerk, aber bei vielen Jungen ist Instagram oder Snapchat viel cooler. Booking.com ist eines der führenden Internet-Unternehmen der zweiten Reihe hinter Apple, Amazon, Facebook und Google. Doch Airnb mit seiner Appl auf der Lauer. Mobile is eating the world? Eher: Mobile is eating the internet world. Oder: It’s the end of  the internet world as we know it.
Wachstumsunternehmen im Medienbereich
Wachstumsunternehmen im Medienbereich (© Noah)

5. Es muss nicht immer Disruption sein

Es gehört zum Sprachgebrauch der Szene, die Relevanz des eigenen Produkts dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass man das Wort Disruption in einer 10-minütigen Rede mindestens fünfmal fallen lässt. Doch nicht jede App zerstört tradierte Märkte und alte Marken. Und nicht jeder Gründer ist ein neuer Henry Ford, ein neuer Steve Jobs oder ein zweiter Jeff Bezos. Muss und kann er auch nicht sein. „Wir reden permanent über Disruption, lasst uns auch über Aufbau sprechen", appelliert Jessica Federer, die Digitalchefin von Bayer. Das sagt die Managerin eines Traditionsunternehmen, es bleibt aber nichtsdestotrotz ziemlich richtig.

6. Immer groß denken

Was haben Donata Hopfen, Axel Springer, Christian Wegner, Pro Sieben Sat 1, Sigmar Gabriel, Vizekanzler, gemeinsam? Sie alle betonen, dass angesichts eines globalen Wettbewerbs die eigene Internet-Strategie auch international angelegt sein muss. „Europäische Start-ups sind zu sehr auf ihre lokalen Märkte konzentriert", hat der Vizekanzler beobachtet (Richtig, aber was macht die Bundesregierung konkret, um jungen Unternehmen eine globale Perspektive zu eröffnen?). Der Kauf von 6Wunderkinder durch Microsoft hat gezeigt: Wenn eine Gründung international angelegt und groß gedacht wird, sind auch deutsche Start-ups interessant für internationale Konzerne.

„Thinking global from day one" - was gerade mit Blick auf Investoren und Venture-Capital-Unternehmen ein zentraler Punkt ist, sollten sich die Medienhäuser zu Herzen nehmen, zumindest die Größeren. Dass Mathias Döpfner den Traum eines globalen deutschen Medienhauses realisieren will, wurde hier schon thematisiert. Auch für das Börsenunternehmen ProSieben Sat1 ist eine internationale Perspektive unerlässlich. Netflix denkt und handelt global, wer hier mithalten will, muss das auch leisten können. Vielleicht sollten Axel Springer und Pro Sieben Sat 1 sich Heftig.co anschauen. CEO Peter Schilling zeigt auf der NPA, wie man von Potsdam aus ein internationales digitales Medienunternehmen aufbauen kann.

7. The winner takes it all?

Es gibt ein Facebook, ein Amazon, ein Ebay und ein Apple. Wird deshalb im Internet mittelfristig ein CNN/Bild/Business Insider/New York Times/FAZ übrigbleiben? Henry Blodget, Gründer von Business Insider, sagt Nein!. Im Technologie-Bereich könne es nur einen Gewinner geben, im Medien-Bereich gelte die Regel "The winner takes all"  nicht. Das lässt nicht nur den Business-Insider-Anteilseigner Axel Springer hoffen, auch zu den internationalen Gewinnern zu zählen.

Dass in der neuen Internet-Generation andere Machtverhältnisse herrschen, muss auch WPP-Chef Martin Sorrell zur Kenntnis nehmen. Der Mann, der dutzende Unternehmen aufgekauft, gemergt und in sein Imperium integriert hat, darf auf der Noah wie der 25-jährige CEO einer Garagenfirma 10 Minuten sprechen; Business Insider-Chef Blodget hat 20 Minuten Zeit, seine Vision des digitalen Journalismus zum Besten zu bringen. Oliver Samwer dagegen hat 30 Minuten plus 15minütiges Q&A, um darüber zu philosophieren, dass er nur ein einfacher Bäcker sei, der seine Kuchen aus drei Zutaten zubereitet: Menschen, Ideen, Kapital. Die Metapher klingt aus dem Mund eines Ausnahmeunternehmers, der früher gerne von „Blitzkrieg“ sprach, wenn er internationale Unternehmen gründete, nach allzu schöner PR, um wirklich wahr zu sein. Die Zuhörer waren begeistert.

Und Sir Martin Sorrell? Der war inBerlin erst gar nicht anwesend, sondern leierte seine Präsentation per blechener Videoübertragung von London in die deutsche Hauptstadt: auch eine Methode, um unmissverständlich klar zu machen, was man von den neuen (Macht-)Verhältnissen im Internet hält.

 

 

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