Fabian Müller

Fabian Müller

"Wontorra - der Fußballtalk" Der gelungene Angriff von Sky auf den Sport 1-"Doppelpass"

Montag, 14. August 2017
"Ausschließlich Steilpässe - keine Doppelpässe mehr". So wirbt der freiempfangbare Sender Sky Sport News HD für sein neues Format "Wontorra - der Fußballtalk". Slogan, Positionierung und Sendezeit sind ein klarer Angriff auf den Sport 1-"Doppelpass" - ausgerechnet die Sendung, die Wontorra selbst elf Jahre lang moderierte. Und der Saisonauftakt beider Formate zeigt: Die etablierten Kräfteverhältnisse unter den Fußball-Stammtischen könnten sich rasch verändern.

Seit geschlagenen 22 Jahren gehört der "Doppelpass" bereits untrennbar zum Sonntagsprogramm vieler Fußballfans - anfangs im DSF, inzwischen beim Nachfolgesender Sport 1. Ob die dem in dieser Saison als "Check 24 Doppelpass" firmierendem Format aber weiterhin treu ergeben die Stange halten, darf zumindest angezweifelt werden. Gründe dafür sind eine Reporterlegende mit Sport 1-Vergangenheit, eine hervorragend vernetzte Redaktion und ein klares Sendekonzept. Die Rede ist von "Wontorra - der Fußballtalk" beim Sender Sky Sport News HD.

Zum Auftakt gab sich gestern Uli Hoeneß die Ehre. Ein Coup. In dieser Auführlichkeit - das Format dauert 105 Minuten - hat sich der Bayern-Präsident seit Ende seiner Haftzeit noch nicht im freiempfangbaren Fernsehen geäußert. Zwei alte Haudegen, Wontorra und Hoeneß kennen sich seit rund 40 Jahren, immer wieder stießen sie auch aneinander. Man mag von dem inzwischen 68-jährigen, Fettnäpfchen-erfahrenen Reporter halten, was man möchte (den Zweitligisten Erzgebirge Aue bezeichnete er gestern etwa immer noch als "Wismut Aue"; ein Name, der offiziell 1993 eingemottet wurde). So viel Erfahrung wie er hat im aktiven Geschäft aber kaum jemand vorzuweisen.
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Und die nutzt Wontorra im 1:1-Live-Talk mit Hoeneß. Auch wenn der Bayern-Boss Themen wie seine Erlebnisse während der Haft eigentlich auslassen möchte, kitzelt Wontorra dennoch ein paar spannende Episoden aus ihm heraus. Nonchalent bietet er Hoeneß sogar Hilfe beim Einrichten seiner allerersten E-Mail-Adresse ein. Der zeigt sich entspannt, aber in seiner Meinung gewohnt klar und unbeirrt. Und gibt dazwischen Donald Trump noch den Rat, auf seine Twitter-Attacken zu verzichten. Für einen Moderator ist ein Hoeneß in Stimmung stets der perfekte Sparringspartner. Auch wenn es 105 Minuten lang mit Ausnahme einer kurzen Schalte nur um den einen einzigen Gast geht. Darin liegt die größte Stärke des Wontorra-Talks. Aber auch vielleicht ein Risiko. Während zeitgleich beim "Doppelpass" vier Experten und ein Moderator in zweieinhalb Stunden Brutto-Sendezeit von einem Thema zum anderen galoppieren, sich dabei zwischen langen Werbeunterbrechungen auch durchaus mal verzetteln (Stammtisch-Atmosphäre eben), nimmt sich Wontorra ausführlich Zeit. In der nächsten Woche kommt Dortmund-Chef Hans-Joachim Watzke, auch ein Mann klarer Worte und Meinungen. Aber gibt es im deutschen Fußball ausreichend Persönlichkeiten, die ein solches 1:1-Format tragen? Wohl kaum. Das weiß auch Sky und hat deswegen einen Expertenpool rund um Ex-Nationalspieler Didi Hamann und diverse (exklusiv bei Sky auftretende) Sportjournalisten aufgebaut.
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Das wiederum ähnelt dann schon sehr stark dem "Doppelpass". Die Auftaktquote von Wontorras Format (150.000 Zuschauer im Gesamtpublikum, 1,4 Prozent Marktanteil) muss Sport 1 noch keine Albträume bescheren. Aber für Sky Sport News HD ist es ein sehr ordentlicher Start. Sender und Sendeplatz müssen schließlich erst noch von den Zuschauern gelernt werden.

"Ich glaube, dass sich nicht jeder Fußball-Talk durchsetzen wird. Die Zuschauer ziehen etablierte Marken und das gelernte Sehen vor", sagte Sport 1-Chefredakteur Dirc Seemann dem Onlinedienst DWDL. Die neue Konkurrenz muss und wird er aber durchaus ernstnehmen. Nicht zuletzt, weil mit Dirk Grosse der ehemalige "Doppelpass"-Redaktionsleiter Senderchef von Sky Sport News HD ist. Er kennt die Stärken und Schwächen beider Formate aus dem Effeff. Grosse und Sky ist ein guter Start gelungen, es steht sozusagen 1:0. Aber es ist noch sehr lange zu spielen. fam

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